Die eigentliche Mondlandung soll erst Artemis IV leisten, frühestens 2028. Der Erdorbit-Test wird damit zum Nadelöhr des gesamten Programms – scheitert er, verschiebt sich die Rückkehr zum Mond erneut.
Zwei Lander, zwei Philosophien
SpaceX und Blue Origin verfolgen technologisch gegensätzliche Ansätze. Das Starship HLS ist mit rund 52 Metern Höhe das größte je für bemannte Raumfahrt konzipierte Landefahrzeug. Seine Stärke – Wiederverwendbarkeit und enormes Nutzlastvolumen – ist zugleich seine Schwäche: Das Fahrzeug muss im Orbit aufgetankt werden, bevor es zum Mond fliegen kann. Der sogenannte In-Orbit-Treibstofftransfer, bei dem ein separater Tanker flüssigen Sauerstoff und Methan an das HLS übergibt, wurde bislang nie demonstriert. SpaceX hat den Test für 2026 angekündigt, doch nach elf Starship-Testflügen steht er weiterhin aus.
Blue Origins Blue Moon MK2 ist als konventionellerer, spezialisierter Lander konzipiert – kleiner, nicht wiederverwendbar, dafür ohne die Abhängigkeit von einem Treibstofftransfer im All. Der unbemannte Vorgänger MK1 „Endurance" hat thermische Vakuumtests in NASA-Kammern absolviert, bei denen die extremen Temperaturbedingungen des Weltraums simuliert wurden. Allerdings erlitt Blue Origin einen Rückschlag, als eine New-Glenn-Rakete auf dem Startplatz explodierte und die Infrastruktur am Startturm beschädigte. Die Auswirkungen auf den Zeitplan sind noch nicht abschließend geklärt.
Für Artemis III werden keine operativen Lander eingesetzt, sondern sogenannte Pathfinder – Testversionen beider Systeme, die mit Docking-Mechanismen ausgestattet sind. Die Orion-Kapsel soll nacheinander an beide andocken. Ob die Besatzung die Lander auch betreten wird, ist noch nicht entschieden. Insgesamt sind drei Schwerlastraketen nötig, um alle Komponenten in den Orbit zu bringen.
Die Crew: Erfahrung statt Diversität
Am 9. Juni 2026 gab die NASA die vierköpfige Besatzung bekannt. Kommandant Randy Bresnik, erfahrener Testpilot und Kampfpilot mit zwei ISS-Aufenthalten, führt die Mission. Als Pilot fliegt der ESA-Astronaut Luca Parmitano, der als erster Europäer an einer Artemis-Mission teilnimmt – ein Signal für die transatlantische Partnerschaft im Mondprogramm. Die beiden Missionsspezialisten sind Frank Rubio, der mit 371 Tagen den Rekord für den längsten einzelnen Raumflug eines US-Astronauten hält, und Andre Douglas, der als einziges Crewmitglied noch nicht im All war, dafür einen Doktortitel in Systemtechnik mitbringt und bereits als Ersatzastronaut für Artemis II trainierte. Bob Hines steht als Backup bereit.
Die NASA begründete die Auswahl mit „Missionsanforderungen, Trainingszeitplänen, Verfügbarkeit und den Fähigkeiten der berechtigten Astronauten". Auffällig ist, dass die Besatzung ausschließlich aus Männern besteht – trotz einer wachsenden Zahl qualifizierter Astronautinnen im NASA-Korps. Die Behörde hat die rein männliche Zusammensetzung nicht gesondert kommentiert.
Europas Doppelrolle: Zulieferer und künftiger Akteur
Die ESA ist am Artemis-Programm weit stärker beteiligt, als Parmitanos Sitzplatz vermuten lässt. Das European Service Module, das in Bremen bei Airbus unter Beteiligung von über 20 Unternehmen aus 13 ESA-Staaten montiert wird, versorgt die Orion-Kapsel mit Antrieb, Strom, Temperaturregelung, Luft und Wasser. Deutschland trägt rund 50 Prozent des ESM-Budgets. Parallel entwickelt die ESA mit Argonaut einen eigenen unbemannten Mondlander, der ab Ende 2030 bis zu 1.500 Kilogramm Fracht auf einer Ariane-6-Rakete zum Südpol des Mondes transportieren soll. Langfristig peilt die ESA eine permanente europäische Mondpräsenz bis 2040 an.
Doch die Rolle bleibt vorerst die eines Juniorpartners. Verbindliche Zusagen der NASA für europäische Startplätze auf der Mondoberfläche gibt es noch nicht, und das Lunar Gateway, die geplante Mondorbitalstation, an der die ESA maßgeblich beteiligt ist, wurde von der NASA vorerst zurückgestellt. Ob Europa über die Zuliefererrolle hinauswächst, hängt davon ab, ob die ESA-Ministerratskonferenz Argonaut ausreichend finanziert und ob die transatlantischen Verhandlungen über Landeslots vorankommen.
Die Risiken, die das OIG benennt
Das NASA Office of Inspector General hat in einem Bericht vom März 2026 „Lücken" im Testansatz und in der Analyse der Crew-Überlebensfähigkeit für Mondlandungen identifiziert. Der Befund ist konkret: Bei einem lebensbedrohlichen Notfall im All oder auf der Mondoberfläche existiert keine Rettungskapazität. Es gibt kein Fahrzeug, das gestrandete Astronauten abholen könnte.
Auch das Aerospace Safety Advisory Panel hat Bedenken geäußert, wonach die technische Bereitschaft einzelner Artemis-Architekturelemente möglicherweise zu optimistisch eingeschätzt wird. Die Landezone am Südpol des Mondes verschärft das Problem: Steilhänge von bis zu 20 Grad übertreffen die Anforderungen der Apollo-Äquatorlandungen erheblich. SpaceX' 52 Meter hohes Starship birgt bei unebenem Terrain Kippgefahr – die NASA-Neigungstoleranz liegt bei lediglich 8 Grad.
Das gesamte Artemis-Programm hat bis Mitte 2026 rund 93 Milliarden US-Dollar gekostet. Der politische Druck, Fortschritte zu demonstrieren, ist erheblich: China plant seine erste bemannte Mondlandung für spätestens 2030. Der Testflug Ende 2027 muss damit zwei widersprüchliche Anforderungen gleichzeitig erfüllen – gründlich genug sein, um Risiken für Artemis IV zu minimieren, und schnell genug kommen, um den geopolitischen Zeitplan zu halten.
Was der Erdorbit-Test leisten muss – und was nicht
Artemis III wird keine Mondlandung simulieren. Was die Mission leisten soll, ist die Demonstration, dass Orion sicher an beide Landertypen andocken kann, dass die Lebenserhaltungssysteme der Lander unter Weltraumbedingungen funktionieren und dass der Besatzungstransfer zwischen den Fahrzeugen beherrschbar ist. Die geplante Missionsdauer beträgt rund zwei Wochen.
Der Erdorbit-Test beantwortet damit eine notwendige, aber nicht hinreichende Frage: Ob die Systeme miteinander reden können. Ob sie unter Mondbedingungen – ein Sechstel der Erdschwerkraft, Temperaturschwankungen von minus 180 bis plus 130 Grad Celsius, Regolith-Staub in jedem Mechanismus – funktionieren, wird erst Artemis IV zeigen. Gemessen an der Effizienz-Achse ist die Entscheidung zum Erdorbit-Test nachvollziehbar: Lieber eine Demonstration unter kontrollierten Bedingungen als ein 93-Milliarden-Dollar-Programm, das an einem ungetesteten Docking-Manöver scheitert. Die offene Frage bleibt, ob beide Pathfinder tatsächlich rechtzeitig bereitstehen – oder ob die NASA erneut umplanen muss, weil SpaceX den Treibstofftransfer nicht rechtzeitig demonstriert oder Blue Origins Startinfrastruktur länger als erwartet reparaturbedürftig bleibt.
