Frankreichs Präsidentschaftswahl im April 2027 wird ohne Emmanuel Macron stattfinden — die Verfassung begrenzt die Amtszeit auf zwei Mandate. Damit entfällt der Akteur, der seit 2017 den Begriff „souveraineté européenne" geprägt und zum Leitmotiv seiner Außenpolitik gemacht hat. Was bleibt, sind vier Lager mit vier unvereinbaren Souveränitätsbegriffen — und die Frage, welcher davon durch parlamentarisches Handeln gedeckt ist.

Dieser Parteienvergleich konzentriert sich auf ein Sachthema: die EU- und Souveränitätspolitik der relevanten Parteien. Wirtschafts-, Migrations- und Energiepolitik werden nur insoweit berührt, als sie unmittelbar auf die EU-Positionierung einzahlen. Das Raster trennt drei Ebenen: Programm (Wahlprogramm, Parteitagsbeschlüsse, offizielle Plattformen), populistische Geste (öffentliche Inszenierung, Talkshow-Auftritte, Kampagnen-Rhetorik) und Umsetzungs-Spur (Abstimmungsverhalten in Assemblée nationale und Europaparlament, eingebrachte Gesetzesinitiativen, Regierungshandeln).

Renaissance: Europäische Souveränität als Marke ohne Erben

Programm. Macrons Renaissance vertritt seit der Sorbonne-Rede von 2017 das Konzept einer „souveraineté européenne" — einer EU, die in Verteidigung, Technologie und Wirtschaft als eigenständiger geopolitischer Akteur handelt. Gabriel Attal, der sich als Nachfolgekandidat positioniert, hat diese Linie in seiner Kampagne allerdings heruntergedimmt: Seine Schwerpunkte liegen laut eigener Ankündigung bei Bildung, Löhnen, Grenzen und Künstlicher Intelligenz. Europa spielt eine untergeordnete Rolle in seinem bisherigen Profil.

Populistische Geste. Attal vermeidet das Wort „europäische Souveränität" — vermutlich, weil es nach sieben Jahren Macron als Elite-Vokabel gilt, das in den Banlieues und ländlichen Départements keine Mobilisierung erzeugt. Stattdessen setzt er auf innenpolitische Konkretheit. Das ist weniger Populismus als taktische Entleerung: Die europapolitische Substanz wird nicht angegriffen, sondern beschwiegen.

Umsetzungs-Spur. Die Bilanz der Macron-Jahre liefert den stärksten Datenpunkt dieses Vergleichs. Frankreich hat unter seiner Präsidentschaft den EU-Wiederaufbaufonds NextGenerationEU (750 Mrd. Euro) mitinitiiert, die gemeinsame EU-Schuldenaufnahme erstmals durchgesetzt und den Verteidigungsfonds EDIS vorangetrieben. Gleichzeitig scheiterte der Versuch einer gemeinsamen europäischen Migrationspolitik wiederholt an französischen Innenwiderständen. Die Assemblée nationale stimmte 2023 mehrheitlich für ein nationales Einwanderungsgesetz, das Brüsseler Harmonisierungsversuche faktisch unterläuft. Die Umsetzungs-Spur ist also gespalten: europäische Souveränität in der Fiskal- und Verteidigungspolitik, nationale Souveränität in der Migrationspolitik.

Rassemblement National: „Europa der Nationen" — laut im Saal, leise im Gesetzblatt

Programm. Das RN fordert ein „Europe des nations", in dem nationale Parlamente Vorrang vor EU-Institutionen haben. Konkret beinhaltet die Plattform: Neuverhandlung des Schengener Abkommens, perspektivischer Austritt aus der Eurozone (diese Forderung wurde seit 2022 rhetorisch zurückgenommen, ohne programmatisch gestrichen zu werden) und Senkung der französischen EU-Beiträge. Die „préférence nationale" — Vorrang für französische Staatsbürger bei Sozialleistungen und öffentlicher Beschäftigung — ist der wirtschaftspolitische Kern, der direkt in die EU-Freizügigkeitsnormen eingreift.

Populistische Geste. Marine Le Pen und Jordan Bardella inszenieren die EU als Instrument einer „classe dirigeante", die über die Köpfe der „vrais Français" hinweg entscheide. Bardella nutzte den Europawahlkampf 2024, um die EU-Agrarpolitik als Bedrohung für französische Bauern darzustellen — eine Rahmung, die bei den Bauernprotesten Anfang 2024 direkte Resonanz fand. Die DGAP-Analyse zu den „Anti-Macrons" im Europawahlkampf dokumentiert, wie das RN die EU systematisch als Gegner nationaler Interessen rahmt, ohne einen konkreten Vertragsentwurf oder Verhandlungsfahrplan vorzulegen.

Umsetzungs-Spur. Hier klafft die größte Lücke dieses Vergleichs. Das RN stellte nach den Parlamentswahlen 2024 die drittstärkste Fraktion in der Assemblée nationale, brachte aber keine eigenständige Gesetzesinitiative zur Neuverhandlung der EU-Verträge oder zum Schengen-Austritt ein (Stand: Juni 2026). Im Europaparlament stimmte die RN-Delegation in der Fraktion ID (Identity and Democracy) regelmäßig gegen EU-Haushaltserweiterungen und den Green Deal, legte aber keinen alternativen Legislativvorschlag vor. Die programmatische Schärfe steht ohne parlamentarische Entsprechung. Die Partei formuliert Maximalforderungen, deren Umsetzbarkeit sie selbst nie parlamentarisch getestet hat.

Offener Punkt: Die Recherche konnte keine RN-Gesetzesinitiative zur EU-Vertragsreform in der laufenden Legislaturperiode identifizieren. Falls eine solche existiert, wäre die Bewertung zu korrigieren.

La France Insoumise: Linker Souveränismus ohne Mehrheit

Programm. Jean-Luc Mélenchons LFI beschreibt sich als „souveränistisch" und „eurosceptique" von links. Die Partei fordert eine grundlegende Reform der EU-Verträge, insbesondere eine Demokratisierung der Europäischen Zentralbank, die Abschaffung der Maastricht-Defizitkriterien und ein Ende der Austeritätspolitik. Der ökosozialistische Flügel verknüpft die EU-Kritik mit der Forderung nach einer europäischen Planwirtschaft für den Klimaschutz — eine Position, die innerhalb des Linksbündnisses Nouveau Front Populaire (NFP) auf Widerstand der Sozialisten und Grünen stößt.

Populistische Geste. Mélenchon rahmt die EU als „Instrument des Neoliberalismus" und die EZB als „Diktatur der Technokraten". Die Rhetorik ähnelt strukturell der des RN — beide konstruieren einen Gegensatz zwischen Volk und supranationaler Elite —, unterscheidet sich aber im Adressaten: LFI spricht Arbeiter, Studierende und Menschen mit Migrationsgeschichte in urbanen Zentren an, nicht die ländliche „France périphérique". Die Kampagnenstrategie setzt auf Social-Media-Mobilisierung und Straßenprotest statt auf bürgerliche Medienformate.

Umsetzungs-Spur. LFI gehörte dem NFP an, das nach den Parlamentswahlen 2024 stärkste Kraft in der Assemblée wurde, ohne eine absolute Mehrheit zu erreichen. Ein Energie- und Klimagesetz, das als Vehikel für eine ökologische Neuausrichtung der EU-Politik dienen sollte, scheiterte an der fragmentierten Mehrheitslage. Im Europaparlament stimmte die LFI-Delegation (Fraktion The Left) gegen den EU-Stabilitätspakt 2024 und gegen die Reform des Strommarktdesigns — konsistent mit dem Programm, aber ohne legislative Gestaltungsmacht. Die zentrale Schwäche: LFI hat keine Koalition, die ihre EU-Reformagenda parlamentarisch tragen könnte, und die internen Spannungen im NFP — insbesondere zwischen LFI und den pro-europäischeren Sozialisten — machen eine kohärente Umsetzungs-Spur unwahrscheinlich.

Les Républicains: Konservative Mitte ohne europapolitisches Profil

Programm. Die LR positioniert sich zwischen den Lagern: grundsätzlich pro-europäisch, aber mit Betonung nationaler Interessen. Die Partei fordert eine strengere EU-Migrationspolitik und eine Stärkung der Subsidiarität, ohne die EU-Mitgliedschaft infrage zu stellen. Valérie Pécresse kündigte im Wahlkampf 2022 ein Referendum über die Einwanderungspolitik an — ein Instrument, das nationale Souveränität gegen EU-Harmonisierung ausspielt, ohne das Rahmenwerk formal zu verlassen.

Populistische Geste. Bruno Retailleau und Laurent Wauquiez ringen um die Parteiausrichtung. Retailleau bedient eine konservativ-identitäre Rhetorik, die Anleihen beim RN-Vokabular nimmt (Grenzschutz, „Autorität des Staates"), während Wauquiez eine gemäßigtere europapolitische Linie vertritt. Die Partei schwankt zwischen der Versuchung, RN-Wähler zurückzugewinnen, und dem Risiko, dabei das eigene pro-europäische Profil zu verlieren.

Umsetzungs-Spur. In der Assemblée nationale stimmte die LR-Fraktion 2023 für das Loi Immigration und unterstützte damit faktisch eine nationale Verschärfung, die über EU-Mindeststandards hinausgeht. Im Europaparlament (EVP-Fraktion) trägt die LR-Delegation den Kurs der Parteienfamilie mit — einschließlich des Green Deal und der EU-Asylreform. Die Umsetzungs-Spur zeigt eine Partei, die auf europäischer Ebene konstruktiv agiert, auf nationaler Ebene aber populistisch abweicht. Diese Doppelstrategie ist konsistenter als die des RN (das auf beiden Ebenen blockiert), aber inhaltlich widersprüchlich.

Was die Matrix zeigt

Der Vergleich der vier Lager ergibt ein Muster: Je radikaler die Souveränitätsforderung, desto dünner die Umsetzungs-Spur. Das RN fordert am lautesten, liefert am wenigsten. LFI formuliert die ambitionierteste Reformagenda, hat aber keine Koalition. Renaissance kann auf eine reale, wenn auch widersprüchliche Regierungsbilanz verweisen — doch der Nachfolgekandidat Attal entleert das europapolitische Profil gerade taktisch. Die LR agiert europäisch konstruktiv, untergräbt diese Linie aber national.

Für Wähler, die ihre Entscheidung an der EU-Frage ausrichten, bedeutet das: Die programmatische Rhetorik der Kandidaten ist ein schlechter Prädiktor für tatsächliches Regierungshandeln. Die relevantere Frage ist, welche Koalition im Juni 2027 die Assemblée nationale kontrolliert — denn Frankreichs Europapolitik wird nicht im Élysée allein gemacht, sondern im Zusammenspiel von Präsident und Parlamentsmehrheit. Und genau diese Mehrheit hat seit 2024 niemand.

Datenlücke: Die finalen Wahlprogramme für 2027 liegen Stand Juni 2026 nicht vor. Die Analyse stützt sich auf bestehende Parteiplattformen, Europawahlprogramme 2024 und parlamentarisches Handeln der laufenden Legislaturperiode.