Am 30. Mai 2026 wählen die Delegierten des 77. Ordentlichen Bundesparteitags Wolfgang Kubicki mit 59,27 Prozent der Stimmen zum neuen Bundesvorsitzenden — gegen Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die einen sozial-liberaleren Kurs vertritt. Die Kampfabstimmung legt eine Bruchlinie offen, die weit über Personalfragen hinausreicht: Die FDP muss entscheiden, ob sie eine Programmpartei sein will, die Beschlüsse an der Regierungswirklichkeit misst, oder eine Stimmungspartei, die auf Parteitagen Maximalforderungen verabschiedet und in Koalitionen systematisch davon abweicht.
Dieser Kommentar argumentiert entlang der Effizienz-Achse: Gemessen an den Ergebnissen ihrer eigenen Digitalisierungs- und Bürokratieabbauziele hat die FDP in den vergangenen Jahren mehr versprochen als geliefert — und der neue Parteitag wiederholt dieses Muster.
Die Beschlüsse: bekannt, ambitioniert, unverändert
Der Leitantrag des Bundesvorstands fordert, was FDP-Parteitage seit Jahren fordern: Bürokratieabbau, Subventionskürzungen, Einhaltung der Schuldenbremse, ein einfacheres Steuersystem, Abschaffung des Solidaritätszuschlags und die Rente mit 63. Der Zwölf-Punkte-Plan zur „Wirtschaftswende", bereits im April 2024 verabschiedet, liest sich wie eine Blaupause für den Antrag von 2026 — dieselben Stichworte, dieselbe Stoßrichtung.
In der Digitalpolitik wiederholt der Parteitag das Ziel einer „Bundesdigitalrepublik Deutschland": alle Behörden digitalisiert, ein Government-as-a-Platform-Modell, digitale Wallet für Bürger, Technologieoffenheit bei Künstlicher Intelligenz. Der Zeithorizont „bis 2025" steht noch in den Beschlüssen des 74. Parteitags von 2023. 2025 ist vorbei.
Die Gegenposition: Kompromiss als Regierungspraxis
Wer die FDP fair lesen will, muss anerkennen: Koalitionsregierungen sind Kompromissmaschinen. Eine Partei mit 11,5 Prozent bei der Bundestagswahl 2021 konnte in einer Dreierkonstellation mit SPD und Grünen nicht ihr gesamtes Wahlprogramm durchsetzen. Die Partei selbst verweist auf reale Erfolge — die Ratifizierung von CETA, die Verhinderung eines pauschalen Verbrennerverbots auf EU-Ebene, die Stabilisierung der Schuldenbremse gegen massiven Koalitionsdruck, den Ausbau der Start-up-Förderung. Das sind keine Kleinigkeiten. Wer Regierungsverantwortung übernimmt, muss Kompromisse eingehen, und manche dieser Kompromisse haben liberale Positionen gegen den Widerstand zweier Partner durchgesetzt.
Auch Kubickis Wahl lässt sich als Zeichen interner Demokratie lesen: Die Delegierten hatten eine echte Wahl zwischen zwei Kandidaten mit unterschiedlichen Profilen, und sie entschieden sich mit klarer, aber nicht erdrückender Mehrheit. Das ist mehr innerparteiliche Debattenkultur, als viele Parteien aufbringen.
Das Muster: Rhetorik-Umsetzungs-Gefälle
Und doch bleibt ein strukturelles Problem, das kein fairer Steelman auflösen kann. Die FDP beschließt auf Parteitagen Ziele, deren Nichterreichung sie auf dem nächsten Parteitag stillschweigend übergeht — und dann dieselben Ziele erneut beschließt.
Das deutlichste Beispiel ist die Digitalisierung. Der 74. Parteitag (April 2023) verabschiedete das Ziel, alle Behörden bis 2025 zu digitalisieren. Netzpolitik.org dokumentierte schon damals eine „digitalpolitische Realitätsverzerrung": Volker Wissing als zuständiger Minister verfügte weder über ein konsolidiertes Digitalbudget noch über eine durchsetzbare Umsetzungsstruktur gegenüber den Ländern. Das OZG-Fristende im Dezember 2022 war bereits gerissen; von den 575 zu digitalisierenden Verwaltungsleistungen waren Ende 2023 je nach Zählung zwischen 33 und 150 flächendeckend verfügbar. Auf dem Parteitag 2026 taucht das Behörden-Digitalisierungsziel erneut auf — ohne Bilanz des Scheiterns, ohne korrigiertes Datum.
Ähnlich beim Bürokratieabbau: Die FDP forderte im Wahlprogramm 2021 einen „Entfesselungspakt für die deutsche Wirtschaft" (Deutschlandfunk, Wahlprogramm-Analyse). In der Regierung hat die Ampelkoalition vier Bürokratieentlastungsgesetze auf den Weg gebracht. Ob die Nettobelastung für Unternehmen gesunken ist, bleibt strittig — der Nationale Normenkontrollrat hat wiederholt darauf hingewiesen, dass neue Berichtspflichten (etwa aus der EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung) die Entlastungen teilweise auffressen. Der Parteitag 2026 fordert abermals „Abschaffung oder Zusammenlegung von Behörden und Verfahren" — ohne zu benennen, welche Behörde, welches Verfahren.
In der inneren Sicherheit setzt die FDP einen genuinen liberalen Akzent: mehr und besser ausgestattete Polizisten statt neuer Überwachungsbefugnisse, Ablehnung flächendeckender Videoüberwachung und automatisierter Gesichtserkennung, gesetzliche Grundlage für das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum bei gleichzeitig stärkerer Kontrolle der Nachrichtendienste. Das ist eine kohärente Position. Aber auch hier fehlt der Abgleich: Wie viele der von der FDP mitregierten Bundesländer — etwa Schleswig-Holstein unter Kubickis Landesverband — haben tatsächlich Polizeistellen aufgebaut statt Überwachung ausgebaut?
Kubickis Dilemma
Kubicki übernimmt eine Partei, die bei der letzten Bundestagswahl an der Fünfprozenthürde schrammte und in Umfragen bei drei bis fünf Prozent steht. Sein konservativ-liberaler Kurs — er warb auf dem Parteitag für eine „Partei der Fröhlichkeit" — soll Wähler zurückholen, die zur Union abgewandert sind. Gleichzeitig riskiert er, die progressiv-liberale Minderheit zu verlieren, die Strack-Zimmermann vertritt.
Das eigentliche Problem liegt aber nicht im Personaltableau, sondern im Geschäftsmodell: Solange die FDP auf Parteitagen Beschlüsse fasst, deren Umsetzung sie in der nächsten Regierungsbeteiligung nicht einfordert und deren Scheitern sie auf dem übernächsten Parteitag nicht bilanziert, produziert sie programmatische Inflation. Jeder Beschluss wird wertloser, weil keiner Konsequenzen hat.
Das Urteil
Eine Partei, die ihre eigene Umsetzungsbilanz nicht zum Gegenstand ihrer Parteitage macht, hat kein Glaubwürdigkeitsproblem — sie hat ein Methodenproblem. Die FDP beschließt richtig (Digitalisierung, Bürokratieabbau, Schuldenbremse), aber sie verweigert sich dem Mechanismus, der Beschlüsse von Rhetorik unterscheidet: der Erfolgskontrolle mit Datum, Kennzahl und Konsequenz.
Kubicki könnte das ändern. Er könnte auf dem nächsten Parteitag einen Rechenschaftsbericht über die Umsetzung der Beschlüsse von 2026 vorlegen lassen — mit OZG-Quoten, Behördenzahlen, Steuersätzen. Das wäre der konservativ-liberale Kurs, den er verspricht: nicht laut, sondern verbindlich. Bisher deutet nichts darauf hin, dass er das vorhat.
