Sie lässt trotzdem spielen.

Das ist die Kernfrage hinter der WM 2026, die am 11. Juni in den USA, Kanada und Mexiko beginnt: Wann wird ein globales Sportfest zur institutionalisierten Fahrlässigkeit? Die Antwort liegt nicht in der Hitze selbst — die ist physikalische Tatsache, kein Planungsfehler. Sie liegt in der Entscheidung, bekannte Risiken mit nachweislich unzureichenden Maßnahmen zu verwalten, statt sie zu beseitigen.

Die Lücke zwischen Wissen und Handeln

Die Zahlen sind nicht neu und nicht umstritten. Eine Analyse, deren Ergebnisse der Tagesspiegel am 14. Mai 2026 veröffentlichte, zeigt: Rund 26 der 104 Spiele könnten Wet-Bulb-Globe-Temperature-Werte von 26 °C oder mehr erreichen — jene Schwelle, ab der FIFPRO Kühlpausen für notwendig hält. Bei fünf Spielen drohen Werte von 28 °C WBGT oder darüber, ab der die Gewerkschaft Spielunterbrechungen oder Verschiebungen fordert. Die gefühlte Temperatur für Athleten könnte an einzelnen Spielorten 49,5 °C erreichen. Das Risiko extremer Hitze hat sich laut derselben Analyse seit der WM 1994 in den USA nahezu verdoppelt — eine direkte Folge des Klimawandels.

Die FIFA reagierte darauf mit obligatorischen Trinkpausen von drei Minuten pro Halbzeit und klimatisierten Sitzbereichen für Trainerstäbe und Ersatzspieler bei Spielen unter freiem Himmel. Das klingt nach Maßnahme. Es ist eine Geste. Denn die FIFA erlaubt Spielunterbrechungen wegen Hitze erst ab einem WBGT-Wert von 32 °C — also vier Grad über dem Punkt, den FIFPRO als unsicher einstuft. Zwischen diesen beiden Werten liegt ein Bereich, in dem Profis unter extremer physiologischer Belastung spielen dürfen, weil das Regelwerk es so vorsieht, wie die FAZ am 14. Mai 2026 dokumentierte.

Das Steelmanning: Warum die FIFA nicht schlicht versagt

Die faire Gegenposition verdient Gehör. Die FIFA operiert unter Bedingungen, die sie nicht vollständig kontrolliert. Vertragsgebundene Sendezeiten, nationale TV-Märkte in Europa und Asien, die Interessen von Gastgeberstädten — all das erzeugt Spielpläne, die sich nicht einfach in kühlere Abendstunden verschieben lassen, ohne Milliardenverluste auszulösen. Außerdem: 17 der genutzten Stadien verfügen laut Briefingdaten über Kühlsysteme, und die Maßnahmen für Bänke und Busse sind zumindest nicht nichts. Wer der FIFA vorwirft, sie ignoriere die Hitze vollständig, liegt falsch.

Das Problem ist ein anderes: Die FIFA setzt ihren eigenen Grenzwert für Spielunterbrechungen so hoch an, dass er die Empfehlungen der eigenen Spielergewerkschaft strukturell unterläuft. Das ist keine Planungsschwäche. Das ist eine Priorisierungsentscheidung — zugunsten des Spielbetriebs, zulasten der Athleten.

Greenwashing als Strategie

Die ökologische Dimension verstärkt dieses Muster. Die WM 2026 wird nach Prognosen etwa neun Millionen Tonnen CO₂ erzeugen — mehr als doppelt so viel wie die WM 2022 in Katar (ca. 3,8 Millionen Tonnen), wie ZDFheute berichtete. Der Haupttreiber ist der Flugverkehr: mehr als fünf Millionen erwartete Fans, Teams, die zwischen Miami und Vancouver über 4.500 Kilometer zurücklegen, ein Turnier mit 48 statt 32 Mannschaften. Die FIFA hält dem eine Nachhaltigkeitsstrategie entgegen, die unter anderem die Pflanzung einer Million Bäume verspricht.

Eine Million Bäume gegen neun Millionen Tonnen CO₂ ist keine Klimapolitik. Es ist Arithmetik, die nicht aufgeht, und Umweltorganisationen wie die Scientists for Global Responsibility und das New Weather Institute haben das öffentlich so benannt — Stichwort Greenwashing, dokumentiert auf LAOLA1. Das Turnier wird die umweltschädlichste Fußball-WM aller Zeiten — und die FIFA kommuniziert das Gegenteil.

Effizienz als Maßstab — und wessen Kosten nicht gezählt werden

Das erklärte Bewertungskriterium dieses Kommentars ist Effizienz: Welchen Output erzeugt die WM 2026 gemessen an den eingesetzten Mitteln und den anfallenden Kosten — nicht nur finanziell, sondern in der Gesamtbilanz aus sportlichem Nutzen, gesundheitlichem Risiko und ökologischem Schaden?

Gemessen daran versagt das Turnier als Veranstaltungsmodell. Die externe Kostenseite — Gesundheitsrisiken für Athleten und Fans, CO₂-Emissionen, Klimafolgen — wird systematisch ausgeblendet. Der DFB hat bereits gewarnt, dass die WM für viele Verbände ein Verlustgeschäft werden könnte, wie der Kölner Stadt-Anzeiger meldete. Die Einnahmen fließen zur FIFA; die Kosten tragen die Athleten, die Fans, die Umwelt und die kleineren Verbände. Das ist kein WM-Versehen. Das ist das Geschäftsmodell.

Dem gegenüber steht Folgendes: Die WM wird stattfinden. Teams akklimatisieren sich, der DFB entwickelt Kühlwesten und angepasstes Schuhwerk, wie Bild berichtete. Portugal, das nach verfügbaren Daten das höchste Hitzerisiko in der Vorrunde trägt, bereitet sich vor. Spieler sind Profis; sie wissen, unter welchen Bedingungen sie spielen. Das ist das stärkste Argument für den Status quo.

Aber Professionalität schützt nicht vor Hitzschlag. Und das Wissen der Athleten über die Risiken ersetzt keine institutionellen Schutzpflichten. Die FIFA ist nicht das Opfer des Klimawandels — sie ist die Organisation, die Spielpläne, Austragungsorte und Regelwerke festlegt. Sie hat gewählt, diese Veranstaltung in dieser Form durchzuführen, obwohl die Datenlage bekannt war.

Das Urteil

Die WM 2026 ist nicht das Spektakel, das sich selbst zerstört. Sie ist ein Spektakel, das seine Kosten externalisiert: auf die Körper von Spielern, die keine Verhandlungsmacht gegenüber dem Spielplan haben; auf ein Klima, das die Emissionen nicht zurückschickt; auf Verbände, die am Ende der Abrechnung rote Zahlen zählen.

Das Turnier wird großartige Spiele produzieren. Wahrscheinlich auch einen Hitzekollaps oder zwei, die kurz diskutiert und dann vergessen werden. Und am Ende werden 48 Teams 104 Spiele absolviert haben — unter Bedingungen, für die eine bessere Planung bekannte, umsetzbare Alternativen gehabt hätte: frühere Anstoßzeiten, strengere Hitzeprotokolle, ein kleineres Turnierformat.

Die FIFA hat sich dagegen entschieden. Das ist die Entscheidung, die bewertet werden muss — nicht die Hitze.