Die offiziellen russischen Militärausgaben für 2025 beziffert SIPRI auf rund 15,5 Billionen Rubel, umgerechnet etwa 155 Milliarden Euro. Der BND rechnet die durch Budgetverschiebung in zivile Haushaltstitel kaschierten Posten hinzu und kommt auf etwa 240 Milliarden Euro (Tagesspiegel, Stand Februar 2026). Die Diskrepanz beider Zahlen — die offizielle versus die nachrichtendienstliche Schätzung — lässt sich nicht auflösen, weil Russland seit 2023 zentrale Budgetposten als Staatsgeheimnis klassifiziert. Beide Werte markieren dennoch einen Sprung: Vor dem Angriffskrieg 2021 lag der offizielle Verteidigungshaushalt bei etwa 3,5 Prozent des BIP.

Die NATO-Seite reagiert in der Breite, nicht in der Tiefe. Sieben Mitgliedstaaten überschreiten inzwischen die Drei-Prozent-Schwelle ihres BIP für Verteidigung. Auf dem NATO-Gipfel 2025 wurde das Ziel auf fünf Prozent angehoben. Das Bündnis verfügt insgesamt über rund 5.270 Kampfflugzeuge gegenüber etwa 1.064 russischen, bei Artillerie und Kriegsschiffen liegen die Verhältnisse bei 3:1 beziehungsweise 4:1. Doch die aggregierte Übermacht täuscht über zwei Schwächen hinweg: Erstens ist die NATO kein zentralisierter Akteur, sondern eine Koalition mit 32 Beschaffungszyklen und politischen Willensbildungen. Zweitens bindet das Fünf-Prozent-Ziel Haushaltsmittel, die gegen andere öffentliche Güter — Klimaanpassung, Digitalisierung, Gesundheit — abgewogen werden müssen. Die Effizienz-Achse stellt die Frage, ob höhere Ausgaben tatsächlich mehr Sicherheit pro Euro erzeugen oder ob sie primär industriepolitisch motivierte Beschaffungsprogramme finanzieren, deren Wirkung erst in zehn bis fünfzehn Jahren eintritt.

Moskaus Zuliefernetzwerk: Teheran liefert Drohnen, Peking liefert Chips

Der zweite Strang der Verschiebung läuft nicht über staatliche Budgets, sondern über transnationale Beschaffungsketten. Bis zu 80 Prozent der russischen Dual-Use-Güter — Komponenten, die sowohl zivil als auch militärisch nutzbar sind — stammen nach westlichen Geheimdiensteinschätzungen aus China. Darunter fallen Glasfaserkabel, Lithium-Ionen-Batterien und Halbleiter, die in der Drohnenproduktion zum Einsatz kommen. Iran liefert Shahed-Drohnen und Raketentechnologie; die Gegenleistung ist weniger klar dokumentiert, westliche Geheimdienste vermuten Kooperation im Bereich ballistischer Raketentechnologie und mögliche nukleartechnologische Transfers (Internationale Politik; Limitierung: Art und Umfang möglicher Gegenleistungen sind nicht öffentlich verifiziert).

Peking verfolgt dabei eine Strategie, die das Beste beider Welten zu vereinen sucht: wirtschaftliche Verflechtung mit dem Westen aufrechterhalten und zugleich Moskau als strategischen Puffer gegen die US-geführte Ordnung stützen. China hat sich in allen UN-Abstimmungen zur Verurteilung Russlands enthalten, die im Februar 2022 besiegelte „grenzenlose Partnerschaft" aber nie formal aufgekündigt. Russlands Export fossiler Energieträger nach China ist gestiegen, chinesische Direktinvestitionen in Russland sind jedoch gesunken — ein Indiz dafür, dass Peking die Risiken einer Sekundärsanktionierung kalkuliert und die Beziehung eher transaktional als strategisch-solidarisch führt.

Man muss der chinesischen Position ihre beste Lesart zugestehen: Peking argumentiert, dass ein multipolares System stabiler sei als eine US-Hegemonie, und dass Friedensinitiativen — etwa der chinesische Zwölf-Punkte-Plan — nur bei Einbeziehung beider Seiten greifen könnten. Die Schwäche dieses Arguments liegt allerdings darin, dass China keine der Friedensinitiativen mit materiellem Druck auf Moskau unterlegt hat: weder durch Einschränkung der Dual-Use-Lieferungen noch durch öffentliche Kritik an der russischen Kriegsführung.

Die strategische Überdehnung der USA

Die dritte Verschiebung betrifft die Frage, ob die Vereinigten Staaten drei Konfliktzonen gleichzeitig bedienen können. Die USA haben ihre Militärpräsenz im Nahen Osten seit 2023 deutlich ausgebaut — Flugzeugträger, Kampfflugzeuge, tausende zusätzliche Soldaten. Im Indo-Pazifik betreibt die Bundeswehr erstmals gemeinsame Manöver mit regionalen Partnern, und China hebt sein Militärbudget 2025 auf umgerechnet 231 Milliarden Euro an (Militär Aktuell, Stand März 2025). Gleichzeitig bleibt die Ukraine-Unterstützung ein laufender Posten.

Die praktische Engstelle lässt sich an einem konkreten Waffensystem festmachen: Patriot-Flugabwehrraketen. Sowohl die Ukraine als auch verbündete Staaten im Nahen Osten benötigen sie, die Produktionskapazitäten sind begrenzt. Wenn zwei Konfliktzonen gleichzeitig auf dasselbe System zugreifen, entsteht ein Allokationsproblem, das politisch — nicht industriell — gelöst werden muss.

Die NATO reagiert an der europäischen Flanke mit der Aktivierung der NATO Response Force und der BALTOPS-Großübung 2022, an der 45 Schiffe, 75 Flugzeuge und rund 7.000 Soldaten aus 14 NATO-Staaten sowie Finnland und Schweden teilnahmen. Deutschland stellt für das NATO Force Model rund 35.000 Soldatinnen und Soldaten sowie mehr als 200 Flugzeuge und Schiffe bereit. In Zentralasien intensiviert Russland gleichzeitig sein militärisches und wirtschaftliches Engagement, weil die Region als logistischer Umgehungskorridor für Sanktionsgüter an Bedeutung gewonnen hat.

Was die Ausgabendynamik über die neue Blockbildung sagt

Die Daten zeigen keine symmetrische Bipolarität, sondern eine asymmetrische Dreiecksstruktur. Auf der einen Seite steht die NATO als institutionalisiertes Bündnis mit hohen Gesamtausgaben, aber fragmentierter Entscheidungsstruktur. Auf der anderen Seite steht ein loses, transaktionales Netzwerk aus Russland, China und Iran — ohne gemeinsames Kommando, ohne Beistandsklausel, aber mit komplementären industriellen Fähigkeiten und dem gemeinsamen Interesse, die US-geführte Ordnung zu schwächen. Dazwischen navigieren die arabischen Staaten und der Globale Süden, die ökonomisch von beiden Seiten abhängig sind: Etwa 70 Prozent der russischen und 40 Prozent der ukrainischen Exporte von Weizen, Mais und Sonnenblumenöl gehen in den Nahen Osten und nach Afrika.

Die Eskalationsdynamik schätzen Sicherheitsexperten unterschiedlich ein. NATO-Generalsekretär Mark Rutte beschrieb Russland bei seinem Kiew-Besuch als „zunehmend verzweifelt". Konfliktforscher der Universität Duisburg-Essen ordnen den Ukraine-Krieg auf Eskalationsstufe 7 ein, wobei die nukleare Dimension als besonders gefährlich gilt. Ukrainische Drohnenangriffe auf russisches Territorium — bis hin zu St. Petersburg — legen zwar Schwächen in der russischen Luftabwehr offen, erhöhen aber gleichzeitig Moskaus Anreiz zur Vergeltung mit konventionellen Massenangriffen auf ukrainische Städte. Die Bundesregierung sieht erstmals ein „Fenster" für Gespräche, ohne dass eine der Seiten bislang Verhandlungsbereitschaft zu Bedingungen signalisiert hat, die für die andere akzeptabel wären.

Was fehlt

Drei Lücken begrenzen die Belastbarkeit dieser Analyse. Erstens: Die genaue Zusammensetzung der russischen „versteckten" Militärausgaben ist nicht verifizierbar; die BND-Schätzung von 66 Prozent Aufschlag beruht auf nachrichtendienstlichen Quellen, deren Methodik nicht offenliegt. Zweitens: Das Ausmaß chinesischer Dual-Use-Lieferungen an Russland ist umstritten — die Zahl von 80 Prozent stammt aus westlichen Geheimdienstkreisen und wird von Peking bestritten. Drittens: Ob die iranisch-russische Kooperation über konventionelle Waffen hinaus auch nukleartechnologische Transfers umfasst, ist öffentlich nicht belegt. Alle drei Punkte erfordern Nachverfolgung, sobald neue Geheimdienstberichte oder SIPRI-Jahrbücher veröffentlicht werden.

Die Effizienz-Achse wirft dabei eine unbequeme Frage auf: Die NATO gibt in Summe ein Vielfaches des russischen Budgets aus, hat die konventionelle Überlegenheit auf dem Papier — und steht dennoch vor einer Lage, in der ein einzelner Aggressor die Sicherheitsarchitektur eines ganzen Kontinents in Frage stellt. Die Erklärung liegt nicht in den Zahlen, sondern in der politischen Fragmentierung der Ausgaben und der Geschwindigkeit, mit der Russland seine Wirtschaft auf Kriegsproduktion umgestellt hat, während die NATO-Staaten Beschaffungszyklen von fünf bis fünfzehn Jahren durchlaufen.