Die Kritik daran kommt prompt: Ein unbeschriebenes Blatt, heißt es, Exzellenz scheine in München inzwischen zweitrangig. Diese Kritik trifft etwas Echtes. Aber sie übersieht das Entscheidende.
Zunächst die Gegenposition, die sie verdient: Wer Popelka als bloße Verlegenheitslösung abtut, ignoriert eine Karriere mit substanziellem Fundament. Der Mann saß von 2010 bis 2019 als stellvertretender Solokontrabassist in der Sächsischen Staatskapelle Dresden – einem der exklusivsten Orchesterklänge der Welt. Er weiß, wie ein großes Ensemble von innen klingt, atmet, sich zusammenrauft. Das ist kein biographischer Zufall, sondern eine Schule, die kaum ein Dirigent auf diesem Karriereweg durchläuft. Sein Sprung ins Podium war konsequent: Conductor Fellow beim NDR Elbphilharmonie Orchester, Chefposten in Oslo, Prag, Wien. Die Wiener Symphoniker wurden unter seiner Leitung als Orchester mit neu gewonnener Vitalität beschrieben. Die Berliner Philharmoniker luden ihn im Januar 2026 zum Debüt – keine Institution, die aus Höflichkeit bucht. Den Österreichischen Musiktheaterpreis für beste musikalische Leitung erhielt er 2025. Und das Bayerische Staatsorchester soll ihn selbst als Wunschkandidaten gehandelt haben; das ist kein triviales Votum.
Die Einwände bleiben trotzdem bestehen. Sein Opernrepertoire ist, nüchtern betrachtet, noch schmal. Janáček mit der Bayerischen Staatsoper bei den Festspielen 2025, Dvořáks „Rusalka" im Sommer 2026 – das sind zwei slawische Opern, stilistisch nahe seinem böhmischen Kernrepertoire. Wagner, Strauss, die Säulen des Münchner Repertoirebegriffs, tauchen in der belegbaren Werkschau nicht auf. Bis 2029 bleiben ihm drei Jahre – für „learning by doing" in einer der komplexesten Opernlandschaften der Welt. Das ist knapp, nicht unmöglich, aber ehrlich als Risiko zu benennen.
Die eigentliche Frage ist jedoch nicht, ob Popelka die richtige Wahl war. Sie ist: Nach welchem Kriterium wurde gewählt – und ist das das richtige Kriterium für ein Haus wie die Bayerische Staatsoper?
Staatsminister Markus Blume sprach von „künstlerischer Exzellenz mit tiefem Verständnis für das, was einen großen Klangkörper zusammenhält". Intendant Serge Dorny hob „außergewöhnliche musikalische Substanz verbunden mit echter menschlicher Qualität" hervor. Beide Formulierungen sind für eine Pressemitteilung tauglich und analytisch leer. „Menschliche Qualität" ist kein Kriterium, sondern ein Kompliment. Was fehlt: eine Aussage über künstlerische Vision, Repertoirestrategie, das Verhältnis zu Uraufführungen, zur Tradition des Hauses unter Carlos Kleiber, zu den Festspielen als Weltmarke.
Das Bayerische Staatsorchester als Wunschgeber schlägt eine eigene Bresche ins Bild. Wenn das Orchester selbst den Dirigenten kürt, hat das demokratische Würde – und institutionelle Grenzen. Orchester tendieren zu Dirigenten, mit denen sie gut arbeiten können: präzise, respektvoll, konfliktarm. Diese Eigenschaften sind nicht identisch mit jenem Typus, der ein Repertoire gegen den Erwartungshorizont reibt, Uraufführungen gegen den Saisondruck durchsetzt und mit dem Apparat streitet, wenn das Ergebnis es verlangt. Jurowski war nicht immer beliebt. Sein Vorgänger Nagano auch nicht. Die Reibung, die beide produzierten, war nicht Lärmbelästigung – sie war Programm.
Das Effizienzkriterium, gegen das diese Besetzung gemessen werden sollte, ist nicht Haushaltsdisziplin oder Auslastungszahl. Es ist die institutionelle Wirksamkeit: Setzt der GMD Ressourcen – Probenzeit, Ensemble, Spielplan – so ein, dass das Haus an seiner eigenen Geschichte weiterarbeitet und nicht von ihr verwaltet wird? Ein Haus, das seinen GMD nach sozialem Frieden im Orchester auswählt, optimiert für interne Kompatibilität. Das ist eine rationale Entscheidung. Es ist keine künstlerische.
Was wäre das richtige Kriterium für Spitzenbesetzungen im Kulturbetrieb? Transparenz des Auswahlverfahrens: Wer war im Auswahlgremium, welche Kandidaten wurden gehört, welche künstlerischen Anforderungen wurden im Vorfeld definiert? Die Bayerische Staatsoper hat dazu – wie nahezu jede deutsche Kulturinstitution – nichts veröffentlicht. Das ist kein Verstoß, aber es ist eine verpasste Gelegenheit. Häuser, die ihren Auswahlprozess dokumentieren, schaffen Rechenschaft gegenüber dem Publikum, das den Spielbetrieb über Steuergelder mitfinanziert. Die demokratische Dimension liegt hier nicht in der Frage, wer dirigiert, sondern darin, ob öffentlich geförderte Institutionen erklären, nach welchen Maßstäben sie ihre künstlerische Führung bestellen.
Popelka hat jetzt drei Jahre, um das offene Opernrepertoire zu schließen. Er hat die Wiener Symphoniker mit nachweisbarem Ergebnis geformt. Er kennt den Orchesteralltag von unten. Das ist mehr Substanz, als der Begriff „unbeschriebenes Blatt" einräumt. Die realistischen Erwartungen: ein GMD, der das Orchester klanglich entwickelt, der das slawische Repertoire mit einer Kennerschaft spielt, die andere Häuser nicht bieten können, und der – das ist die Frage, die 2029 beantwortet wird – einen eigenen Begriff davon entwickelt hat, was die Bayerische Staatsoper mit Wagner und Strauss sagen will, wenn die nächste Generation zuschaut.
Was er nicht werden kann, ist Jurowski ohne dessen Biografie. Das sollte er auch nicht versuchen.
Der eigentliche Schwachpunkt dieser Personalie liegt nicht in Popelkas Person. Er liegt in der Kommunikation des Hauses: eine Pressemitteilung, die künstlerische Vision durch ministerielle Adjektive ersetzt. Wenn die Bayerische Staatsoper nicht sagt, welche künstlerischen Ziele sie mit diesem GMD verfolgt, gibt sie der Kritik recht – nicht weil Popelka ungeeignet ist, sondern weil das Haus selbst nicht erklären will, wofür es ihn braucht.
