Zwei Großverträge — mit Anthropic und Google — summieren sich auf über 70 Milliarden US-Dollar Vertragswert und übersteigen damit den gesamten Jahresumsatz 2025 um das Vierfache. Die analytische Kernfrage ist: Trägt diese Compute-Strategie die Bewertung — oder verschiebt sie ein Raumfahrtunternehmen in einen Markt, in dem es weder Erfahrung noch Wettbewerbsvorteile hat?

Der Google-Deal: 920 Millionen Dollar pro Monat, mit Notausgang

Am 5. Juni 2026, eine Woche vor dem geplanten IPO, wurde der Cloud-Vertrag zwischen SpaceX und Google öffentlich. Die Eckdaten: Google erhält Zugang zu rund 110.000 Nvidia-GPUs in SpaceX-Rechenzentren, zahlt dafür ab Oktober 2026 monatlich 920 Millionen US-Dollar und läuft den Vertrag bis Juni 2029 — bei Volllaufzeit ergibt das bis zu 30 Milliarden US-Dollar. Während der Hochlaufphase bis September 2026 gelten reduzierte Gebühren.

Für Google löst der Vertrag ein akutes Kapazitätsproblem: Die Nachfrage nach Gemini Enterprise übersteigt die eigenen Rechenzentrumskapazitäten, und der Zukauf bei SpaceX ist schneller skalierbar als ein Neubau eigener Infrastruktur. Google hielt Ende 2025 einen Anteil von 6,11 Prozent an SpaceX, der nach der xAI-Fusion auf geschätzt fünf Prozent verwässert wurde — Google ist also gleichzeitig Kunde und Miteigentümer.

Die Vertragsstruktur enthält allerdings Ausstiegsklauseln, die den Eindruck eines langfristigen Anker-Deals relativieren. Liefert SpaceX die vereinbarte GPU-Kapazität nicht bis zum 30. September 2026, kann Google nach einer Nachfrist sofort kündigen. Nach dem 31. Dezember 2026 können beide Seiten mit 90 Tagen Frist aussteigen. Die Kündigungsoptionen bedeuten: Der Vertrag garantiert SpaceX bestenfalls drei volle Monatszahlungen (Oktober bis Dezember 2026), bevor die 90-Tage-Klausel greift. Die im IPO-Prospekt suggerierten 30 Milliarden Dollar sind ein Maximalwert, kein gesicherter Umsatz.

Drei Geschäftsfelder, drei Reifegrade

SpaceX operiert nach der xAI-Fusion in drei Segmenten mit sehr unterschiedlicher wirtschaftlicher Reife:

Starlink ist das einzige profitabel operierende Segment. Mit 11,39 Milliarden US-Dollar Umsatz 2025 und einer EBITDA-Marge von über 60 Prozent bei mehr als zehn Millionen Abonnenten liefert das Satelliteninternet den operativen Cashflow, der die anderen Geschäftsfelder quersubventioniert. Die Antennenproduktion, noch 2020 ein Verlustgeschäft, arbeitet mittlerweile profitabel.

Launch Services — der ursprüngliche Kern von SpaceX — steuerte 2025 rund 5,5 Milliarden US-Dollar zum Gesamtumsatz von 18,7 Milliarden US-Dollar bei. Die Falcon 9 hat die Startkosten pro Kilogramm in den niedrigen Erdorbit auf einen Bruchteil des historischen Niveaus gesenkt und dominiert den kommerziellen Startmarkt. Starship, die nächste Raketengeneration, verschlang 2025 rund drei Milliarden US-Dollar an F&E-Kosten und befindet sich weiterhin in der Testphase — kommerziell einsatzfähig ist es noch nicht.

KI-Infrastruktur (via xAI) ist das jüngste und verlustreichste Segment. xAI verzeichnete 2025 einen operativen Verlust von 6,4 Milliarden US-Dollar bei lediglich 3,2 Milliarden Dollar Umsatz. Die Compute-Verträge mit Google und Anthropic (letzterer über 1,25 Milliarden US-Dollar monatlich) sollen dieses Segment in die Profitabilität heben — sofern die GPU-Kapazitäten fristgerecht bereitstehen und die Kunden nicht von ihren Kündigungsoptionen Gebrauch machen.

In der Summe verbuchte SpaceX 2025 einen Nettoverlust von 4,94 Milliarden US-Dollar. Vor der xAI-Fusion hatte das Unternehmen 2024 noch einen Nettogewinn von 791 Millionen US-Dollar erwirtschaftet. Die Fusion hat ein profitables Raumfahrtunternehmen in ein verlustschreibendes Konglomerat verwandelt — und genau dieses Konglomerat soll nun den größten Börsengang der Geschichte tragen.

Bewertung: 1,77 Billionen Dollar gegen 780 Milliarden

Die Diskrepanz zwischen Musks IPO-Bewertung und unabhängigen Analysen ist erheblich. Morningstar beziffert den fairen Wert von SpaceX auf rund 780 Milliarden US-Dollar — weniger als die Hälfte der angestrebten 1,77 Billionen. ARK Invest hält die Bewertung dagegen für gerechtfertigt und verweist auf einen adressierbaren KI-Markt von 26,5 Billionen US-Dollar.

Bei einem Ausgabepreis von 135 US-Dollar pro Aktie und rund 555,6 Millionen neuen Aktien will SpaceX mindestens 75 Milliarden US-Dollar einsammeln, mit Mehrzuteilungsoption bis zu 85,7 Milliarden. Das Kapital soll in den Ausbau von Starlink, die Starship-Entwicklung und KI-Rechenzentren fließen.

Zwei strukturelle Merkmale des IPO verdienen besondere Beachtung: Erstens behält Musk über eine Doppelklassenstruktur rund 85 Prozent der Stimmrechte — neue Aktionäre kaufen Cashflow-Anteile, keine Mitsprache. Zweitens sind nach dem Börsengang nur etwa fünf Prozent der Aktien frei handelbar, was die Preisbildung bei geringer Liquidität verzerren kann. SpaceX plant, bis zu 30 Prozent der Emission für Privatanleger zu reservieren — ein historischer Rekord, der Liquidität schaffen soll, aber unerfahrene Anleger einem Titel mit extremem Bewertungsrisiko aussetzt.

Effizienz-Achse: Zwei Geschäftsmodelle, ein Prospekt

Gegen die Effizienz-Achse gelesen, zeigt sich das zentrale Spannungsfeld des Börsengangs. SpaceX hat in der Raumfahrt nachweislich Effizienzgewinne erzielt: Die Wiederverwendbarkeit der Falcon 9 hat die Kosten pro Start drastisch gesenkt, Starlink bedient zehn Millionen Abonnenten mit einer operativen Marge, die terrestrische Internetanbieter in vielen Märkten nicht erreichen.

Die KI-Sparte hingegen arbeitet mit einer negativen operativen Marge von minus 100 Prozent (6,4 Milliarden Verlust bei 3,2 Milliarden Umsatz). Die Compute-Verträge versprechen Besserung, aber sie binden SpaceX an einen Markt, in dem die Effizienzvorteile des Unternehmens — Wiederverwendbarkeit, vertikale Integration in der Hardware-Fertigung — nicht greifen. GPU-Vermietung ist ein Commodity-Geschäft, in dem Amazon (AWS), Microsoft (Azure) und Google selbst die etablierten Anbieter sind. SpaceX konkurriert hier nicht mit Raketentechnik, sondern mit Rechenzentrumsmanagement — und dagegen sprechen weder Erfahrungswerte noch operative Exzellenz.

Man kann Musks Gegenargument ernst nehmen: Die KI-Infrastruktur sei ein temporärer Engpassmarkt, in dem jede verfügbare GPU Abnehmer finde, unabhängig vom Betreiber. Das ist kurzfristig plausibel — die Nachfrage nach Rechenkapazität übersteigt 2026 das Angebot deutlich. Langfristig aber werden die Hyperscaler ihre eigenen Kapazitäten ausbauen (Google investiert 2026 allein 75 Milliarden US-Dollar in Rechenzentren), und SpaceX's GPU-Vermietung dürfte dann von einem Verkäufer- in einen Käufermarkt kippen.

Was der Prospekt nicht auflöst

Drei Fragen bleiben für Investoren offen:

Erstens die Kapitalverwendung: Fließen die 75 Milliarden primär in Starship und Starlink — also in das Kerngeschäft mit nachgewiesener Kompetenz — oder in den Ausbau der KI-Rechenzentren, deren Wettbewerbsposition fragil ist? Der Prospekt benennt alle drei Felder, ohne Prioritäten zu quantifizieren.

Zweitens die Governance: Eine 85-Prozent-Stimmrechtskontrolle durch Musk bedeutet, dass kein institutioneller Investor — selbst bei Milliardenbeteiligung — einen Strategiewechsel erzwingen kann. Für ein Unternehmen, das gleichzeitig Raketen baut, Satelliteninternet betreibt, GPUs vermietet und einen KI-Chatbot (Grok) entwickelt, ist diese Machtkonzentration ein strukturelles Risiko, das der Markt bisher nur bei Tesla eingepreist hat.

Drittens die Konsolidierungslogik: Vor der xAI-Fusion war SpaceX profitabel. Nach der Fusion ist es ein Verlustunternehmen mit höherer Bewertung. Die Fusion hat den IPO-Wert maximiert, indem sie das KI-Narrativ in den Prospekt eingebracht hat — aber sie hat auch die operative Klarheit zerstört, die Investoren brauchen, um einzelne Geschäftsfelder zu bewerten. Ob SpaceX nach dem IPO Segment-Berichte veröffentlichen wird, die eine getrennte Bewertung von Raumfahrt, Starlink und KI ermöglichen, ist aus dem bisherigen Prospektmaterial nicht ersichtlich.

Die Rechnung

SpaceX bringt am 12. Juni ein Unternehmen an die Börse, das in der Raumfahrt operativ exzellent ist, im Satelliteninternet profitabel arbeitet und in der KI-Infrastruktur Milliarden verbrennt. Der Google-Deal liefert kurzfristig Umsatz und Glaubwürdigkeit — aber seine Kündigungsklauseln machen ihn zu einem Brückenvertrag, nicht zu einem Fundament. Die Bewertung von 1,77 Billionen Dollar preist ein, dass SpaceX in allen drei Feldern gleichzeitig gewinnt. Morningstar hält die Hälfte für realistisch. Die Differenz — rund 900 Milliarden Dollar — ist der Preis, den der Markt für die Wette zahlt, dass Elon Musk recht behält.