Das ist kein Zufall und kein Betriebsunfall. Es ist das Sinnbild dieser Weltmeisterschaft: Während der Verband neue Regelwerke ankündigt, die den Fußball gerechter und fließender machen sollen, fehlt ihm der Willen, die strukturellen Bedingungen zu sichern, unter denen der Sport überhaupt stattfinden kann.
Was die FIFA als Reform verkauft
Die Regeländerungen für die WM 2026 sind konkret und partiell sinnvoll. Ein Fünf-Sekunden-Countdown für Einwürfe und Abstöße soll Zeitspiel erschweren; ausgewechselte Spieler müssen das Feld zügig verlassen, sonst wartet der Ersatz eine Minute. Rote Karten drohen, wer den Mund beim Diskutieren bedeckt oder den Platz aus Protest verlässt. Der VAR darf nun auch falsch gegebene Eckbälle und Spielerverwechslungen korrigieren. Gelbe Karten verfallen nach der Gruppenphase.
Das IFAB, das internationale Regelgremium, hat diese Änderungen beschlossen. Auf dem Papier sind sie vernünftig.
Steelmanning verdient diese Position: Ein Verband, der nichts reformiert, wird zurecht dafür kritisiert. Dass die FIFA technische Spielregeln überarbeitet und Zeitspiel-Schlupflöcher schließt, ist kein Nichts. Wer ausschließlich strukturelle Probleme sieht und operative Verbesserungen nicht anerkennt, macht sich seinerseits unglaubwürdig.
Aber die Frage ist nicht, ob die Regeländerungen handwerklich in Ordnung sind. Die Frage ist, ob eine Organisation, die ihre Governance-Defizite nicht behebt, überhaupt Reformfähigkeit beanspruchen kann – und ob die Ankündigungen in Relation zu den Unterlassungen stehen.
Was die FIFA nicht reformiert
Die Bilanz ist vernichtend, wenn man sie gegen das Kriterium der Governance-Effizienz liest: Funktioniert der Verband so, dass seine erklärten Ziele – integrer Sport, Zugang für alle Beteiligten, Menschenrechtsschutz – tatsächlich erreicht werden?
Gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino liefen Ermittlungsverfahren, die nach Berichten weiter fortgeschritten waren als öffentlich bekannt. Das neue Ethikreglement, das 2018 in Kraft trat, listet „Korruption" nicht mehr als eigenständigen Straftatbestand und erlaubt nur zeitlich begrenzte Untersuchungen. Die Umverteilung von Turniereinnahmen an Mitgliedsverbände – für die WM 2026 werden über acht Milliarden US-Dollar veranschlagt – funktioniert strukturell als Loyalitätssicherung, nicht als Leistungsanreiz für ethisches Verhalten. In einem offenen Brief an die FIFA, unterzeichnet von über hundert Fußball- und Zivilgesellschaftsorganisationen und im Mai 2025 veröffentlicht, heißt es: Die FIFA sei heute möglicherweise schlechter geführt als vor zehn Jahren.
Hinzu kommen die Einreisevorfälle. Der irakische Nationalspieler Ayman Hussein wurde stundenlang am Flughafen Chicago festgehalten; ein Teamfotograf des irakischen Verbandes wurde abgewiesen. Senegalesische Spieler durchliefen strenge Sicherheitskontrollen. Schottische Fans sahen ihren ESTA-Status kurzfristig von „genehmigt" auf „Reise nicht autorisiert" wechseln. Amnesty International warnt vor KI-gestützter Überwachung von Social-Media-Konten der Fans durch US-Behörden. Human Rights Watch bezeichnete die Lage im April 2026 als „WM im Klima der Angst".
Die FIFA-Reaktion auf all das? Gianni Infantino äußerte sich „generell positiv" über die Vorbereitungen.
Das ist kein Versagen der Kommunikation. Es ist Governance-Versagen im technischen Sinn: Der Verband setzt die Mittel, die er hat – Vertragsklauseln gegenüber Gastgeberländern, öffentlichen Druck, die Drohkulisse eines möglichen Turnierverlagerung – nicht ein, um seine eigenen Schutzversprechen durchzusetzen. Seit 2016 sind die FIFA-Statuten verpflichtet, international anerkannte Menschenrechte zu wahren. Der Vertrag für die WM 2026 enthält Menschenrechtsklauseln. Diese Klauseln existieren, sie werden nur nicht durchgesetzt.
Der Maßstab und sein Ergebnis
Governance-Effizienz bedeutet nicht, dass eine Organisation perfekt ist. Sie bedeutet, dass Strukturen so eingerichtet sind, dass erklärte Ziele mit den eingesetzten Mitteln erreichbar sind – und dass Abweichungen Konsequenzen haben.
An diesem Maßstab scheitert die FIFA systematisch. Das neue Ethikreglement schwächt die Sanktionsmöglichkeiten, statt sie zu stärken. Die Einnahmen sichern Loyalität statt Integrität. Und die operativen Regeländerungen zum Spielfluss – fünf Sekunden für den Einwurf, eine Minute Wartezeit für den Auswechselspieler – sind das, was die FIFA als Reformausweis präsentiert, während ein akkreditierter Schiedsrichter nicht ins Land gelassen wird.
Das Verhältnis dieser beiden Realitäten zueinander ist das eigentliche Urteil. Wenn ein Verband seinen Regelkatalog verfeinert und gleichzeitig die Einreise seines eigenen Personals nicht sicherstellen kann oder will, dann betreibt er keine Reform. Er betreibt Kulissenpflege.
Die WM 2026 wird stattfinden, sie wird Millionen begeistern, und die elf Milliarden Dollar werden fließen. Beides kann gleichzeitig wahr sein: dass der Fußball schön ist und dass der Verband, der ihn verwaltet, seine Governance-Versprechen nicht einlöst. Wer das eine gegen das andere aufrechnet, weicht der Frage aus. Wer beides benennt, stellt sie richtig.
