Der 30-Milliarden-Dollar-Deal zwischen beiden Konzernen verschiebt die Machtverhältnisse im KI-Infrastrukturmarkt und wirft eine Frage auf, die Investoren beantworten müssen: Wer profitiert mehr — der Mieter oder der Vermieter?
Die Kernfrage
Alphabet sammelt 80 Milliarden Dollar am Kapitalmarkt ein, um seine KI-Infrastruktur auszubauen — und überweist gleichzeitig 920 Millionen Dollar pro Monat an SpaceX für gemietete Rechenleistung. Wie verändert diese Doppelbewegung die Wettbewerbsstruktur im KI-Infrastrukturmarkt, und welche Seite des Deals trägt das größere Risiko?
Alphabets Kapitalhunger in Zahlen
Alphabet plant die größte Kapitalbeschaffung seiner Unternehmensgeschichte: 80 Milliarden US-Dollar, aufgeteilt in gezeichnete Angebote über 30 Milliarden Dollar, ein At-the-Market-Programm über 40 Milliarden Dollar und eine Privatplatzierung von 10 Milliarden Dollar bei Berkshire Hathaway. Goldman Sachs, JPMorgan Chase und Morgan Stanley begleiten die Platzierung.
Der Hintergrund: Alphabets Investitionsausgaben für 2026 liegen bei 180 bis 190 Milliarden US-Dollar — eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. Google Cloud meldete zuletzt einen Auftragsbestand von 460 Milliarden Dollar, die Nachfrage nach KI-Diensten wie Gemini Enterprise übersteigt die Lieferkapazität. Die Kapitalerhöhung ist keine Wachstumswette auf Verdacht — sie ist die Reaktion auf einen Engpass, der bereits besteht.
Die Marktreaktion war dennoch negativ: Die Alphabet-Aktie fiel nach Bekanntgabe der Kapitalerhöhung um rund 7 Prozent, weil Anleger die Verwässerung ihrer Anteile fürchteten.
Der SpaceX-Deal: 30 Milliarden Dollar für Überbrückungskapazität
Parallel zur Kapitalerhöhung wurde ein Vertrag bekannt, der die Dimension des Problems illustriert: Google mietet bei SpaceX monatlich 920 Millionen Dollar an KI-Rechenleistung — Zugang zu rund 110.000 Nvidia-GPUs in SpaceX-Rechenzentren. Der Vertrag läuft von Oktober 2026 bis Ende Juni 2029, das Gesamtvolumen beträgt rund 30 Milliarden Dollar. Die gemietete Leistung entspricht über 100 Megawatt — dem Strombedarf von etwa 75.000 Haushalten.
Google bezeichnet den Deal als „kurzfristige Überbrückungskapazität" für Gemini Enterprise. Die Formulierung ist aufschlussreich: Sie impliziert, dass die eigene Infrastruktur frühestens 2029 die aktuelle Nachfrage decken kann — trotz der 80 Milliarden Dollar Kapitalerhöhung und trotz Alphabets Strategie, mit eigenen TPU-v8-Chips und dem Axion-Prozessor unabhängiger von Nvidia zu werden.
SpaceX: Vom Raketenbauer zum KI-Vermieter
Für SpaceX kommt der Deal zu einem strategisch günstigen Zeitpunkt. Das Unternehmen plant für den 12. Juni 2026 einen Börsengang, der mit einer angestrebten Bewertung von 1,5 bis 1,75 Billionen Dollar das größte IPO der Geschichte werden soll. SpaceX will 555,6 Millionen Aktien zu je 135 Dollar verkaufen und damit rund 75 Milliarden Dollar einsammeln.
Die Finanzkennzahlen des S-1-Formulars erzählen allerdings eine komplexere Geschichte: SpaceX erzielte 2025 einen Umsatz von 18,7 Milliarden Dollar, wies aber einen GAAP-Nettoverlust von 4,9 Milliarden Dollar aus — bei einem bereinigten EBITDA von 6,6 Milliarden Dollar. Die Verluste gehen wesentlich auf die Verschmelzung mit Musks KI-Unternehmen xAI zurück — vor der Fusion war SpaceX profitabel.
Goldman Sachs prognostiziert, dass die KI-Sparte von SpaceX bis 2030 einen Umsatz von 322 Milliarden Dollar erzielen soll. Diese Projektion ist die tragende Säule der Billionen-Bewertung. Morningstar setzt den fairen Wert deutlich niedriger an: bei rund 780 Milliarden Dollar. Die Differenz — fast eine Billion Dollar — liegt im Wesentlichen in der Frage, ob sich orbitale Rechenzentren und KI-Vermietung als tragfähiges Geschäftsmodell etablieren.
Die strategische Spannung: Kunde finanziert Konkurrenten
Der Google-SpaceX-Deal hat eine Struktur, die über ein normales Lieferantenverhältnis hinausgeht. Alphabet hält eine Beteiligung an SpaceX, die bei einem IPO auf Basis der angestrebten Bewertung einen Wert von 100 bis 122 Milliarden Dollar erreichen könnte. Google ist damit gleichzeitig Großkunde, Investor und potenzieller Konkurrent — denn Alphabet verfolgt unter dem Arbeitstitel „Project Suncatcher" eigene Pläne für Rechenzentren im Weltraum ab 2027.
Für SpaceX wiederum liefert der Vertrag 30 Milliarden Dollar garantierten Umsatz über 33 Monate — direkt vor dem IPO eine Zahl, die das S-1-Formular erheblich aufwertet. Ob die 920 Millionen Dollar monatlich den tatsächlichen Marktpreis für 110.000 GPUs abbilden oder einen IPO-Aufschlag enthalten, lässt sich aus den öffentlichen Daten nicht prüfen (genaue Konditionen sind im S-1 nicht offengelegt, Stand Juni 2026).
Einordnung: Die Effizienz-Achse
Der Deal berührt die Effizienz-Frage auf zwei Ebenen. Erstens: Alphabet gibt zu, dass es seine eigene Infrastruktur nicht schnell genug skalieren kann, obwohl es jährlich 180 bis 190 Milliarden Dollar investiert. Die Genehmigungsdauer für Rechenzentren in den USA, Energieanschlüsse, Chiplieferketten — all das begrenzt die Ausbaugeschwindigkeit. SpaceX bietet eine Abkürzung, allerdings zu Kosten, die über dem internen Bereitstellungspreis liegen dürften.
Zweitens: Die Struktur, in der ein börsennotierter Konzern einem Pre-IPO-Unternehmen, an dem er beteiligt ist, Milliardenumsätze garantiert, erzeugt eine Governance-Spannung. SpaceX operiert unter einer Dual-Class-Aktienstruktur, die Elon Musk weitreichende Kontrollrechte sichert. Neue Aktionäre erhalten eingeschränkte Stimmrechte. Die SEC hat den IPO bislang nicht blockiert, aber kartellrechtliche Prüfungen — insbesondere angesichts der xAI-Verschmelzung und der Verflechtung zwischen Musks Unternehmensportfolio — sind als Risikofaktor im S-1 benannt.
Was die Zahlen nicht sagen
Drei Limitationen sind für die Bewertung wesentlich:
Die Goldman-Sachs-Prognose von 322 Milliarden Dollar KI-Umsatz für SpaceX bis 2030 beruht auf Annahmen über orbitale Rechenzentren, deren technische Machbarkeit (Kühlung, Hardware-Wartungszyklen, Latenz) bisher nicht im kommerziellen Maßstab demonstriert wurde. Googles „Project Suncatcher" für 2027 existiert bislang als Ankündigung, nicht als Prototyp.
Der genaue Anteil von Google an SpaceX ist vor dem IPO nicht exakt beziffert — die Spanne von 100 bis 122 Milliarden Dollar basiert auf einer angenommenen Bewertung von 1,75 bis 2 Billionen Dollar, die selbst umstritten ist. Die tatsächliche Zuteilung wird erst mit dem S-1-Filing vollständig transparent.
Ob Alphabets 80-Milliarden-Dollar-Kapitalerhöhung die Verwässerung rechtfertigt, hängt von der Annahme ab, dass die KI-Nachfrage auf dem aktuellen Niveau bleibt oder steigt. Die Geschichte von Infrastruktur-Investitionszyklen — von Eisenbahnen über Glasfaser bis Rechenzentren — zeigt, dass die Erbauer der Infrastruktur häufig schlechtere Renditen erzielen als deren Nutzer.
Ausblick
Der 12. Juni 2026 wird zeigen, ob der Markt SpaceX eine Bewertung von 1,75 Billionen Dollar zugesteht — fast das Hundertfache des 2025er-Umsatzes und gestützt auf KI-Umsatzprognosen, die über dem liegen, was das Kerngeschäft Raumfahrt heute erwirtschaftet. Für Alphabet ist die Frage eine andere: ob 80 Milliarden Dollar Kapitalerhöhung plus 30 Milliarden Dollar Mietkosten die KI-Lücke schnell genug schließen, bevor Microsoft, Meta und Amazon ihre eigenen Kapazitäten hochfahren — oder ob der Konzern, der einst den Cloud-Markt definierte, zum Mieter bei einem Raumfahrtunternehmen wurde, weil er den eigenen Ausbau nicht schnell genug hinbekam.
