Aber es krankt an einem Widerspruch, der symptomatisch für die europäische Sicherheitspolitik insgesamt ist: Die strategische Lage fordert Geschwindigkeit und Einheit, während nationale Industrieinteressen Tempo und Kooperation systematisch sabotieren. Wer diese Gleichung löst, gewinnt die nächsten Jahrzehnte. Wer sie verschleppt, liefert seine Lufthoheit mittelfristig an andere aus.
Die Bedrohungslage ist klar – die Antwort darauf nicht
Das NATO-Strategiekonzept von 2022 identifiziert Russland als „bedeutendste und unmittelbarste Bedrohung" und China als „systemische Herausforderung". Diese Formulierungen sind Diplomatensprache, aber sie übersetzen sich in konkrete Zahlen: Russische Sabotageoperationen in Europa haben sich zwischen 2023 und 2024 fast verdreifacht; chinesische Cyber-Spionage stieg im gleichen Zeitraum um 150 Prozent. Die NATO erwartet von europäischen Verbündeten, bis in die 2030er-Jahre die Hälfte der für Abschreckung gegen Russland benötigten Kräfte eigenständig zu stellen.
Europa wird gleichzeitig als Verbraucher und als Ziel behandelt – und reagiert darauf bislang vor allem mit Ankündigungen.
Dass China dabei nicht nur als geopolitischer Rivale, sondern als Lieferkettenrisiko in das Zentrum europäischer Sicherheitsüberlegungen rückt, verdeutlicht ein oft übersehener Zusammenhang: Moderne Rüstungssysteme brauchen 39 kritische Rohstoffe, darunter Germanium, Gallium und Seltene Erden – und Deutschland bezog 2023 bereits 69 Prozent seiner Seltene-Erden-Importe aus China, gegenüber 32 Prozent im Jahr 2014, wie Germany Trade & Invest dokumentiert. Bei Metallrohstoffen insgesamt ist Deutschland zu nahezu 100 Prozent auf Importe angewiesen. Der Anteil chinesischer Vorprodukte an jedem deutschen Exportgut hat sich in zwei Jahrzehnten vervierfacht und liegt heute bei rund zwei Prozent der Wertschöpfung – in der Elektrotechnik greift laut Germany Trade & Invest fast jedes zweite Unternehmen auf chinesische Vor- oder Endprodukte zurück.
Wer einen Kampfjet bauen will, braucht chinesische Rohstoffe – und riskiert damit, dass Peking über Exportkontrollen den Produktionsrhythmus europäischer Verteidigungsindustrie mitbestimmt. Das ist kein theoretisches Szenario: China hat bereits Exportbeschränkungen für Germanium und Gallium eingeführt.
Das FCAS-Paradox: Notwendig und blockiert zugleich
Genau hier sollte FCAS wirken – als gemeinsame europäische Plattform, die langfristige Technologieführerschaft und damit auch eine Verhandlungsmacht gegenüber Rohstofflieferanten schaffen könnte. Das Projekt zielt auf ein vernetztes Kampfflugsystem ab, das ab 2040 einsatzfähig sein soll, getragen von Frankreich, Deutschland und Spanien.
Die Realität ist weniger elegant. Frankreich, vertreten durch Dassault Aviation und Safran, besteht auf der Führungsrolle beim Kampfflugzeug der nächsten Generation; Deutschland pocht auf gleichberechtigte Partnerschaft und Schlüsseltechnologien unter Airbus und MBDA; Spanien folgt weitgehend Paris. Im März 2024 einigten sich Berlin und Paris auf einen neuen Streitbeilegungsmechanismus – was zunächst nach Fortschritt klingt, aber auch zeigt: Vier Jahre nach Projektbeginn braucht man einen Mechanismus, um Streitigkeiten überhaupt geregelt austragen zu können. Table.media beschreibt das Verhältnis zwischen beiden Ländern in diesem Projekt als „angeknackst".
Die strukturellen Gründe liegen tiefer als Eitelkeit oder industrielle Schutzreflexe. Frankreich verfolgt eine Rüstungsdoktrin, die auf nationale Autarkie setzt – weder von Russland noch von China noch von den USA abhängig, wie ESUT die französische Haltung beschreibt. Diese Tradition ist historisch erklärbar und strategisch nicht dumm: Wer eigene Systeme vollständig kontrolliert, kann sie auch einsetzen, wenn Bündnispartner zögern. Deutschland hingegen denkt seit Jahrzehnten von der NATO-Integration her und sieht sich zunehmend als Stütze der Ostflanke – ein Rollenbild, das Interoperabilität über Autarkie stellt.
Beide Positionen sind rational. Sie passen nur nicht zusammen.
Das Steelman-Argument: Vielleicht ist Abhängigkeit der falsche Begriff
Wer die aktuelle europäische Sicherheitslage verteidigt, bringt ein ernstzunehmendes Argument: Transatlantische Abhängigkeit von amerikanischen Waffensystemen wie dem F-35 war nie blinde Unterwerfung, sondern ein kalkulierter Tausch – militärische Interoperabilität gegen Eigenentwicklungskosten, die sich kein europäischer Staat allein leisten kann. Das FCAS würde Hunderte Milliarden Euro kosten und in einer Phase der Haushaltskonsolidierung Mittel binden, die dringend für Munition, Artillerie und Truppenstärke gebraucht werden. Wer heute in den Jet von 2040 investiert, könnte morgen die Drohne von 2030 verpassen.
Dieser Einwand verdient Respekt, nicht Wegwischen. Kurzfristige Kampfbereitschaft und langfristige Technologieautonomie stehen in echtem Konflikt – nicht in einem, den schlaue Rhetorik auflöst.
Und dennoch trägt die Logik nur bis zu einem bestimmten Punkt. Die US-Handelspolitik hat in den vergangenen Jahren systematisch gezeigt, dass Amerika seine Technologieexporte als geostrategisches Instrument begreift – Export-Kontrollen, Lizenzklauseln, konditionierte Weitergabe sensibler Komponenten. Wer europäische Luftverteidigung vollständig auf amerikanische Plattformen baut, kauft nicht nur Hardware, sondern politische Abhängigkeit mit. Das Kieler Institut hat für den Handelskonflikt USA-China gezeigt, wie solche Abhängigkeiten in echten Krisen zu strukturellen Nachteilen werden.
Was folgt – und wer zahlt, wenn nichts folgt
Die EU hat angekündigt, bis 2030 mindestens zehn Prozent strategischer Rohstoffe selbst zu gewinnen oder zu verarbeiten und den Bezug aus einem einzelnen Drittland auf 65 Prozent zu deckeln, wie ZEIT Online berichtet. Sie erwägt Vorschriften, die Unternehmen zur Diversifikation auf mindestens drei Lieferquellen verpflichten würden, laut MarketScreener Schweiz. Das sind vernünftige Schritte. Sie lösen das FCAS-Problem nicht.
Die deutsche Rüstungsindustrie kalkuliert bis 2030 mit einem Auftragspotenzial von 300 Milliarden Euro, wie Table.Briefings dokumentiert. Deutschland hat China als viertgrößten Waffenexporteur der Welt überholt; fast ein Viertel der deutschen Rüstungsexporte ging zwischen 2021 und 2025 in die Ukraine. Das sind Zeichen industrieller Stärke – und gleichzeitig eines strategischen Dilemmas: Man exportiert Waffen in einen Konflikt, den man selbst nicht führen könnte, ohne für die nächste Generation eigener Systeme gerüstet zu sein.
Das Bewertungskriterium, an dem diese Lage gemessen werden muss, ist nicht kurzfristige Bündnisloyalität, sondern europäische strategische Autonomie im Sinne der Demokratie-Achse: Wer die eigene Verteidigung nicht kontrolliert, kann seine außenpolitischen Entscheidungen nicht souverän treffen. Die Ukraine-Krise zeigt das schmerzhaft konkret: Europäische Regierungen diskutieren Waffenlieferungen, Boykotte und Sanktionen – während die industrielle Basis für eine eigenständige Kriegsführung über mehrere Jahre hinweg nicht existiert.
Europas Wahl – und wann sie getroffen werden muss
Die strukturellen Bedingungen werden nicht besser. Russland rüstet auf Kriegswirtschaft um. China diversifiziert seine Exportkontrollen gezielt gegen westliche Rüstungsproduktion. Die USA stellen zunehmend die Frage, welches Europa die Lastenteilung wirklich meint.
FCAS ist kein Prestigeprojekt. Es ist der Prüfstein dafür, ob Frankreich und Deutschland gemeinsame strategische Interessen über nationale Industriepolitik stellen können. Die Einigung vom März 2024 war ein Aufschub, kein Durchbruch. Die Luftwaffe drängt auf eine schnelle Entscheidung, um eine technologische Lücke zu vermeiden – und hat Recht damit. Wer 2040 eine einsatzbereite europäische Plattform will, muss die Industriestruktur dafür bis 2026 rechtsbindend festgelegt haben.
Wenn das scheitert, ist die Alternative nicht ein besseres Projekt. Die Alternative ist, dass Europa seinen Luftraum mit amerikanischer Hardware sichert, deren Einsatzbedingungen in Washington entschieden werden – und mit Rohstoffen, deren Lieferketten in Peking gesteuert werden. Das wäre keine strategische Autonomie. Das wäre organisierte Abhängigkeit auf zwei Kontinenten gleichzeitig.
