Die Frage, die diese Analyse verfolgt, lautet: Wie tief reicht der Schaden – für Russlands Kriegsökonomie, für die globale Versorgung, und für Moskaus Fähigkeit, gegenzusteuern?

Die Kampagne in Zahlen

Seit Kriegsbeginn hat die Ukraine mindestens 158 Angriffe auf russische Raffinerien durchgeführt, 24 der 33 großen Anlagen wurden mindestens einmal getroffen. Die Reichweite wächst: Am 31. Mai 2026 schlug eine Drohnenwelle in Saratow ein, über tausend Kilometer von Kiew entfernt; am selben Tag brannte ein Öllager nahe Taganrog, und ein Pipeline-Verteilerpunkt in der Region Kirow wurde beschädigt. Am 10. Juni folgten Treffer an der Raffinerie in Samara und an zwei Infrastrukturanlagen im Gebiet Wladimir.

Die Angriffsdichte ist bemerkenswert konstant: Pro Nacht fliegen nach ukrainischen Angaben 200 bis 300 Drohnen, darunter Langstrecken-Kamikaze-Modelle und Tarndrohnen. Allein im Januar 2026 registrierte die Ukraine 48 Angriffe auf die russische Öl- und Gasindustrie, die nach eigener Darstellung die Ölverarbeitung um 19 Prozent drückten. Im März sank die tägliche Raffinerieleistung um weitere 400.000 Barrel pro Tag.

Die Zielauswahl folgt einer industriellen Logik. Getroffen wurden unter anderem die TANECO-Raffinerie in Nischnekamsk (Tatarstan), eine der größten des Landes, die TAIF-NK-Raffinerie ebenfalls in Tatarstan, die Norsi-Anlage bei Nischni Nowgorod und die Rosneft-Raffinerie in Sysran. Ebenso beschädigt: das Werk Tolyattikauchuk, das Synthesekautschuk für Raketentreibstoffe herstellt – ein Angriff mit direktem Bezug zur Rüstungsproduktion. An der Ostsee erlitten die Exportterminals Ust-Luga (15 Lagertanks ausgebrannt, ein Verlade-Pier zerstört) und Primorsk schwere Schäden; am Schwarzen Meer wurde das Tamftegasterminal, Drehscheibe für Erdöl, Benzin und Flüssiggas, mit geschätzten Kosten von 50 Millionen Dollar getroffen.

Die ökonomische Wirkung – Russlands Einnahmen unter Druck

Öl- und Gaseinnahmen machen zwischen 30 und 50 Prozent des russischen Staatshaushalts aus. Die Drohnenkampagne setzt an beiden Enden dieser Kette an: bei der Verarbeitung und beim Export.

Bei der Verarbeitung lag die Raffineriekapazitätsauslastung im Frühjahr 2026 zeitweise 17 Prozent unter dem Normalniveau, was etwa 1,1 Millionen Barrel pro Tag weniger Durchsatz bedeutet. Die Benzinproduktion fiel um zehn bis vierzehn Prozent; Moskau reagierte mit einem Exportverbot für Benzin und – erstmals – mit einem Kerosinausfuhrverbot bis Ende November 2026.

Beim Export fiel die Wirkung noch drastischer aus. In der Woche vom 22. bis 29. März 2026 brachen die russischen Ölexporte um 43 Prozent ein, was einem geschätzten Einnahmeverlust von einer Milliarde Dollar in nur sieben Tagen entspricht. Die Ölexporte über die Ostsee kamen nahezu zum Stillstand, mit täglichen Einnahmeverlusten von über 70 Millionen Dollar. Im Gesamtjahr 2025 bezifferte Präsident Selenskyj die Verluste der russischen Öl- und Gasindustrie durch ukrainische Angriffe auf mindestens sechs Milliarden Euro; andere Schätzungen liegen bei über 13 Milliarden Dollar. Die direkten Sachschäden an den 24 getroffenen Raffinerien belaufen sich auf mehr als 100 Milliarden Rubel (rund 950 Millionen Euro).

Allerdings zeigen die Daten auch die Grenzen der Kampagne. Die IEA meldete für März 2026 einen Anstieg der russischen Einnahmen aus dem Export von Erdöl und Erdölprodukten auf 19 Milliarden Dollar – eine Verdoppelung gegenüber dem Vormonat. Die Erklärung: Gestiegene Weltmarktpreise, teilweise befeuert durch die Iran-Krise, kompensierten Teile des Mengenrückgangs. Zudem stiegen die russischen Ölexporte über die Westhäfen im Mai 2026 um 15 Prozent gegenüber dem Vormonat – Moskau schob Rohöl, das es nicht mehr raffinieren konnte, direkt auf den Weltmarkt, um Förderkürzungen zu vermeiden. Das bedeutet: Weniger Wertschöpfung (Rohöl statt Raffinerieprodukte), aber nicht null Einnahmen.

Moskaus Reaktion – zwischen Eingeständnis und Schadensbegrenzung

Lange verschwieg oder verharmloste Moskau das Ausmaß der Treffer. Im Juni 2026 änderte sich der Ton. Vizeregierungschef Alexander Nowak räumte ein, die Ölförderung liege „tatsächlich etwas niedriger als zu Beginn des Jahres", und begründete dies mit „unplanmäßigen Reparaturen" bei Ölförderbetrieben. Im April lag die geförderte Tagesmenge bei rund neun Millionen Barrel – 107.000 Barrel weniger als im März und 580.000 Barrel unter der OPEC+-Quote.

Die konkreten Gegenmaßnahmen folgen einem Muster der Triage: Das Energieministerium bildete einen Krisenstab zur Stabilisierung der Kraftstoffversorgung. Auf der annektierten Krim wurde die Benzinabgabe eingeschränkt. Die Exportverbote für Benzin und Kerosin sollen das Inland priorisieren, schränken aber zugleich die Deviseneinnahmen ein.

Die eigentliche Achillesferse liegt bei den Reparaturen. Moderne Raffinerietechnik – Katalysatoren, Steuerungselektronik, Spezialpumpen – stammt zu großen Teilen aus westlicher Produktion. Unter Sanktionsbedingungen sind Ersatzteile schwer zu beschaffen. Wo eine Anlage in Friedenszeiten drei Monate für die Instandsetzung benötigte, sind es unter den gegenwärtigen Bedingungen sechs oder mehr – falls die Anlage nicht erneut getroffen wird, bevor die Reparatur abgeschlossen ist.

Das Paradox auf dem Weltmarkt

Die strategische Schwächung Russlands durch die Drohnenkampagne ist gegen ihre globalen Nebenwirkungen abzuwägen. Wenn russische Raffinerieprodukte ausfallen und Russland stattdessen Rohöl exportiert, sinkt die globale Kapazität für Diesel und Kerosin, während das Rohölangebot stabil bleibt oder steigt. Die Folge: Raffineriemargen steigen, Endverbraucherpreise für Kraftstoffe ziehen an, ohne dass der Rohölpreis dies vollständig abbildet.

Mehrere westliche Partner der Ukraine haben deshalb die Einstellung der Angriffe auf russische Ölinfrastruktur gefordert – ein Druck, den Kiew bislang zurückweist. Das Argument der Ukraine: Die Angriffe treffen Russlands Fähigkeit, seinen Krieg zu finanzieren, und stören den Treibstoffnachschub der Armee unmittelbar. Moskau seinerseits setzt die Zerstörung ukrainischer Energieinfrastruktur fort; Amnesty International dokumentierte seit Oktober 2025 mindestens 256 russische Luftangriffe auf ukrainische Strom- und Wärmeversorgungseinrichtungen. Die Asymmetrie ist real, aber sie ist keine des Prinzips, sondern der Wirkung: Die Ukraine greift Einnahmequellen an, Russland greift Zivilversorgung an.

Einordnung – Effizienz als Kriegswaffe

Gegen die Effizienz-Achse gemessen – hier: Ressourceneinsatz pro erzieltem strategischem Effekt – ist die ukrainische Drohnenkampagne eine der kosteneffizientesten Operationen dieses Krieges. Eine Langstreckendrohne kostet nach ukrainischen Angaben zwischen 30.000 und 100.000 Dollar. Ein Treffer auf eine Raffinerie verursacht Sachschäden im zweistelligen Millionenbereich, dazu Produktionsausfälle, die sich über Wochen summieren, und Reparaturkosten, die unter Sanktionsbedingungen überproportional steigen. Die Kosten-Wirkungs-Relation verschiebt sich weiter zugunsten des Angreifers, solange Russlands Flugabwehr die wachsende Zahl und Reichweite der Drohnen nicht zuverlässig abfängt.

Die Limitation dieser Einordnung ist offenzulegen: Die entgangenen Exporterlöse lassen sich nicht präzise beziffern, weil sie von schwankenden Weltmarktpreisen, von der Effektivität russischer Umgehungsstrategien (Schattenflotte, Umleitung über Westhäfen) und von der globalen Nachfrage abhängen. Die zitierten Schadenssummen – sechs Milliarden Euro (Selenskyj), 13 Milliarden Dollar (ukrainische Schätzung für 2025) – sind Schätzungen mit politischem Absender; unabhängig verifizierte Zahlen liegen nicht vor.

Was sich aus den verfügbaren Daten ableiten lässt: Die Kampagne hat Russland in eine strukturelle Zwickmühle gedrängt. Entweder es repariert unter Sanktionsbedingungen, was teuer und langsam ist. Oder es exportiert Rohöl statt Raffinerieprodukte, was die Wertschöpfung senkt. Oder es priorisiert den Inlandsmarkt, was die Deviseneinnahmen drückt. Jeder dieser Pfade kostet – und je länger die Kampagne andauert, desto stärker kumulieren sich die Kosten, weil die Reparaturschlangen wachsen und die Ersatzteilbeschaffung nicht einfacher wird.

Ob das reicht, um den Krieg zu entscheiden, ist eine andere Frage. Russlands Volkswirtschaft ist nicht auf Öl allein gebaut, und der Preismechanismus kompensiert Mengenverluste teilweise. Aber die Drohnenkampagne hat etwas geschafft, das westliche Sanktionen allein nicht vermochten: Sie hat physische Fakten geschaffen, die sich nicht mit Buchhaltungstricks oder Schattenflotten umgehen lassen. Zerstörte Destillationskolonnen verhandeln nicht.