Omar Artan, somalischer FIFA-Schiedsrichter und einer von drei für die WM 2026 nominierten afrikanischen Referees, landete am 6. Juni 2026 in Miami – ausgestattet mit einem gültigen US-Visum, eingeladen von der FIFA zu einem Schiedsrichterseminar. Elf Stunden lang befragten ihn Beamte der US-Grenzschutzbehörde CBP. Dann wurde er zurück nach Istanbul geschickt. Die offizielle Begründung: Sicherheitsbedenken wegen angeblicher Verbindungen zu einer Terrororganisation. Belege für diese Behauptung wurden nicht vorgelegt.
Die FIFA bestätigte Artans Ausschluss, erklärte sich für die Einwanderungsentscheidungen der USA nicht zuständig und nominierte ihn nicht nach. Die UEFA reagierte mit einer eigenen Geste: Sie setzte Artan kurzfristig als Schiedsrichter für den UEFA Super Cup 2026 an – ein stilles Signal, dass die europäische Kontinentalverbandführung die CBP-Entscheidung für nicht begründet hält.
Der Fall Artan ist kein Einzelfall. Er steht exemplarisch für ein strukturelles Problem, das die gesamte Vorbereitung des Turniers durchzog: Das gültige Visum garantiert in den USA keine Einreise. Der CBP steht ein weitreichender Ermessensspielraum zu, dessen Kriterien weder für Betroffene noch für die entsendenden Verbände einsehbar sind. Für ein Turnier mit 48 Nationen und einem globalen Teilnehmerfeld, das zwangsläufig Staatsangehörige aus Ländern umfasst, die Washington als sicherheitspolitisch relevant einstuft, ist das eine strukturelle Unvereinbarkeit.
Die USA hatten 2026 verschärfte Einreisebeschränkungen für Staatsangehörige aus 19 Ländern erlassen – darunter Afghanistan, Iran und Somalia. Betroffen waren nicht nur Schiedsrichter: Der irakische Nationalspieler Ayman Hussein wurde nach stundenlangem Verhör zugelassen, der Teamfotograf des Irak abgewiesen. Fans aus der Elfenbeinküste erhielten keine Visa. Teile der iranischen Delegation kamen nicht durch. Mehrere Nationalmannschaften, darunter Südafrika und der Iran, warteten wochenlang auf ihre Visa-Ausstellungen.
Die FIFA zwischen Konzession und Kalkül
FIFA-Präsident Gianni Infantino wäre der natürliche Ansprechpartner für diese Systemfrage. Er ist es nicht geworden. Zu den Einreiseverweigerungen erklärte er, die Gastgeberländer hätten das souveräne Recht über ihre Visaentscheidungen, die FIFA sei kein Teil der Einwanderungsverfahren. Das ist juristisch korrekt. Sportpolitisch ist es eine Kapitulation: Wer ein globales Turnier in ein Land vergibt, das systematisch Staatsangehörige bestimmter Herkunftsländer ausschließt, übernimmt Mitverantwortung für die Folgen.
Beim Thema Ticketpreise zog Infantino eine ähnliche Linie, wählte aber eine aggressivere Rhetorik. Ein Finalticket wurde auf dem Zweitmarkt für bis zu 32.970 US-Dollar angeboten, Hospitality-Pakete für das Finale für bis zu 600.000 Euro. Infantino antwortete darauf mit dem Verweis auf den günstigsten regulären Einstiegspreis von 60 US-Dollar – dem niedrigsten, so seine Aussage, bei einer US-Sportveranstaltung – und darauf, dass 25 Prozent der Gruppenphase-Tickets für unter 300 US-Dollar angeboten worden seien. Jeder generierte Dollar, ergänzte er, fließe zurück in den Fußball.
Die Generalstaatsanwälte von New York, New Jersey und Kalifornien sehen das anders: Sie leiteten Untersuchungen wegen möglicher Verstöße gegen Verbraucherschutzrecht und irreführender Ticketvergabepraktiken ein. Infantino reagierte laut eigener Aussage auf die Ermittlungen „sehr relaxed" – eine Formulierung, die in ihrer demonstrativen Unbesorgheit eher auffällt als beruhigt.
Die Steelman-Position der FIFA lautet: Ein kommerziell hochentwickelter US-Sportmarkt zieht per Definition Markpreise an. Wer günstige Karten will, muss früh kaufen und die offiziellen Kanäle nutzen. Der Zweitmarkt ist kein FIFA-Instrument. Diese Position ist nicht unplausibel – sie erklärt aber nicht, warum die FIFA keine Maßnahmen gegen systematisches Scalping implementiert hat, und sie erklärt nicht, warum die 600.000-Euro-Hospitality-Pakete als normale Marktreaktion gelten sollen, ohne dass die FIFA sich dazu verhält.
Aztekenstadion: Geschichte unter Druck
Mexiko-Stadt war nicht frei von eigenen Spannungen. Das Aztekenstadion ist das einzige Stadion, das drei Eröffnungsspiele einer Fußball-WM ausgetragen hat (1970, 1986, 2026) und das einzige mit zwei WM-Endspielen – ein historischer Rang, der in der Eröffnungsfeier entsprechend inszeniert wurde. Außerhalb von Tor 8 lieferten sich Demonstranten und Polizei am Eröffnungstag Auseinandersetzungen. Lehrerverbände protestierten gegen Lohn- und Rentenreformen, Angehörige von Vermissten nutzten die globale Aufmerksamkeit als Plattform. Die mexikanische Regierung unter Präsidentin Claudia Sheinbaum hatte im Vorfeld auf ein friedliches Erscheinungsbild gesetzt; das gelang im Inneren des Stadions, nicht in seinem Umfeld.
Hinzu kommt eine bauliche Besonderheit: Mexiko-Stadt sinkt auf seinem ehemaligen Seegrund, und aus dem Aztekenstadion wurden im Vorfeld Berichte über bröckelnde Betonteile bekannt. Die strukturellen Risiken des Bauwerks sind dokumentiert. 14.000 Platzinhaber besitzen zudem ein 99-jähriges Nutzungsrecht an ihren Sitzen – ein Arrangement, das in der Vorbereitung zu Konflikten mit der FIFA führte.
Effizienzdimension: Strukturfehler im Vergabeprozess
Entlang der Effizienz-Achse – Verfahrensdauer, institutionelle Verlässlichkeit, Output pro organisatorischem Aufwand – ist das zentrale Befund dieser WM nicht das Chaos an einzelnen Tagen, sondern die Absehbarkeit des Problems. Die Kombination aus US-Einwanderungsrecht, Trump-Regierungspolitik und einem Teilnehmerfeld aus 48 Nationen war keine Überraschung. Sie war eine Vorab-Kalkulation, die die FIFA bei der Vergabeentscheidung getroffen oder bewusst nicht getroffen hat.
Ein Turnier, das auf seiner Eröffnungsveranstaltung weder alle nominierten Schiedsrichter noch Fans aller teilnehmenden Nationen unterbringen kann, hat ein Organisationsproblem, das über schlechte Logistik hinausgeht. Es ist ein Vergabeproblem: Die FIFA hat ein globales Inklusionsversprechen – 48 Nationen, größte und inklusivste WM aller Zeiten, Infantinos Wording – mit einer Austragungsentscheidung verbunden, die strukturell exkludiert. Dieser Widerspruch wurde nicht erst am 11. Juni 2026 sichtbar. Er war eingebaut.
Die frühere FIFA-Führung, repräsentiert durch Joseph Blatter, kritisierte die Einreiseverweigerungen öffentlich. Unabhängige Beobachter wie Mark Pieth schlossen sich an. Ian Wright, englischer Ex-Nationalspieler, sprach von einer „Weltmeisterschaft des Chaos". Amnesty International hatte bereits vor Turnierbeginn vor erhöhten Risiken für Angehörige ethnischer Minderheiten und Migranten gewarnt.
Die Imagefrage, die das Briefing aufwirft – wie wirkt sich das auf die USA als Gastgeberland aus? – ist sekundär gegenüber der strukturellen: Wie wirkt sich das auf die FIFA als Organisation aus, die behauptet, den globalen Fußball für alle auszurichten? Wer dieses Versprechen ernst nimmt, muss es an den Vergabebedingungen festmachen, nicht an der Eröffnungsinszenierung.
