Bundeswehr, Polizei, Verfassungsschutz koordinieren im gemeinsam eingerichteten Drohnenabwehrzentrum. Das klingt nach Zeitenwende-Reflex, und das ist es auch: Man plant für den Ernstfall, den militärischen, den katastrophischen.

Die andere Drohnenbedrohung – die alltagsnähere, die lautlosere – diskutiert in Berlin kaum jemand.

Im Oktober 2025 veröffentlichte die Global Initiative Against Transnational Organized Crime den Bericht „Crime by Drone: A New Paradigm for Organized Crime". Das Fazit: Drohnen sind das aufstrebende Lieferwerkzeug des organisierten Verbrechens. Drogen, Waffen und Mobiltelefone über Gefängnismauern – dokumentiert in Dutzenden Ländern, darunter Deutschland. Mexikanische Kartelle operieren bereits mit mehr als tausend Drohnen im Monat.

Berlin ist kein Mexiko. Aber Berlin ist auch kein Sonderfall.

Die Berliner Waffengewalt ist zwischen 2024 und 2025 um 68 Prozent gestiegen. Staatsanwaltschaft und Polizei haben die Sonderkommissionen „Ferrum" und „Telum" mit über zweihundert Fällen organisierter Gewalt aufgebaut. Die Bundesregierung legte im Februar 2026 einen Aktionsplan gegen organisierte Kriminalität vor. Im Hintergrund steht eine Szene, die professionell agiert und technologisch adaptionsfähig ist: mhallamitisch-kurdische und libanesische Clannetzwerke, russisch-eurasische Strukturen, zusammen über tausend Straftaten im Lagebild Clankriminalität zuletzt registriert.

Drohnen für Gefängnislieferungen sind in Berlin längst Realität. Der Tagesspiegel dokumentierte Fälle, in denen Drogen und Handys über Berliner Gefängnismauern geliefert wurden. Das ist noch die primitive Variante – manuelle Fernsteuerung, sichtbarer Flug, hohe Entdeckungswahrscheinlichkeit.

Was danach kommt, ist keine Spekulation. Es ist Extrapolation.

Die nächste Stufe ist die autonome Drohne: GPS-gesteuerter Punkt-zu-Punkt-Flug, Nachtzustellung, keine menschliche Kette zwischen Lieferant und Abnehmer. Das Betäubungsmittelgesetz kennt keinen Lieferweg-Parameter. Ob die Übergabe auf der Straße oder per Quadrocopter erfolgt, ist juristisch identisch – die Beweislage dagegen völlig verschieden. Wer steuerte die Drohne? Von wo? Wessen Gerät? Keine Fingerabdrücke, kein Augenzeuge, keine Verfolgung durch einen Streifenwagen.

Die strukturelle Lücke: Das Recht für bodengebundene Lieferketten ist ausgebaut, das Recht für den Luftweg nicht. Rheinmetall und die Telekom bauen einen Drohnenschutzschild – primär für kritische Infrastruktur und Großereignisse, nicht für die Dealszene am Kotti oder im Görlitzer Park.

Genau hier liegt das Problem: Der militärisch-sicherheitspolitische Diskurs über Drohnenabwehr und der kriminalpolitische Diskurs über organisierte Kriminalität laufen parallel, ohne sich zu berühren. Der Berlin Dome ist für den Ernstfall konzipiert. Der Drohnen-Deal wird der Alltag sein.

Was fehlt, ist Antizipation. Kein offizielles Lagebild „Drohnenkriminalität Berlin" existiert. Keine öffentlichen Zahlen, keine Risikoeinschätzung, kein Rechtsrahmen für den präventiven Eingriff, der nicht die Hobbyfotografin trifft, sondern den Logistiker einer Clanstruktur.

Berlin sollte den Bericht der Global Initiative lesen – und sich fragen, wie lange es dauert, bis das, was in Monterrey und Manchester als Pilotprojekt der Clans begann, in Neukölln zur Infrastruktur wird. Prävention setzt Antizipation voraus. Berlins Drohnenpolitik ist derzeit auf den falschen Feind zugeschnitten.