US-Konzerne wie Amazon Web Services, Microsoft und Google kontrollieren rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes. Wer diese Zahlen kennt und dennoch bezweifelt, dass Europa in Schlüsseltechnologien eigene Kapazitäten aufbauen muss, hat entweder kein Problem damit, auf Gedeih und Verderb von externen politischen Entscheidungen abhängig zu sein – oder er unterschätzt, was Abhängigkeit in einer Welt bedeutet, in der Technologie Infrastruktur ist.
Die ILA Berlin 2026, die vom 10. bis 14. Juni auf dem Berlin ExpoCenter Airport stattfindet, ist kein bloßes Schaulaufen der Rüstungs- und Luftfahrtlobby. Sie ist – ob man das begrüßt oder beklagt – ein Seismograf dafür, wo Europa technologisch steht und wo es stehen will. Über 750 Aussteller aus 37 Ländern, mehr als 100 Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen im Static und Flying Display, die Weltpremiere des Kampfhubschraubers Leonardo AW249, die Deutschlandpremiere der Bundeswehr-Drohne German Heron TP – das ist kein Stelldichein von Nostalgikers. Das ist eine Bestandsaufnahme europäischer Fertigungstiefe. Bundeskanzler Friedrich Merz eröffnet die Messe, die Europäische Kommission tritt als strategischer Partner auf. Die politische Rahmung ist gewollt und richtig.
Das Gegenargument verdient Respekt – und eine ehrliche Antwort
Die stärkste Kritik an Leuchtturmprojekten wie der ILA und an ambitionierten Souveränitätspaketen lautet: Sie binden Milliarden in symbolträchtigen Großprojekten, während breite Anwendungsfelder – Verwaltungsdigitalisierung, Bildungsinfrastruktur, Gesundheitsdaten – chronisch unterfinanziert bleiben. Wer 300 Milliarden Euro für KI-Investitionen fordert, wie Strategieberater an die EU-Kommission appellieren, muss sich fragen lassen, ob das Geld nicht effizienter in flächendeckende Basistechnologie flösse als in Spitzenforschung, deren Früchte für die meisten Bürgerinnen und Bürger abstrakt bleiben. Und ein weiterer Einwand hat Gewicht: Europas technologische Ambitionen könnten schlicht unrealistisch sein angesichts der Investitionsmacht der USA und der staatlich gesteuerten Industriepolitik Chinas.
Dieses Argument ist ernst zu nehmen. Aber es übersieht eine entscheidende Unterscheidung.
Spitzenforschung und Breiteninfrastruktur sind keine Nullsumme – sie sind eine Sequenz. Wer keine eigene Fertigungstiefe in Schlüsseltechnologien besitzt, kann Breiteninfrastruktur nicht auf europäischen Fundamenten aufbauen. Schleswig-Holstein migriert seine Verwaltung auf LibreOffice und Nextcloud – aber Open-Source-Software setzt voraus, dass die darunterliegende Hardware, die Rechenzentrums-Infrastruktur und die KI-Trainingssysteme nicht vollständig unter fremder Jurisdiktion stehen. Der Internationale Strafgerichtshof stellt auf Open Desk um; das Robert Koch-Institut evaluiert europäische Softwarelösungen. Diese Beispiele zeigen: Der Markt für europäische Alternativen entsteht nicht von selbst. Er braucht Referenzpunkte, die zeigen, dass europäische Technologie leistungsfähig ist.
Warum die ILA kein Militärmesse-Vorwurf trifft
Ein häufiger Einwand – und Aktivisten der Gruppe „Peacefully against Genocide" haben ihn mit Blockaden der Zufahrten zur ILA physisch formuliert – ist der Rüstungscharakter der Messe. Die Kritik ist nicht von der Hand zu weisen: Die Bundeswehr ist mit rund 800 Angehörigen und über 40 Exponaten der größte Einzelaussteller. Wer das als Problem sieht, hat ein legitimes Argument.
Aber die Schlussfolgerung, die Messe deshalb abzulehnen oder zu schwächen, ist falsch. Erstens, weil zivile und militärische Luftfahrttechnologie keine getrennten Sphären sind: KI-gestützte Predictive Maintenance, die Triebwerksausfälle vorhersagt, entstand im militärischen Bereich und optimiert heute den Kerosinverbrauch ziviler Flotten. Unbemannter H145-Hubschrauber, Drohnentechnologien im Drone Pavilion, die Kooperation zwischen Airbus Helicopters und Quantum Systems – das sind Technologien, die in der Katastrophenschutz, der Logistik und der medizinischen Versorgung enden, nicht nur auf dem Schlachtfeld. Zweitens, weil Europas Fähigkeit, seine eigene Sicherheit zu gewährleisten, eine direkte Demokratiefrage ist: Wer seine Verteidigung ausschließlich mit fremden Systemen und fremden Lieferketten bestreitet, hat keine souveräne Außenpolitik.
Das Bewertungskriterium: Digitale Souveränität als Effizienz- und Demokratiebedingung
An welchem Maßstab hängt diese Bewertung? Am Kriterium der digitalen Souveränität, verstanden als Schnittmenge aus zwei der drei Lageblatt-Analyseachsen.
Zur Effizienz-Achse: Ein Europa, das 264 Milliarden Euro jährlich für IT-Dienstleistungen in die USA überweist und dabei keinerlei Verhandlungsmacht über Konditionen, Zugriffsrechte und Datenlocation besitzt, ist kein effizienter Staat – es ist ein Zahlmeister ohne Hebel. Die EU-Kommission hat mit dem Tech Sovereignty Package reagiert: Die Chip-Verordnung 2.0, der Cloud and AI Development Act (CADA) und gezielte Förderung europäischer Open-Source-Infrastruktur sind keine Symbolpolitik, sondern der Versuch, strukturelle Abhängigkeiten zu bepreisen und zu reduzieren. Die ILA ist der Ort, an dem diese Politik auf industrielle Realität trifft.
Zur Demokratie-Achse: Digitale Abhängigkeit ist keine neutrale Größe. Wer seine kritische Infrastruktur auf Servern betreibt, die US-amerikanischem Recht unterliegen, wer KI-Systeme nutzt, deren Trainingsdaten und Gewichtungen er nicht überprüfen kann, der hat ein Transparenzproblem. Kontrolle über Technologie ist Bedingung für die Kontrolle über politische Entscheidungen. Das ist keine paranoide These – es ist die schlichte Logik des Cloud Act, der US-Behörden Zugriff auf Server amerikanischer Unternehmen weltweit ermöglicht, unabhängig vom Standort der Server.
Was die ILA konkret leisten muss
Lob für die Messe als Format und Kritik an ihren blinden Flecken schließen einander nicht aus.
Was die ILA liefert: eine singuläre Plattform, auf der europäische Industriepolitik, Forschung und Verteidigungsplanung sichtbar aufeinandertreffen. Die Rahmenvereinbarung zur Durchführung der ILA bis 2030 – bereits 2024 unterzeichnet – signalisiert, dass dies kein Ad-hoc-Schaulaufen ist, sondern eine strategische Kontinuität.
Was die ILA schuldet: eine ehrlichere Auseinandersetzung mit dem Widerspruch zwischen Klimaziel und Wachstumslogik. Die Messe thematisiert sustainable aviation fuels, Wasserstoff und elektrische Antriebe – aber die Fortschrittsberichte bleiben dünn. Wer „Pioneering Aerospace" als Motto wählt, muss auch die Frage beantworten, wohin die Pionierleistung führt, wenn Kerosinverbrauch und Emissionen der zivilen Luftfahrt weiter steigen. Das ist keine Ablenkung vom Souveränitätsthema – es ist seine Ökologie-Achse.
Das Urteil
Europa hat keine Wahl, ob es technologisch souverän werden will. Es hat nur die Wahl, ob es das geordnet tut oder reaktiv. Wer diese Debatte mit dem Verweis auf Kosten abbricht, hat nicht die Kosten der Abhängigkeit gerechnet. Die ILA Berlin ist nicht das Instrument der Souveränität – sie ist ihr Spiegel. Ob das Spiegelbild trägt, entscheidet sich in Brüssel und Berlin, nicht in Schönefeld. Aber ohne Schönefeld sieht Europa nicht, was es zu verteidigen hat.
