Das Gehalt soll von rund 40 Millionen Euro im Jahr 2027 auf 50 Millionen Euro ab 2029 steigen – womit Leclerc zu den bestbezahlten Piloten im Feld gehören würde. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Ferrari Leclerc halten wollte. Sie lautet: Hält diese Partnerschaft, was sie verspricht?
Eine Bilanz, die zum Nachdenken zwingt
Leclerc fährt seit 2019 für Ferrari, seit 2016 gehört er der Ferrari Driver Academy an. In dieser Zeit erzielte er acht Grand-Prix-Siege und 27 Pole Positions für die Scuderia – Zahlen, die ihn als Spitzenfahrer ausweisen, aber auch als Maßstab dienen. Acht Siege in sieben Jahren bedeuten rechnerisch gut einen pro Saison. Zum Vergleich: Max Verstappen gewann allein 2023 sechzehn Rennen.
2024 gelang Ferrari mit Leclerc und Carlos Sainz der Vizeweltmeister-Titel bei den Konstrukteuren – ein echter Fortschritt nach Jahren der Durststrecke. Doch 2025 folgte der Rückfall: kein einziger Rennsieg, Abschluss auf Platz vier in der Konstrukteurswertung. Leclerc sammelte sieben Podestplätze, aber kein Siegerpodest. Die Saison 2025 war, intern wie extern, eine Zäsur. Ferraris letzter Weltmeistertitel liegt inzwischen 19 Jahre zurück – Kimi Räikkönen, 2007.
Leclerc ist aktuell (Stand Juni 2026) Dritter in der Fahrerwertung. Das ist solide, aber noch kein Indiz für eine Titelkampagne.
Das strukturelle Problem: Motor und Strategie
Ferrari hat drei erkennbare Baustellen, die nicht mit einem Fahrervertrag zu schließen sind.
Erstens die Motorleistung. Laut Berichten aus dem Frühjahr 2026 betreibt Ferrari derzeit nur den drittbesten Motor im Feld. Die FIA hat Ferrari die Genehmigung für ein zweistufiges Motorupgrade erteilt – ein Zeichen, dass der Rückstand real und anerkannt ist. Wann diese Upgrades Renntempo-Relevanz entfalten, ist offen.
Zweitens die Reglement-Zäsur 2026. Das neue technische Regelwerk sieht einen deutlich höheren Elektroanteil in der Antriebseinheit sowie den verpflichtenden Einsatz nachhaltiger Kraftstoffe vor. Das bedeutet: Das aktuelle Fahrzeugkonzept verliert an Bedeutung, alle Teams beginnen unter veränderten Bedingungen. Für Ferrari kann das eine Chance sein – oder eine weitere Etappe ohne Erfolg, falls die Entwicklung erneut stockt.
Drittens die interne Kommunikation. Ferrari-Präsident John Elkann hatte zuletzt öffentlich die Fahrer für Misserfolge mitverantwortlich gemacht – eine Aussage, die intern für Irritation sorgte und das Verhältnis zwischen Teamführung und Cockpit belastet. Teamchef Frédéric Vasseur betont demgegenüber Leclercs Qualitäten und seine Identifikation mit dem Team. Beide Signale gleichzeitig zu senden, ist keine stabile Grundlage für eine Titelkampagne.
Leclerc als Nummer eins – aber neben wem?
Mit Lewis Hamilton hat Ferrari ab 2025 einen siebenfachen Weltmeister im zweiten Cockpit. Das ist für Leclerc eine andere Ausgangslage als die Zusammenarbeit mit Sainz. Hamilton ist nicht einfach ein Teamkollege; er ist ein Benchmark, der öffentliche Erwartungen verschiebt.
Die Frage der internen Hierarchie ist offen. Leclerc gilt als einer der stärksten Qualifyfahrer im Feld – manche Beobachter sehen ihn in diesem Aspekt vor Verstappen. Sein Renntempo und seine Konstanz über eine Saison haben hingegen Fragen aufgeworfen. Mit Hamilton im Nachbarauto werden diese Fragen lauter, nicht leiser. Wie Ferrari die Ressourcen verteilt, wenn beide Fahrer realistische Titelambitionen tragen, bleibt unbeantwortet.
Das Briefing vermerkt zudem, dass Ferrari für 2025 einen neuen Chefingenieur rekrutiert hat, dessen Identität nicht öffentlich bekannt ist. Strukturelle Personalentscheidungen dieser Art – wenn sie wirken – verändern ein Team langsamer als ein Saison-Zyklus.
Was die Verlängerung wirklich aussagt
Leclerc hat nach eigenen Aussagen Angebote anderer Teams erhalten und abgelehnt. Welche Teams das sind, wurde nicht kommuniziert. Aus seiner Sicht spricht einiges für die Entscheidung: Die Reglement-Zäsur 2026 macht einen Teamwechsel zum Lotteriespiel – kein Team kann garantieren, dass sein 2026er-Konzept konkurrenzfähig sein wird. Bei Ferrari kennt Leclerc die Strukturen, die Leute, das Entwicklungsumfeld.
Aus analytischer Sicht trägt diese Entscheidung aber einen Preis: Sie bindet Leclerc durch die produktivsten Jahre seiner Karriere an ein Team, das seit zwei Jahrzehnten keinen Konstrukteurstitel und seit 19 Jahren keinen Fahrertitel gewonnen hat. Ausstiegsklauseln und Leistungsprämien wurden nicht kommuniziert – ob Mechanismen existieren, die Leclerc bei anhaltender Erfolglosigkeit Spielraum geben, ist nicht bekannt.
Für Ferrari ist die Verlängerung strategisch verständlich: Kontinuität in der Fahrerbesetzung reduziert eine Variable in einem ohnehin komplexen Umbau. Leclerc ist das Gesicht des Teams, er spricht die Sprache Maranellos, er ist jung genug, um mehrere Titelkampagnen zu tragen.
Das Problem ist nicht, dass diese Logik falsch wäre. Das Problem ist, dass Ferrari dieselbe Logik bereits mehrfach angewandt hat – und dass die Ergebnisse nicht mitgehalten haben.
Effizienz-Achse: Ressourceneinsatz ohne proportionalen Ertrag
Gemessen an der Effizienz-Achse – Ressourceneinsatz pro Output – ist Ferraris Bilanz seit 2008 auffällig. Das Team gehört zu den budgetstärksten im Feld, verfügt über eine eigene Motorenentwicklung, eine renommierte Akademie und einen der wertvollsten Markennamen im Motorsport. Der Ertrag – gemessen in Weltmeistertiteln – ist seit 2007 null. Die Verlängerung mit Leclerc verändert an dieser Effizienzlücke nichts. Sie schließt sie nur dann, wenn das Auto mithalten kann.
Ob Ferrari mit dem 2026er-Regelwerk endlich den strukturellen Durchbruch schafft, lässt sich heute nicht seriös beantworten. Was sich sagen lässt: Die Entscheidung ist getroffen, die Laufzeit lang, und die nächste echte Bewertung kommt in Monaco – nicht als Ankündigung, sondern als Ergebnis.
