Nicholas Galitzine nimmt das Schwert der Macht in die Hand und sagt den Satz, auf den vierzig Jahre Franchise-Geschichte gewartet haben. Und genau in diesem Moment stellt sich die Frage, die jeden Nostalgie-Blockbuster der Gegenwart in Bedrängnis bringt: Reicht das Zitat als Aussage – oder braucht ein Film mehr als die Kraft seiner Vorlage?
Travis Knights Neuverfilmung von „Masters of the Universe", seit dem 5. Juni 2026 in den Kinos, kostet zwischen 170 und 200 Millionen Dollar und ist die erste Live-Action-Adaption seit Dolph Lundgrens Interpretation von 1987. Das Budget ist groß genug für ein Versprechen: Eternia in seiner ganzen Absurdität, endlich würdig in Szene gesetzt. Der Film löst dieses Versprechen zur Hälfte ein – und scheitert an der anderen Hälfte auf eine Weise, die über He-Man hinausweist.
Das Steelman-Argument der Nostalgie-Industrie
Bevor das Urteil fällt, verdient die Gegenposition eine ehrliche Darlegung.
Es gibt einen legitimen Anspruch des Nostalgie-Kinos: Es hält eine kulturelle Übereinkunft aufrecht. Millionen Menschen haben He-Man nicht bloß konsumiert, sondern mit ihm eine Kindheit strukturiert – Samstagsmorgen-Rituale, erste Erzählmuster, erste Auseinandersetzungen mit Gut und Böse in ihrer drastischsten Form. Ein Film, der diese Übereinkunft respektiert und nicht mit postmoderner Ironie demontiert, leistet etwas Reales: Er bestätigt, dass das damalige Staunen berechtigt war. Knight betont genau das – er wollte die Vorlage zelebrieren, nicht dekonstruieren, und er hat die Cameos aus dem 1987er-Film (Karg, Pigface), Teelas Kostüm als Synthese beider Epochen, Brian Mays Mitarbeit am Soundtrack nicht aus Faulheit eingebaut, sondern aus Zuneigung.
Diese Zuneigung ist spürbar. Jared Letos Skeletor trifft den Ton: theatralisch, herrlich altmodisch böse, ohne die Selbstironie, die solche Figuren in aktuellen Franchises routinemäßig entkernt. Galitzines körperliche Transformation ist unbestritten – und seine Darstellung eines tollpatschigen, unsicheren Adam bringt der Figur eine Verletzlichkeit, die das Original nie brauchte, weil Spielzeuge keine Innenwelt benötigen.
Die Frage ist nicht, ob dieser Ansatz redlich ist. Er ist es. Die Frage ist, ob Redlichkeit ausreicht.
Wo die Nostalgie-Keule trifft und wo sie danebengeht
Kulturelle Weiterentwicklung eines Genres meint nicht: Altes wegwerfen. Sie meint: das Material so befragen, dass am Ende etwas herauskommt, das ohne das Original nicht existieren könnte – und trotzdem über es hinausreicht.
An diesem Maßstab gemessen hat „Masters of the Universe" einen Stärken-Block und einen Schwächen-Block, und sie liegen ungleich verteilt.
Die Stärken sind visuell und darstellerisch. Eternia in seiner bunten Irrationalität auf die Leinwand zu bringen, ist eine genuine Leistung – die Welt fühlt sich nach Spielzeug-Mythologie an, nicht nach Superhelden-Franchise-Baukasten. Die Action-Sequenzen sind, laut mehreren Kritiken, handwerklich eigenständig und kreativer als das aktuelle Durchschnittsniveau des Genres. Letos Skeletor ist keine Karikatur, sondern eine Interpretation. Das sind echte filmische Argumente.
Die Schwächen sind strukturell. Prince Adam reagiert, er handelt nicht. Die Charakterentwicklung des Helden – traditionell das dramaturgische Rückgrat des Herkunfts-Mythos – bleibt nach Einschätzung mehrerer Kritiker hinter dem Potenzial zurück. Schlimmer: Der Film sichert sich durch Meta-Humor ab. Wenn eine Figur über den Namen „Fisto" lacht, bevor der Zuschauer es kann, ist das kein Selbstbewusstsein – das ist präventive Immunisierung gegen Kritik. Humor als Schutzschild ist die eleganteste Form der Feigheit im Blockbuster-Kino. Er verhindert, dass ein Film die Konsequenzen seiner eigenen Prämissen trägt.
Hier liegt das eigentliche Problem dieses Stücks, und es ist größer als He-Man.
Das Strukturproblem des Nostalgie-Kinos
Das Blockbuster-Kino der letzten zehn Jahre hat ein Verhaltensrepertoire entwickelt, das man als „affektive Doppeldeckung" bezeichnen könnte: Der Film inszeniert Emotionen, sichert sie gleichzeitig ironisch ab und verhindert so, dass sie Wirkung entfalten. Das Publikum darf gerührt sein, solange es nicht zugeben muss, gerührt zu sein. Es darf staunen, solange das Staunen als Geste kenntlich bleibt.
„Masters of the Universe" betreibt dieses Verfahren nicht durchgehend, aber punktuell – und punktuell reicht, um die emotionalen Höhepunkte zu untergraben. Der Spiegel hat das als „Meta-Humor, der Momente erstickt" beschrieben. Das trifft es präziser als jede Lobrede.
Der Vergleich mit „Bumblebee" – Knights vorherigem Film, der das Transformers-Franchise durch emotionale Ehrlichkeit rettete – ist instructiv. „Bumblebee" hat nicht weniger Nostalgie als „Masters of the Universe", aber er traut seiner eigenen Ergriffenheit. Dieser Film tut das nicht konsequent.
Was bedeutet das für das Kriterium der kulturellen Weiterentwicklung? Es bedeutet: Ein Film, der die Vorlage aufrichtig liebt und sie trotzdem partiell gegen irrtümliche Selbst-Absicherung eintauscht, entwickelt das Genre nicht weiter – er konserviert es in einem angenehm verbesserten Zustand. Das ist kein Verbrechen. Es ist eine verpasste Gelegenheit.
Das Urteil
„Masters of the Universe" ist der bessere der beiden He-Man-Filme. Das ist kein hoher Maßstab. Er ist handwerklich solide, darstellerisch in Teilen stark, visuell seiner Vorlage treu – und erzählerisch nicht mutig genug, um als eigenständige Aussage zu bestehen.
Nostalgie als Zweck ist ein Geschäftsmodell, kein Kunstprogramm. Sie kann Vehikel für etwas Größeres sein – dann funktioniert sie. Wenn sie selbst das Ziel ist, ersetzt sie das Argument durch die Erinnerung an das Argument. Knight wollte die Epochen von He-Man ehren. Er hat es getan. Aber Ehren ist nicht Weiterentwickeln.
Wer in den achtziger Jahren auf dem Boden saß und Prince Adam beobachtet hat, wird im Kino etwas wiederfinden. Wer fragt, warum man diesen Film im Jahr 2026 gemacht hat – welche Aussage er braucht, welche Wahrheit er trägt, die kein anderes Werk tragen kann –, verlässt den Saal ohne Antwort.
By the power of Grayskull. Die Macht ist da. Die Frage war nie die Macht, sondern wozu sie eingesetzt wird.
