Gleichzeitig geht die Zahl der gemeldeten Arbeitsstellen um 112 auf 1.692 zurück. Wer nur auf die sinkende Quote schaut, übersieht das eigentliche Problem: Auf dem Ausbildungsmarkt des Kreises stehen freie Lehrstellen einem Bewerberfeld gegenüber, das diese Stellen nicht füllt — nicht weil es zu wenige junge Menschen gäbe, sondern weil Branchenprofil, Qualifikation und Berufswunsch systematisch aneinander vorbeilaufen.

Arbeitsmarkt: Erholung ohne Dynamik

Die Frühjahrsbelebung im Kreis Viersen fällt 2026 schwächer aus als in den Jahren vor der Pandemie. Der Rückgang um 403 Arbeitslose gegenüber Mai 2025 liegt unterhalb des langjährigen Mittels für den Monat. Bundesweit sank die Arbeitslosigkeit im Mai auf 2,95 Millionen, ein Rückgang um 58.000 gegenüber April, aber ein Anstieg um 31.000 gegenüber dem Vorjahresmonat. Die Agentur für Arbeit Mönchengladbach, deren Bezirk den Kreis Viersen einschließt, spricht von einem „gleichmäßigen Rückgang über alle betrachteten Personengruppen" — eine Formulierung, die allerdings keine demografische Aufschlüsselung auf Kreisebene liefert. Welche Altersgruppen, welche Qualifikationsstufen im Kreis Viersen stärker oder schwächer betroffen sind, bleibt in den veröffentlichten Regionaldaten eine Leerstelle.

Der Rückgang der gemeldeten Arbeitsstellen auf 1.692 signalisiert: Unternehmen im Kreis halten sich mit Neueinstellungen zurück. Die Bundesagentur ordnet das bundesweit einer „weiterhin angespannten Konjunkturlage" zu. Für den Kreis Viersen, dessen Wirtschaft von mittelständischem Maschinenbau, Metallverarbeitung, Kunststoffverarbeitung und Logistik geprägt ist, schlägt die schwache Industriekonjunktur direkt auf das Stellenangebot durch.

Ausbildungsmarkt: Zahlen, die nicht zusammenpassen

Die jüngsten vollständig vorliegenden Ausbildungsmarktdaten für den Agenturbezirk Krefeld/Kreis Viersen stammen vom April 2024: 2.963 gemeldete Ausbildungsstellen standen 2.510 suchenden Jugendlichen gegenüber — ein rechnerischer Überschuss von 453 Stellen. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Rückgang um 120 gemeldete Stellen. Für Mai 2026 liegen keine kreisscharfen Ausbildungsmarktdaten vor — eine Limitation, die jede Echtzeit-Aussage über den aktuellen Ausbildungsmarkt im Kreis Viersen unter Vorbehalt stellt.

Was die vorhandenen Daten zeigen: Der rechnerische Stellenüberschuss verdeckt eine strukturelle Diskrepanz. Die IHK Mittlerer Niederrhein registrierte zum Stichtag 31. Oktober 2023 im Kreis Viersen 685 neue Ausbildungsverträge, ein Minus von 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr mit 704 Verträgen. IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz verwies auf gestiegene Vertragszahlen im gesamten IHK-Bezirk, räumte aber den gegenläufigen Trend im Kreis Viersen ein. Bundesweit sank die Zahl der gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen im Ausbildungsjahr 2024/25 auf 477.000 — fünf Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Wert seit über zehn Jahren.

Gleichzeitig blieben bundesweit am 30. September 2025 rund 40.000 Bewerberinnen und Bewerber unversorgt — neun Prozent, ein Anstieg um 9.000 gegenüber dem Vorjahr. In dünn besiedelten, ländlichen Regionen blieb 2024 jede siebte der knapp 62.000 gemeldeten Ausbildungsstellen unbesetzt, also 15,1 Prozent. Der Kreis Viersen mit seiner Mischung aus städtischen Kernen (Viersen, Willich, Nettetal) und ländlichen Gemeinden dürfte in dieser Spanne liegen, ohne dass eine exakte Unbesetztquote für den Kreis publiziert wäre.

Wo die Schere aufgeht: Branchenprofil gegen Berufswunsch

Die stark vertretenen Ausbildungsbranchen im Kreis — Maschinenbau, Elektro- und Metallhandwerk, Kunststoffverarbeitung, Logistik — suchen technisch orientierte Nachwuchskräfte. Daneben melden Pflege, Erziehung, Gastronomie und Einzelhandel hohen Bedarf. Was in den Recherchebefunden fehlt, ist eine belastbare Aufschlüsselung der konkreten Qualifikationsanforderungen nach Branche — etwa welche Software-Kenntnisse, welche Sprachzertifikate, welche schulischen Abschlüsse als Mindestvoraussetzung gelten. Diese Lücke erschwert die Diagnose.

Was sich aus den bundesweiten Befunden ableiten lässt: Die Gründe für unbesetzte Ausbildungsstellen liegen selten allein bei den Jugendlichen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung und das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) identifizieren auf Unternehmensseite mangelnde Flexibilität in Stellenausschreibungen, eine Überbetonung formaler Abschlüsse gegenüber Motivation und eine zu geringe Sichtbarkeit des Ausbildungsangebots als Ursachen. Auf Bewerberseite stehen unzureichende schulische Vorqualifikation und eine Konzentration auf wenige „Wunschberufe", die das tatsächliche Branchenprofil der Region nicht abbilden. Im Ergebnis bleiben Stellen in Handwerk und Industrie unbesetzt, während kaufmännische und mediale Berufe überzeichnet sind.

Vermittlungsarchitektur: viel Infrastruktur, wenig Wirkungsmessung

Der Kreis Viersen verfügt über eine vergleichsweise ausdifferenzierte Vermittlungsinfrastruktur. Die Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss" (KAoA) verpflichtet alle allgemeinbildenden Schulen ab Klasse 8 zu standardisierter Berufsorientierung — Potenzialanalyse, Berufsfelderkundung, Praxisphasen. Die Jugendberufshilfe des Kreises berät 14- bis 26-Jährige bei Bewerbung, Ausbildungsabbruch und persönlichen Problemlagen. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) des Kreises organisiert Sommer-Praktikumswochen ab 15 Jahren ohne formale Bewerbungsanforderungen und das Speed-Dating-Format „Pott & Deckel", bei dem Jugendliche und Betriebe in Kurzgesprächen zusammengebracht werden. Der „Azubiatlas Kreis Viersen" stellt regionale Betriebe und ihre Ausbildungsberufe vor.

Das Problem liegt nicht im Fehlen von Programmen, sondern in der fehlenden Wirkungsmessung. Keine der recherchierten Quellen weist Vermittlungsquoten, Abbruchquoten oder Verbleibsanalysen für die einzelnen Programme aus. Die Jugendberufsagentur (JBA) bündelt Beratungsangebote von Arbeitsagentur, Jobcenter und Kreisverwaltung — aber ob die Bündelung zu besseren Ergebnissen führt als die vorherige Fragmentierung, ist nicht dokumentiert. Diese Intransparenz macht es unmöglich, evidenzbasiert zu entscheiden, welche Formate ausgebaut und welche eingestellt werden sollten.

Einordnung: Effizienz-Achse als Prüfstein

Das Mismatch am Ausbildungsmarkt des Kreises Viersen ist kein Schicksal, sondern ein Vermittlungs- und Steuerungsproblem — und damit ein Effizienz-Thema. Die Infrastruktur existiert: KAoA, JBA, WFG-Formate, Kammern, Jobcenter. Was fehlt, ist der Rückkopplungsmechanismus. Solange weder der Kreis noch die Arbeitsagentur veröffentlichen, wie viele Jugendliche über welches Programm in welche Branche vermittelt wurden und wie viele dieser Ausbildungsverhältnisse nach zwölf Monaten noch bestehen, bleibt die Fachkräftesicherung im Kreis eine Hoffnung ohne Datengrundlage.

Die DIHK beziffert den Fachkräftemangel als Betroffenheit von über zwei Dritteln aller Betriebe bundesweit. Die Bertelsmann Stiftung dokumentiert, dass knapp die Hälfte der befragten Unternehmen Probleme bei der Besetzung ihrer Ausbildungsplätze angibt. Für den Kreis Viersen konkret fehlen solche Erhebungen. Solange das so bleibt, operieren alle Beteiligten — Kreisverwaltung, Kammern, Schulen, Betriebe — auf Basis von Einzelbeobachtungen statt systematischer Evidenz.

Was messbar wäre und gemessen werden sollte: Vermittlungsquote je Programm, Abbruchquote nach Branche, Verbleibsquote nach 24 Monaten, Passgenauigkeit zwischen Berufswunsch und Stellenprofil. Erst wenn diese Daten vorliegen, lässt sich beurteilen, ob der Kreis Viersen sein Ausbildungsproblem löst oder nur verwaltet.