Der eGovernment Monitor 2025 des DGB dokumentiert, was viele ahnen: Nur 33 Prozent der Befragten vertrauen 2025 dem Staat, nur 16 Prozent sehen seine Leistungsfähigkeit als mit privatwirtschaftlichen Unternehmen vergleichbar, und gerade einmal 12 Prozent empfinden, dass der Staat ihr Leben erleichtert. Gleichzeitig zeigt eine Destatis-Erhebung von September 2024, dass eine Mehrheit der Bürger mit konkreten Behördendienstleistungen zufrieden ist — die Spannung dieser beiden Befunde ist aufschlussreich: Man ist zufrieden, wenn etwas klappt, und trotzdem misstrauisch gegenüber dem System als Ganzem.

Das passt zu dem, was dieser Polizeieinsatz sichtbar macht. Einer verhält sich daneben. Die Polizei kommt. Der Einsatz läuft korrekt ab. Und die Reaktion ist: Dankbarkeit. Nicht Selbstverständlichkeit. Nicht ein kurzes Nicken und weitergehen. Dankbarkeit.

Das Bewertungskriterium, an dem dieser Kommentar hängt, ist demokratische Funktionalität: Ein Rechtsstaat ist nicht dann stark, wenn er in Ausnahmesituationen heroisch agiert, sondern wenn sein Routinebetrieb verlässlich und verhältnismäßig ist. Gemessen daran war dieser Einsatz kein Anlass zur Dankbarkeit — er war das Minimum.


Was der Einsatz rechtlich trägt — und was er kostet

Wer nachts im öffentlichen Raum andere stört, ohne eine Straftat zu begehen, begibt sich in einen Graubereich. Das Polizei- und Ordnungsrecht kennt den Begriff der „öffentlichen Ordnung" als Schutzgut — einen anerkannt unbestimmten Rechtsbegriff, dessen Auslegung variiert und der in der Rechtswissenschaft teils als redundant zur „öffentlichen Sicherheit" betrachtet wird. Der § 118 OWiG (Belästigung der Allgemeinheit) kann greifen, wenn eine grob ungehörige Handlung geeignet ist, die Allgemeinheit zu belästigen — aber auch das verlangt mehr als schlechtes Benehmen.

Acht Autos für einen Mann, der sich daneben benimmt: Das klingt nach Überreaktion. Ob es eine war, lässt sich ohne Kenntnis der konkreten Lage nicht beurteilen — möglicherweise gab es Hinweise auf ein erhöhtes Eskalationsrisiko, die den Einsatz des Umfangs rechtfertigten. Klar ist: Verhältnismäßigkeit ist kein Ermessenswunsch, sondern Rechtspflicht. Und Kosten fallen an — nach Länderregelung variiert, was davon dem Verursacher in Rechnung gestellt wird: Hamburg erhebt etwa 145 Euro für Ingewahrsamnahmen, Hessen rund 215 Euro. Für die Regel gilt: Polizeieinsätze im überwiegenden öffentlichen Interesse zahlt der Steuerzahler.


Das Steelmanning: Der Staat hat ein Vertrauens-, kein Versagenproblem

Wer die Dankbarkeit für Anzeichen staatlichen Zerfalls hält, hat ein Argument: Vielleicht ist das Staunen über funktionierenden Staat weniger ein Spiegel realer Dysfunktion als ein Spiegel medialer Erzählung. Geschichten von Behördenversagen kursieren weiter als Geschichten von Behördenfunktionieren. Kein Polizeieinsatz, der störungslos verläuft, wird um 22:05 Uhr Schlagzeile. Das ist eine verzerrte Wahrnehmung, keine verzerrte Realität — und die 83-Prozent-Zufriedenheitsrate einer infas-Erhebung im Auftrag von Destatis aus 2019 deutet darauf hin, dass die meisten direkten Begegnungen mit dem Staat tatsächlich funktionieren.

Das ist ein ernstzunehmendes Argument. Die Lage ist nicht apokalyptisch.


Aber: Das Staunen selbst ist ein politisches Signal

Selbst wenn die Dysfunktion kleiner ist als gefühlt — das Staunen über Funktionieren ist real und politisch relevant. Es zeigt, dass der Staat in der Wahrnehmung vieler Bürger seine Default-Erwartung verloren hat. Nicht Vertrauen als Ausgangspunkt, sondern Misstrauen mit angenehmen Ausnahmen.

Das hat konkrete Folgen für die Demokratie-Achse: Ein Rechtsstaat, dem man dankt, wenn er funktioniert, sitzt nicht fest in der gesellschaftlichen Überzeugung, dass er funktionieren wird. Diese Erwartungslücke ist der Nährboden für Angebote, die versprechen, den Staat zu ersetzen — durch private Sicherheitsdienste auf der rechten Seite, durch Misstrauensnarrative gegenüber Institutionen auf der populistischen. Beide leben von derselben Quelle: dem Zweifel, dass der gewöhnliche Dienstag-Einsatz der Polizei um 22 Uhr verlässlich sein wird.

Deswegen ist die Antwort auf den Großbuchstaben-Dank nicht Zynismus. Die richtige Antwort ist: Ja, gut. Und jetzt die Erwartungslage hochschrauben, nicht auf Ausnahmeleistung warten. Ein verlässlicher Rechtsstaat braucht keine Dankbarkeit — er braucht Selbstverständlichkeit.


Was daneben noch fehlt

Der Einsatz war lupenrein, wie beschrieben. Die Frage, die kein Polizeieinsatz beantwortet, lautet: Warum war die Person dort, zu dieser Zeit, in diesem Zustand? Deeskalation beginnt nicht um 22 Uhr, wenn acht Autos vorfahren. Sie beginnt früher — in kommunalen Präventionsprogrammen, in Sozialarbeit, in Stadtplanung, die keine Angsträume produziert. Die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Sozialer Arbeit ist in Deutschland anerkannt notwendig und strukturell unterentwickelt — unterschiedliche Mandate (Kontrolle vs. Hilfe), unterschiedliche Finanzierungslogiken, unterschiedliche politische Prioritäten.

Wer dem Staat dankt für den Einsatz der Polizei, kann gleichzeitig fragen: Wo ist der Einsatz der anderen Institutionen, die dafür sorgen, dass es gar nicht erst zu dieser Szene kommt?


Das Urteil: Dieser Polizeieinsatz ist kein Anlass für Euphorie, aber er ist ein Anlass für eine präzisere Forderung. Nicht „DANKE AN UNSEREN STAAT" — sondern: Das ist das Minimum. Liefert weiter. Und baut die Strukturen, die die Polizei überflüssig machen, bevor sie anrücken muss.