96 Prozent. So hoch beziffert das Kiel Institut für Weltwirtschaft den Anteil der Zolllast, den amerikanische Importeure und Verbraucher selbst tragen — nicht die ausländischen Exporteure, gegen die sich die Maßnahmen richten. Wer ein Instrument so führt, dass es den eigenen Arm verletzt, sollte aufhören, es als Waffe zu bezeichnen.

Die These

Die Trump-Administration behandelt Zölle nicht als Handelsinstrument, sondern als universelles Druckmittel — gegen Handelspartner, gegen geopolitische Rivalen, gegen die eigene Justiz. Diese Überladung eines einzigen Werkzeugs mit widersprechenden Zielen untergräbt jedes einzelne davon. Gemessen am Kriterium der Effizienz — erreichen die eingesetzten Mittel die deklarierten Ziele zu vertretbaren Kosten? — scheitert die aktuelle US-Zollpolitik auf ganzer Linie.

Was die Administration tut

Allein seit Frühjahr 2026 hat das Weiße Haus den Zolltarif in einer Frequenz verändert, die selbst Compliance-Abteilungen multinationaler Konzerne überfordert: Stahl- und Aluminiumzölle auf 50 Prozent für Vollmaterialprodukte, 25 Prozent für Derivate (Stand: April 2026). Angekündigte Erhöhung der Autozölle auf 25 Prozent — eine direkte Eskalation gegenüber der EU. Neue Strafzölle von mindestens 10 Prozent auf Importe aus 60 Volkswirtschaften, begründet mit angeblicher Zwangsarbeit. Parallel dazu die Verschärfung von Chip-Exportbeschränkungen gegen China. Und das alles, während das Turnberry-Abkommen mit der EU eine Obergrenze von 15 Prozent auf die meisten EU-Waren vorsieht — ein Deal, den die eigene Autozoll-Ankündigung bereits konterkariert, bevor die Tinte trocken ist.

Die Rechtsgrundlage wechselt dabei wie die Begründung. Nachdem der Supreme Court im Februar 2026 entschied, dass der Präsident den International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) nicht zur Zollverhängung nutzen darf, schwenkte die Administration auf Section 122 des Trade Act von 1974 um — befristet bis Juli 2026, mit unklarer Verlängerungsperspektive. Das ist kein strategischer Plan. Das ist juristisches Ausweichmanöver.

Die stärkste Gegenposition — und warum sie nicht trägt

Die Verteidiger dieser Politik haben ein Argument, das ernst genommen werden muss: Die USA tragen ein Handelsdefizit, das sich von 76 Milliarden Dollar 1991 auf 1,24 Billionen Dollar 2025 ausgeweitet hat. Wer Reindustrialisierung will, braucht Instrumente, die den Kostenvorteil ausländischer Produzenten ausgleichen. Zölle sind das älteste, am besten verstandene dieser Instrumente. Und der Verweis auf kurzfristige Verbraucherkosten greift zu kurz, wenn das Ziel eine strukturelle Verschiebung der Produktionsbasis ist, die Jahrzehnte braucht.

Das ist ein kohärentes Argument — unter einer Bedingung: Die Zölle müssten konsistent, vorhersehbar und langfristig angelegt sein, damit Unternehmen Investitionsentscheidungen auf ihrer Grundlage treffen. Genau das Gegenteil geschieht. Zollsätze ändern sich im Monatsrhythmus. Die Rechtsgrundlage wechselt nach Gerichtsurteilen. Die Begründung springt von nationaler Sicherheit über Handelsdefizit zu Zwangsarbeit. Kein Vorstandsvorsitzender baut eine Fabrik in Ohio auf Basis einer Proklamation, die in sechs Wochen durch eine andere ersetzt werden kann. Das ifo Institut bilanziert nüchtern: Die Zollpolitik schadet der US-Wirtschaft durch steigende Produktionskosten, Inflation und Investitionsunsicherheit. Der Reindustrialisierungseffekt bleibt messbar aus.

Die geopolitische Überladung

Was die Lage von einer schlechten Handelspolitik zu einem strategischen Fehler eskaliert, ist die Funktionsverschmelzung. Dieselben Zölle sollen gleichzeitig:

  • Chinas KI-Entwicklung bremsen (Chip-Exportkontrollen),
  • die EU zu Konzessionen bei Agrarimporten und Verteidigungsausgaben bewegen (Autozölle),
  • Zwangsarbeit in 60 Ländern bekämpfen (Strafzölle),
  • das Handelsdefizit senken,
  • die heimische Stahlproduktion stärken.

Fünf sich teilweise widersprechende Ziele mit einem Instrument. Die Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des globalen Ölhandels fließt, bleibt durch den Iran-Konflikt verengt — gestiegene Frachtraten und Energiepreise verteuern genau die Vorprodukte, die amerikanische Hersteller durch Zollschutz günstiger bekommen sollten. Die Zollpolitik arbeitet hier aktiv gegen die eigene geopolitische Lage.

Wie das IPG Journal dokumentiert: Die Zölle belohnen politische Gefolgschaft und bestrafen strategische Rivalen — aber die Trennlinie zwischen beidem verschiebt sich mit jedem Tweet. Südkorea, Japan und die EU sind Verbündete, die Washington im Indopazifik braucht. Alle drei stehen unter Zolldruck. Die WTO-Generaldirektorin spricht von den schlimmsten Verwerfungen im Welthandel seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Rechnung, die niemand präsentiert

Die Tax Foundation schätzt die konventionellen Zolleinnahmen für 2026–2035 auf 956 Milliarden Dollar. Das klingt nach einem Gewinn — bis man die dynamischen Effekte einrechnet: geringeres Wirtschaftswachstum, verteuerte Vorprodukte, Vergeltungszölle, die US-Exporte treffen. Die EU-Exporte in die USA brachen im ersten Quartal 2026 um rund ein Drittel ein — aber das Spiegelbild dieses Rückgangs sind amerikanische Unternehmen, die europäische Maschinen, Chemikalien und Fahrzeugteile nun teurer oder gar nicht mehr bekommen.

Das Hans-Böckler-Institut nennt es treffend: Bumerang-Zölle. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung dokumentiert die Belastung für einkommensschwache US-Haushalte, die einen überproportionalen Anteil ihres Budgets für importintensive Konsumgüter ausgeben. Das ist keine Nebenwirkung — das ist die Hauptwirkung.

Das Urteil

Gemessen an der Effizienz-Achse — Mittel-Ziel-Verhältnis, Verfahrensdauer, Kosten pro Output — ist die aktuelle US-Zollpolitik ein Negativbeispiel. Sie erzeugt maximale Unsicherheit bei minimaler Reindustrialisierung, belastet die eigene Bevölkerung stärker als jeden einzelnen Handelspartner und untergräbt die Verhandlungsposition, die sie stärken soll. Ein Verbündeter, der nicht weiß, ob der Zollsatz in drei Monaten bei 15 oder 50 Prozent liegt, plant keine gemeinsame Lieferkette — er plant eine Alternative.

Die EU tut gut daran, das Turnberry-Abkommen als Rückfallposition zu sichern und gleichzeitig über die WTO die Rechtswidrigkeit der Autozölle anzufechten. Deutschland, dessen Automobilindustrie und Maschinenbau besonders exponiert sind, braucht weder Panik noch Appeasement, sondern Diversifizierung — ein Ziel, das die Bundesregierung unter Wirtschaftsminister Habeck bereits in der Chinapolitik formuliert hat und das jetzt transatlantisch denselben Sinn ergibt.

Zölle können ein sinnvolles Instrument sein. Aber ein Instrument, das gleichzeitig hämmern, schrauben, schneiden und messen soll, taugt für nichts davon.