Plus Ultra Líneas Aéreas wickelte zum Zeitpunkt der Rettung rund ein Prozent des internationalen Flugverkehrs in Spanien ab und verfügte über eine kleine Flotte. Dennoch bewilligte die Sociedad Estatal de Participaciones Industriales (Sepi) im Jahr 2021 ein Rettungsdarlehen über 53 Millionen Euro aus dem staatlichen COVID-Hilfsfonds. Die Begründung der spanischen Regierung: Sicherung von Arbeitsplätzen und Anbindung an lateinamerikanische Märkte.
Die Entscheidung stand von Beginn an unter Druck. Das Beratungsunternehmen DC Advisory und der Wirtschaftsprüfer Deloitte hatten vor der Bewilligung erhebliche Zweifel an der Fortführungsfähigkeit der Airline formuliert. Ohne die staatliche Stütze, so die Einschätzung beider Häuser, hätte Plus Ultra Insolvenz anmelden müssen. Die Sepi bewilligte trotzdem.
Was der Gerichtsgutachter dokumentiert
Der gerichtliche Gutachter Pedro Martín Molina hat die Vorwürfe gegen die Sepi inzwischen in einem formellen Gutachten bestätigt. Sein zentraler Befund: Die Sepi ignorierte Warnsignale, die ihr aus den eigenen Prüfberichten und von externen Beratern vorlagen. Das Gutachten zeichnet das Bild einer Bewilligungsentscheidung, bei der institutionelle Sorgfaltspflichten systematisch unterschritten wurden — nicht durch ein einzelnes Versäumnis, sondern durch eine Kette von Entscheidungen, die jeweils gegen die vorliegenden Daten liefen.
Ein Steelmanning der Gegenposition: Die Sepi stand im Frühjahr 2021 unter dem Druck einer Pandemie, in der europaweit Fluggesellschaften mit Staatsgeldern gestützt wurden — Lufthansa erhielt 9 Milliarden Euro, Alitalia wurde verstaatlicht. Die politische Logik, auch kleinere Carrier nicht in die Insolvenz laufen zu lassen, war in diesem Kontext nachvollziehbar. Die Frage ist nicht, ob Staatshilfe an sich illegitim war, sondern ob die Sepi die eigenen Vergabekriterien einhielt — und die Aktenlage spricht dagegen.
Von der Rettungskritik zum Geldwäscheverdacht
Der Fall eskalierte über die Frage fehlerhafter Vergabepraxis hinaus. Im Dezember 2025 durchsuchte die UDEF, Spaniens Wirtschafts- und Steuerkriminalpolizei, die Zentrale von Plus Ultra im Rahmen einer Geldwäscheoperation. Die Ermittlungen richten sich gegen den Präsidenten Julio Martínez Sola, den Geschäftsführer Roberto Roseli und Julio Martínez Martínez. Der Verdacht: Teile der Rettungsgelder könnten über Offshore-Konten in Großbritannien und der Schweiz geschleust worden sein.
Die Ermittlungen konzentrieren sich auf zwei Stränge: erstens die steuerlichen Verhältnisse der Airline selbst, zweitens die Frage, ob die Eigentümerstruktur mit Verbindungen nach Venezuela dazu diente, die tatsächlichen wirtschaftlichen Begünstigten der Staatshilfe zu verschleiern. Beide Stränge sind strafrechtlich noch offen — belastbare Urteile stehen aus.
Der Rückzahlungs-Trail zeigt das Ausmaß
Die Rückzahlungsbilanz unterstreicht die Dimension des Problems. Von den 53 Millionen Euro wurden bislang lediglich zwischen 12 und 14 Millionen Euro zuzüglich Zinsen zurückgezahlt. Ein erster Teilbetrag von 19 Millionen Euro wäre 2026 fällig gewesen, ein zweiter von 34 Millionen Euro 2028. Die Rückzahlungsmodalitäten werden derzeit neu verhandelt — was bedeutet, dass der spanische Staat aktuell auf einem Verlust von mindestens 39 Millionen Euro sitzt, sofern die ausstehenden Zahlungen nicht geleistet werden (Stand der Recherche: Juni 2026, exakte Quelle für Rückzahlungszahlen nicht verifizierbar über die vorliegenden Briefing-Materialien hinaus — Zahlen bedürfen der Gegenprüfung gegen offizielle Sepi-Berichte).
Effizienz-Einordnung: Was der Fall über staatliche Vergabemechanismen sagt
Gegen die Effizienz-Achse gelesen, dokumentiert der Plus-Ultra-Fall eine strukturelle Schwäche in der Vergabepraxis staatlicher Krisenhilfen. Drei Mechanismen versagten gleichzeitig: erstens die interne Prüfung der Sepi, die vorliegende Warnungen nicht in die Entscheidung einfließen ließ; zweitens die fehlende Ex-post-Kontrolle, die es ermöglichte, dass Mittelverwendung und Rückzahlung über Jahre im Unklaren blieben; drittens die unzureichende Eigentümertransparenz, die es der Kriminalpolizei erst vier Jahre nach der Vergabe erlaubte, die tatsächlichen Geldflüsse nachzuverfolgen.
Ob die spanische Regierung aus dem Fall institutionelle Konsequenzen zieht — etwa schärfere Vergaberichtlinien für den COVID-Hilfsfonds oder eine Reform der Sepi-Prüfprozesse — ist zum Zeitpunkt dieser Analyse offen. Die laufenden Ermittlungen der UDEF werden zeigen, ob es sich um ein Versagen der Aufsicht oder um kollusives Verhalten zwischen Vergabestelle und Empfänger handelt. Beides hätte unterschiedliche institutionelle Konsequenzen.
Limitation
Diese Analyse stützt sich auf zwei deutschsprachige Fachmedien-Berichte sowie einen englischsprachigen Bericht aus Ibiza. Spanischsprachige Primärquellen — das Gutachten Martín Molinas im Volltext, Sepi-Jahresberichte, UDEF-Pressemitteilungen — lagen nicht vor. Die Rückzahlungszahlen stammen aus dem Recherche-Briefing und konnten nicht gegen eine offizielle Quelle gegengeprüft werden. Die strafrechtlichen Ermittlungen sind nicht abgeschlossen; eine Bewertung der individuellen Schuldfrage ist daher nicht möglich.
