Dass aus ihm He-Man wird – der kraftstrotzende Held von Eternia mit Panther und Energieschwert – ist der dramaturgische Witz, um den Travis Knights „Masters of the Universe" gebaut ist. Die Frage, ob dieser Witz auch filmisch trägt, berührt eine tiefere: Welche Vorstellung von Männlichkeit transportiert Hollywood gerade, und was sagt die Neuverfilmung einer 1980er-Jahre-Spielzeugmarke darüber?
Von der Spielzeugfigur zur kulturellen Verhandlung
He-Man entstand 1981 als Marketingvehikel für Mattel, konzipiert als hypermaskuline Projektionsfläche: maximale Muskelmasse, minimale Psychologie. Dolph Lundgrens Kinoverfilmung von 1987 hielt an diesem Konzept fest – He-Man sprach wenig, trug wenig, schlug viel. Dass die Figur parallel als queere Ikone rezipiert wurde, lag am Widerspruch zwischen dem, was die Schöpfer intendierten, und dem, was das Publikum in diesem Körper las: Künstlichkeit, Performance, Camp.
Vierzig Jahre später übernimmt Nicholas Galitzine, 31, eine Figur, die von Anfang an mehr Bild als Mensch war. Die Herausforderung der Neuverfilmung – Budget: 170 Millionen Dollar, Kinostart USA: 5. Juni 2026 – ist deshalb struktureller Natur: Sie muss erklären, warum He-Man als psychologisch glaubwürdige Figur existieren soll, wenn sein Markenwert auf dem Gegenteil gründet.
Galitzines Antwort ist eine Verdoppelung des Widerspruchs. Er nennt seine Interpretation einen „Handshake zwischen traditioneller Männlichkeit und Weiblichkeit" und bezeichnet binäre Vorstellungen von Geschlecht als „lächerlich". Gleichzeitig hat er sich für die Rolle körperlich so weit transformiert, wie das Konzept es verlangt: von rund 80 auf über 104 Kilogramm, täglich 4.000 bis 5.000 Kalorien, monatelang intensives Krafttraining, anschließend eine aggressive Reduktionsphase. Das Ergebnis ist ein Körper, der die klassische He-Man-Ästhetik bedient – und ein Schauspieler, der öffentlich sagt, genau das sei nicht das Entscheidende.
Der HR-Manager als Held
Die dramaturgische Entscheidung, Prinz Adam als HR-Manager einzuführen, ist die pointierteste des Films. Sie erlaubt es, jene Fähigkeiten, die traditionell als unmännlich gelten – Zuhören, Vermitteln, Empathie – explizit als handlungsrelevante Kompetenzen zu setzen. Wenn Adam später als He-Man agiert, soll es diese Qualitäten sein, nicht allein seine Körperkraft, die ihn zum Helden machen.
Ob das filmisch überzeugend gelingt, wird in den frühen Besprechungen unterschiedlich bewertet. The Standard (London) liest Galitzines Darstellung als „sensitive new He-Man" und sieht darin eine legitime Aktualisierung der Figur. Die Abendzeitung München dagegen urteilt, der Film scheitere an der Männlichkeitsfrage, weil er die Dekonstruktion ankündige, aber nicht mit der Konsequenz und Ironie einlöse, die etwa „Barbie" (2023) im Umgang mit Gendernormen aufgebracht habe. Roger Ebert's Website bescheinigt Galitzine, der Mann für die Rolle zu sein – lässt aber offen, ob der Film um ihn herum dieser Stärke gerecht wird.
Der Vergleich mit „Barbie" ist aufschlussreich, weil er zeigt, was der Ambition fehlt: Greta Gerwigs Film machte die Konstruiertheit seiner Figuren zum expliziten Thema, betrieb Genrekritik als Genre. „Masters of the Universe" will beides – Nostalgiebedienung und Dekonstruktion –, ohne dass das eine das andere unterläuft oder befragt. Der HR-Manager-Joke funktioniert als Einstieg; ob der Film danach die Fallhöhe hält, die dieser Einstieg erzeugt, bezweifeln mehrere Kritiker.
Galitzines Filmografie als Kontext
Galitzines Weg zur Rolle ist weniger eine Karriere im Actionkino als eine in romantischen Dramen. „Cinderella" (2021), „Purple Hearts" (2022), „The Idea of You" (2024) – seine bekannten Rollen spielten mit dem Bild des sensiblen, emotional zugänglichen Mannes. Dieses Bild ist, was ihn für Travis Knight und Produzent Jason Blumenthal interessant macht: Galitzine bringt physische Präsenz mit, ohne das Register des Unnahbaren zu bedienen, das einen Lundgren oder einen frühen Stallone definierte.
Diese Besetzungslogik ist selbst ein Statement. Der ideale He-Man 2026 ist nicht der Actionheld, der zufällig Gefühle zeigt, sondern der romantische Hauptdarsteller, der zufällig trainiert. Das kehrt die Priorität der 1980er-Jahre-Version um – und verrät, welches Männlichkeitsbild das Studio für marktfähig hält.
Galitzine beschreibt seine Prägung durch weibliche Vorbilder als zentral für sein Verständnis von Stärke: Emotionale Ehrlichkeit sei keine Schwäche, die man trotz Männlichkeit zeigen dürfe, sondern Teil davon. Konkrete Biografisches bleibt im Briefing unbenannt; die öffentliche Aussage ist dennoch Teil der Inszenierungsstrategie – sie positioniert den Schauspieler als Figur, die das verkörpert, wovon der Film handeln will.
Was die Dolph-Lundgren-Szene bedeutet
Dass Dolph Lundgren im Film auftaucht und Galitzines Adam rät, sich weniger auf das äußere Erscheinungsbild zu konzentrieren und mehr auf Selbstvertrauen, ist die am stärksten pointierte Szene des Konzepts. Der Mann, der He-Man 1987 als reinen Körper spielte, erteilt dem neuen He-Man die Erlaubnis, mehr zu sein. Das ist filmhistorische Selbstironie – und funktioniert nur, wenn der Zuschauer weiß, was Lundgren damals bedeutete.
Es ist auch die Szene, die am deutlichsten zeigt, wo der Film seine Stärken hat: in der Meta-Ebene, im bewussten Umgang mit der eigenen Herkunft. Ob diese Momente ausreichen, um ein 170-Millionen-Dollar-Blockbuster-Narrativ zu tragen, ist eine andere Frage.
Einordnung: Effizienz als Maßstab
Gemessen an der Frage, was populäre Unterhaltung kulturell leistet, ist die Verschiebung im He-Man-Konzept registrierungswürdig. Empathie als Heldenqualität, HR-Fähigkeiten als dramaturgische Ressource, ein Protagonist, der Schönheitsoptimierungs-Trends wie „Looksmaxxing" öffentlich als komisch bezeichnet – das sind Signale, die einen veränderten Erwartungshorizont des Publikums abbilden.
Die Effizienz dieser Verschiebung hängt daran, ob der Film sie erzählerisch durchhält oder bei der Ankündigung stehen bleibt. Die bisherige Kritikerlage deutet auf ein gemischtes Ergebnis: Die Figur trägt, das Vehikel schwankt. Galitzines Interpretation von He-Man ist damit weniger Antwort auf eine kulturelle Frage als ein Dokument, wie diese Frage im Mainstreamkino des Jahres 2026 gestellt wird – tastend, mit 170 Millionen Dollar Budget und ohne die Sicherheit, wie sie zu beantworten ist.
