Havemann, bisher bekannt als Betreiber der Velvet Bar in Neukölln und des Wellenwerks, hat die Räumlichkeiten eines ehemaligen Spielcasinos umgebaut: zwei Tanzflächen, ein Chill-out-Bereich, ein Darkroom. Der Zugang führt durch einen angeschlossenen Spätkauf, der nicht bloß Deko ist, sondern als finanzielles Rückgrat des Betriebs fungiert — eine Quersubventionierung, die den Club von der reinen Abhängigkeit vom Eintrittsgeld entkoppeln soll.

Die Preise liegen bewusst unter dem Berliner Clubdurchschnitt: 15 bis 20 Euro Eintritt, ein Longdrink mit hochwertigen Spirituosen für acht Euro. Zum Vergleich: Etablierte Berliner Clubs verlangen regelmäßig 20 bis 35 Euro Eintritt, Cocktails kosten dort häufig zwölf Euro aufwärts. Ob diese Marge bei Mietkosten in der Berliner Innenstadt — S-Bahn-Bögen am Alexanderplatz gehören zu den kommerziell am stärksten nachgefragten Lagen des Bezirks Mitte — auf Dauer trägt, ist die offene betriebswirtschaftliche Frage des Projekts.

Digitale Warteschlange statt Türsteher-Ritual

Das auffälligste Differenzierungsmerkmal betrifft den Einlass. Statt der in Berlin ikonisch gewordenen physischen Dauerschlange setzt das AMT bei gleichbleibend strenger Türauswahl auf ein digitales System: Gäste scannen einen QR-Code, erhalten sofort eine Entscheidung über den Einlass und — wenn sie reinkommen — einen Timeslot, zu dem sie per Smartphone-Benachrichtigung aufgerufen werden. Die physische Wartezeit soll entfallen.

Anders als beim Berghain-Prinzip, wo die Türauswahl zum stundenlangen Ritual mit ungewissem Ausgang wird, hält das AMT an einer strengen Selektion fest — „wie die anderen Clubs“, so Havemann —, trifft die Entscheidung über den Einlass aber sofort und schickt Eingelassene danach in die digitale Warteschlange. Havemann formuliert das explizit: „Wir finden es nicht so toll, wenn man drei Stunden ansteht und dann nicht reinkommt".

Fairerweise: Die rigide Türpolitik etablierter Clubs ist nicht nur Machtgebaren, sondern erfüllt auch eine kuratorische Funktion. Sie schafft einen sozialen Filter, der — bei allen berechtigten Diskriminierungsvorwürfen — Räume mit einer bestimmten Atmosphäre erzeugt. Das AMT muss zeigen, ob es diese Atmosphäre auf anderem Weg herstellen kann, ohne dass die Offenheit zum Beliebigkeitsrisiko wird. Die begrenzte Kapazität bietet Spielraum, verschärft aber zugleich das Problem: Bei ausverkauften Nächten entscheidet weiterhin die Türauswahl über den Zugang — die menschliche Auswahl bleibt bestehen, die digitale Warteschlange organisiert lediglich die Wartezeit der bereits Eingelassenen.

Programm zwischen Anspruch und Profilschärfe

Das musikalische Konzept folgt einer Doppelstrategie. Am Wochenende dominiert elektronische Tanzmusik — teils als hauseigene Veranstaltungen, teils durch eingeladene Berliner Kollektive, die eigene Nächte ausrichten. Unter der Woche soll Raum für andere Genres entstehen: Punk, Klassik, Formate jenseits der Clubnorm.

Dazu kommen explizit angekündigte sexpositive und queere Partys sowie ein programmatisch FLINTA*-lastiges Booking. Die Soundanlage — eine maßgefertigte Kirsch-Audio-Installation, die Will Singh Wilson noch akustisch anpassen wird — setzt den technischen Rahmen auf Clubniveau.

Die Breite des Anspruchs ist zugleich die Schwachstelle: Ein Club, der Techno, Punk, Klassik, queere Partys und Kollektiv-Abende unter einem Dach vereinen will, riskiert, kein klares Profil auszubilden. Berlins stärkste Clubs — vom Berghain über das Tresor bis zum (geschlossenen) About Blank — zeichneten sich gerade durch eine erkennbare ästhetische und soziale Linie aus. Ob das AMT seine Vielfalt als Stärke etablieren kann oder ob sie zur programmatischen Unschärfe wird, hängt davon ab, wie konsequent die Kollektiv-Einbindung kuratiert wird.

Kontext: Ein Club gegen den Trend

Die Eröffnung fällt in eine Phase, in der Berlins Clublandschaft unter Druck steht. Die Clubcommission warnt seit Monaten, dass steigende Mieten, Energiekosten und Lärmschutzkonflikte die wirtschaftliche Basis vieler Betriebe gefährden. Der Tagesspiegel berichtete über eine Szene, die zwischen Krisenmodus und vorsichtigem Optimismus schwankt.

Die volkswirtschaftliche Dimension ist belegt: Eine Studie des Musikinformationszentrums beziffert den indirekten wirtschaftlichen Effekt der Berliner Clubkultur auf rund 2,8 Milliarden Euro jährlich; 2018 zog die Stadt drei Millionen Club-Touristen an, die etwa 1,48 Milliarden Euro ausgaben (miz.org, Stand 11/2025; Tagesspiegel). Eine FU-Berlin-Studie hob die Clubkultur als Standortfaktor im Fachkräftewettbewerb hervor.

Das AMT eröffnet also nicht in ein Vakuum, sondern in ein Spannungsfeld: Die ökonomische Bedeutung der Szene ist anerkannt, die institutionelle Absicherung einzelner Betriebe bleibt prekär. Dass Havemann mit dem Späti-Modell eine zusätzliche Einnahmequelle einbaut, lässt sich als Lehre aus genau dieser Prekarität lesen — oder als Eingeständnis, dass ein Club am Alexanderplatz ohne Quersubventionierung nicht überlebensfähig wäre.

Was offen bleibt

Drei Faktoren entscheiden darüber, ob das AMT mehr wird als eine ambitionierte Eröffnungswelle:

Erstens die Lärmfrage. S-Bahn-Bögen bieten bauliche Vorteile (massive Struktur, begrenzte Schalldurchlässigkeit), aber der Alexanderplatz ist kein Industriegebiet. Anwohnerkonflikte — etwa um nächtlichen Lärm auf dem Vorplatz — sind in Berlin ein dokumentierter Schließungsgrund. Ob Bezirk Mitte hier kooperiert oder Auflagen verschärft, ist unbekannt.

Zweitens die FLINTA*-Quote im Booking. Das Versprechen eines FLINTA*-lastigen Line-ups ist programmatisch relevant, aber noch nicht überprüfbar — weder liegt ein veröffentlichtes Line-up für die ersten Monate vor, noch gibt es eine bezifferte Zielgröße. Ohne Transparenz über die tatsächliche Booking-Verteilung bleibt die Ankündigung ein Marketingversprechen.

Drittens die Tragfähigkeit des Timeslot-Modells. Die digitale Warteschlange löst ein reales Problem (stundenlange Wartezeiten bei ungewissem Ergebnis), schafft aber neue Fragen: Wie verhält sich das System bei Übernachfrage? Wird der QR-Code zum neuen Flaschenhals? Die Erfahrung aus dem Soft Opening am 1. und 2. Mai 2026 liefert noch keine belastbare Datenbasis für den Regelbetrieb.

Einordnung

Gemessen an der Effizienz-Achse — hier verstanden als Zugänglichkeit und Ressourceneinsatz im urbanen Kulturangebot — formuliert das AMT einen klaren Gegenvorschlag: niedrigere Preise, weniger Wartezeit, breiteres Programm. Ob dieser Vorschlag ökonomisch hält oder ob die Quersubventionierung durch den Späti eine strukturelle Schwäche kaschiert, wird sich in den kommenden zwölf Monaten zeigen. Eine Neueröffnung in Berlins schwierigster Clubphase seit der Pandemie ist, unabhängig vom Ausgang, ein Signal — allerdings eines, dessen Bedeutung erst die Betriebsrealität einlösen muss.