Parallel verhandeln beide Seiten über den Kauf von bis zu 20 fabrikneuen Gripen E/F, finanziert über ein EU-Darlehen von 2,5 Milliarden Euro, mit Auslieferung ab 2030. Langfristig steht eine Flotte von bis zu 150 Gripen im Raum. Die Entscheidung markiert einen Bruch mit Schwedens jahrzehntelanger Zurückhaltung bei Waffenlieferungen in Konfliktgebiete — und wirft die Frage auf, ob ein leichter Mehrzweckjäger aus skandinavischer Fertigung den Luftkrieg über der Ukraine verändern kann.
Was die Gripen kann — und was nicht
Die Bezeichnung JAS 39 steht für Jakt (Jagd), Attack (Angriff) und Spaning (Aufklärung) — ein Mehrzweckkonzept, das Saab in den 1980er-Jahren für die schwedische Landesverteidigung entwickelte. Die zentrale Designphilosophie war Dezentralität: Schweden rechnete im Kalten Krieg damit, dass sowjetische Schläge seine Hauptflugplätze zerstören würden. Die Gripen wurde deshalb für den Betrieb von improvisierten Pisten ab rund 400 Metern Länge ausgelegt — Autobahnabschnitte, geräumte Feldwege, provisorisch befestigte Streifen. Genau diese Eigenschaft macht sie für die Ukraine operativ relevant: Die ukrainische Luftwaffe operiert unter permanenter Bedrohung ihrer Flugplätze durch russische Marschflugkörper und ballistische Raketen. Die F-16, die die Ukraine bereits aus westlichen Beständen erhält, benötigt deutlich längere und besser präparierte Startbahnen.
Die gespendeten Gripen C/D sind die dritte Generation des Musters. Sie verfügen über ein PS-05/A-Pulsedoppler-Radar, können NATO-kompatible Luft-Luft-Raketen wie die AIM-120 AMRAAM und die IRIS-T tragen und bieten solide Bodenangriffsfähigkeiten mit lasergelenkter Munition. Ihre Avionik stammt aus den 2000er-Jahren — sie ist modern genug für den Einsatz, aber nicht auf dem Stand der neuesten russischen Systeme.
Die Gripen E/F, deren Kauf ab 2030 vorgesehen ist, stellen einen Generationssprung dar: ein neues AESA-Radar (Active Electronically Scanned Array), erweiterte elektronische Kriegsführungssysteme, erhöhte Treibstoffkapazität und vor allem die Integration der Meteor-Luft-Luft-Rakete mit einer Reichweite von bis zu 200 Kilometern. Die Meteor gilt als eine der leistungsfähigsten Langstrecken-Luft-Luft-Raketen weltweit und würde der ukrainischen Luftwaffe erstmals die Fähigkeit geben, russische Kampfflugzeuge auf Distanzen zu bekämpfen, die bisher nur der Gegenseite vorbehalten waren.
Allerdings: Die Gripen ist ein leichtes Mehrzweckflugzeug, kein Luftüberlegenheitsjäger. In einem direkten Luftkampf gegen eine Su-35 oder gar eine Su-57 wäre sie — isoliert betrachtet — im Nachteil bei Schub-Gewicht-Verhältnis und Radarquerschnitt. Ihr Vorteil liegt in der Systemintegration: der Fähigkeit, westliche Sensordaten, NATO-Datenlinks und Langstreckenwaffen zu nutzen, um den Kampf auf Distanz zu halten, statt ihn im Nahbereich auszutragen.
Schwedens Wandel — vom Neutralen zum NATO-Rüstungsexporteur
Um die Tragweite der Entscheidung zu bemessen, muss man Schwedens sicherheitspolitische Biografie lesen. Mehr als 200 Jahre lang definierte sich das Land über militärische Bündnisfreiheit. Im Februar 2022, nach Russlands vollständiger Invasion der Ukraine, begann Stockholm erstmals, Waffen in ein aktives Konfliktgebiet zu liefern — zunächst Panzerabwehrwaffen und Artillerie. Im Mai 2022 beantragte Schweden die NATO-Mitgliedschaft; im März 2024 wurde es nach langem Ringen mit der Türkei und Ungarn das 32. Mitglied der Allianz.
Seither hat Schweden laut eigenen Angaben rund 11,8 Milliarden Euro an Militärhilfe für die Ukraine bereitgestellt — gemessen am BIP einer der höchsten Beiträge in Europa. Die Gripen-Lieferung ist die logische, aber keineswegs selbstverständliche Konsequenz dieser Entwicklung: Kampfflugzeuge sind qualitativ eine andere Kategorie als Artilleriegeschütze. Sie sind das sichtbarste Symbol für die Fähigkeit, eine Luftwaffe westlichen Typs aufzubauen — und sie binden den Lieferstaat über Jahrzehnte an den Empfänger, durch Ersatzteile, Software-Updates, Pilotenausbildung und Wartungsinfrastruktur.
Kristersson erklärte, Schweden sei „nicht besorgt" über mögliche russische Reaktionen auf die Lieferung. Tatsächlich hat Stockholm mit dem NATO-Beitritt den sicherheitspolitischen Rahmen gewechselt: Die Entscheidung fällt nicht mehr als Akt eines neutralen Staates, sondern als Beitrag eines Bündnismitglieds, das unter dem Schutz der Artikel-5-Garantie steht.
Die Gripen im NATO-Unterstützungskontext
Die Gripen-Lieferung steht nicht isoliert. Die ukrainische Luftwaffe baut derzeit parallel eine F-16-Flotte auf — mehrere NATO-Staaten, darunter die Niederlande, Dänemark, Norwegen und Belgien, haben Maschinen zugesagt oder bereits geliefert. Frankreich hat die Lieferung von Mirage 2000-5 angekündigt. Die NATO hat 2024 auf ihrem Gipfel Sicherheitszusagen von über 40 Milliarden Euro für die Ukraine beschlossen, die nach eigenen Angaben übertroffen wurden.
Die Gripen ergänzt dieses Bild in spezifischer Weise: Während die F-16 das Arbeitspferd der westlichen Luftwaffen ist — weit verbreitet, gut dokumentiert, aber wartungsintensiv und auf befestigte Infrastruktur angewiesen —, bietet die Gripen geringere Betriebskosten pro Flugstunde und die beschriebene Fähigkeit zum dezentralen Betrieb. Eine ukrainische Luftwaffe, die über beide Muster verfügt, hätte mehr Flexibilität in der Einsatzplanung: F-16 für Missionen von gesicherten Basen, Gripen für den Betrieb aus verstreuten, improvisierten Stellungen.
Ob dieses Szenario realistisch ist, hängt von einer logistischen Frage ab, die in keiner der bisherigen Ankündigungen zufriedenstellend beantwortet wird: Wie soll die Ukraine zwei vollständig unterschiedliche westliche Kampfflugzeugmuster — mit unterschiedlichen Ersatzteilketten, Wartungsprozeduren, Waffenintegrationen und Ausbildungspfaden — gleichzeitig betreiben? Die Ausbildung ukrainischer Piloten auf der Gripen hat laut Berichten begonnen; Schweden will auch technisches Personal schulen und Wartungsunterstützung leisten. Eine mögliche Endmontage-Anlage für die Gripen in der Ukraine selbst ist im Gespräch — ein ambitioniertes Vorhaben, dessen Realisierung unter Kriegsbedingungen offen ist.
Russlands Reaktion — und die Eskalationslogik
Moskau hat auf die Ankündigung bisher mit dem bekannten Muster reagiert: Verweis auf die EU als „Kriegspartei", generelle Betonung der eigenen militärischen Stärke, keine spezifische Drohung gegen Schweden. Die russische Führung hat seit 2022 jede westliche Waffenlieferung — von Javelin-Panzerabwehrwaffen über HIMARS-Raketenwerfer bis zu F-16-Jets — als „rote Linie" bezeichnet, ohne die jeweils angedrohten Konsequenzen eintreten zu lassen. Das heißt nicht, dass eine Eskalation ausgeschlossen ist — es heißt, dass die bisherige Eskalationslogik sich als graduell erwiesen hat, nicht als sprunghaft.
Die stärkste Gegenposition verdient Gehör: Russland argumentiert, dass jede qualitative Steigerung westlicher Waffenlieferungen den Konflikt verlängert und eine Verhandlungslösung erschwert. Volker Türk, der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, hat vor einer „gefährlichen Eskalation" gewarnt und beide Seiten zur Wiederaufnahme von Verhandlungen aufgefordert. Wer diese Position ernst nimmt — und das sollte jede seriöse Analyse —, muss anerkennen, dass Waffenlieferungen die Verhandlungsdynamik verändern: Sie stärken die ukrainische Position am Tisch, können aber auch den russischen Anreiz erhöhen, militärische Fakten zu schaffen, bevor die neuen Systeme einsatzbereit sind.
Für die Gripen ist dieses Zeitfenster allerdings lang: Die gespendeten C/D-Modelle werden frühestens Anfang 2027 operativ, die E/F-Varianten erst ab 2030. Die kurzfristige militärische Wirkung ist daher begrenzt. Die strategische Signalwirkung hingegen ist unmittelbar.
Was offen bleibt
Mehrere Fragen lassen sich aus dem vorliegenden Material nicht belastbar beantworten: Der exakte Lieferzeitplan für die 16 Gripen C/D ist nicht fixiert — Berichte schwanken zwischen „in zehn Monaten" und „Anfang 2027". Die genauen Bewaffnungspakete der gespendeten Maschinen sind nicht öffentlich. Die Finanzierung der Gripen E/F über das EU-Darlehen von 2,5 Milliarden Euro ist vereinbart, aber die Vertragsbedingungen nicht finalisiert. Und die Zahl von bis zu 150 Gripen als Langfristziel ist eine politische Absichtserklärung, kein Vertrag — ihre Realisierung hängt von Produktionskapazitäten bei Saab, der Zahlungsfähigkeit der Ukraine und der geopolitischen Lage in fünf bis zehn Jahren ab.
