Söders Abschied vom Hashtag #söderisst ist kein Zeichen neuer Ernsthaftigkeit. Er ist das jüngste Gericht auf einer langen Karte strategischer Selbstinszenierung — und verrät mehr über den Zustand politischer Kommunikation als über den Mann, der sie betreibt.

Der Befund

Markus Söder, 800.000 Instagram-Follower, mehr als doppelt so viele wie Bundeskanzler Friedrich Merz, hat angekündigt, künftig keine Fotos von Bratwürsten, Leberkäsesemmeln, Döner und gebackenem Karpfen mehr zu posten. Die wirtschaftliche und außenpolitische Lage erfordere eine andere Kommunikation. Sein Essensgeschmack sei inzwischen hinlänglich bekannt.

Gleichzeitig betont Söder, dass Essensbilder weniger als ein Prozent seiner Beiträge ausgemacht hätten, während über 80 Prozent politischer Natur gewesen seien. Die CSU hat den „Söder Kebab" als Marke angemeldet. Er rasierte sich den Bart, trägt häufiger Krawatte, und die Kölnische Rundschau berichtet von einem umfassenden Imagewandel.

Halten wir fest: Ein Ministerpräsident gibt öffentlich bekannt, dass er aufhört, etwas zu tun, das nach eigener Aussage weniger als ein Prozent seines Tuns ausmachte. Das ist, als würde ein Chirurg eine Pressekonferenz einberufen, um mitzuteilen, dass er künftig weniger Sudoku spielt.

Die Gegenposition — fair gelesen

Man kann Söders Essens-Posts verteidigen, und die Verteidigung ist stärker, als seine Kritiker zugeben wollen. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt, dass soziale Medien für junge Menschen zentrale Orte politischer Information sind. Wer dort nicht stattfindet, überlässt das Feld den Radikalen — ein Argument, das Söder selbst bei TV Aktuell vorgebracht hat. Die Social-Media-Beraterin Christiane Germann warnte davor, dass Söder seine Authentizität verlieren könnte, wenn er sich zu sehr glättet. Selbst Grünen-Chefin Ricarda Lang lobte sein Talent für politische Unterhaltung auf Social Media.

Anders gesagt: In einer Zeit, in der politische Kommunikation Plattformen braucht, ist ein Döner-Foto kein Verbrechen. Es kann Tür sein zu einem Publikum, das den Leitartikel nicht liest.

Die Klinge

Die Verteidigung hat einen blinden Fleck. Sie verwechselt Reichweite mit Rechenschaft. 800.000 Follower sind eine Zahl, keine demokratische Legitimation. Und die Frage, die Söders gesamte Social-Media-Karriere durchzieht, ist nicht, ob ein Ministerpräsident Döner essen darf — natürlich darf er das —, sondern ob die Inszenierung des Döner-Essens an die Stelle der Rechenschaft über das Regierungshandeln tritt.

Söders eigene Zahlen entlarven das Problem. Wenn 80 Prozent seiner Posts politisch waren, warum erinnert sich die Öffentlichkeit an den Karpfen? Weil die politischen Posts offenbar so wenig Substanz trugen, dass sie hinter einer Leberkäsesemmel verschwanden. Der Spiegel notierte, dass Nutzer seine Food-Fotos als „maximal unappetitlich" und „gespenstisch" beschrieben — aber immerhin beschrieben sie sie. Die politischen Posts erzeugten nicht einmal Ekel, nur Gleichgültigkeit.

Jetzt kommt die eigentliche Pointe: Auch der Abschied vom Essen ist eine Inszenierung. Söder gibt nicht einfach auf, er verkündet. Er begründet nicht mit der parteiinternen Kritik, die nach den Kommunalwahlen laut wurde — Manfred Weber forderte „Konzepte statt Posts, Strategien statt der Lust an der schnellen Aufmerksamkeit" —, sondern mit der Weltlage. Der Döner-Verzicht wird zur Staatsräson umgedeutet. Wo CSU-Kritiker Demut verlangten, liefert Söder Dramaturgie.

Das Bewertungskriterium, an dem diese Geste scheitert, ist demokratische Rechenschaft: die Frage, ob ein gewählter Amtsträger seine Kommunikationskanäle nutzt, um Regierungshandeln transparent und überprüfbar zu machen — oder um eine Marke zu pflegen. Der „Söder Kebab" ist als Marke eingetragen. Bayerische Bildungspolitik, Verwaltungsdigitalisierung, Genehmigungsdauer für Windräder in Oberfranken — das sind keine Marken, und entsprechend selten tauchten sie in Söders Feed auf, zwischen all den 80 Prozent angeblich politischer Posts.

Was bleibt

Söder wird neue Inhalte posten. Statt Schweinsbraten werden es Pressekonferenzen mit ernster Miene sein, Industriebesuche, vielleicht eine Grafik zur bayerischen Wirtschaftslage. Die Form wird sich ändern, die Funktion nicht: der Feed als Bühne, nicht als Rechenschaftsbericht. Die Ankündigung, weniger zu essen und mehr zu arbeiten, ist selbst ein Post — der meistgeteilte Post, den Söder in diesem Quartal produzieren konnte, ohne auch nur eine einzige politische Position zu benennen, auf die er sich künftig konzentrieren will.

Ein Ministerpräsident, der aufhört, Essen zu posten, hat noch nicht angefangen, Politik zu posten. Er hat nur die Requisite gewechselt.