Omar Abdulkadir Artan, somalischer Schiedsrichter und nominierter Referee für die WM 2026, wurde bei der Einreise in die USA zurückgewiesen. Die US-Behörden nannten als Begründung „Verbindungen zu mutmaßlichen Mitgliedern terroristischer Organisationen". Artan wäre der erste WM-Schiedsrichter aus Somalia gewesen. Ob die Begründung einer unabhängigen rechtlichen Überprüfung standhalten würde, bleibt offen: Die US-Einwanderungsbehörden legen ihre Kriterien nicht offen.
Der Fall steht nicht allein. Der Präsident des palästinensischen Fußballverbands, Jibril Rajoub, hatte nach Berichten ebenfalls Schwierigkeiten mit der US-Einreise. Iranische Teammitglieder und Fans sowie afrikanische Journalisten berichteten von Visa-Ablehnungen oder erheblichen Verzögerungen. Wie viele Personen insgesamt betroffen waren, hat die FIFA bis zum Redaktionsschluss dieser Analyse nicht beziffert – eine Datenlücke, die für sich spricht.
FIFA-Präsident Gianni Infantino räumte vor der Presse ein, „sehr enttäuscht" zu sein, betonte jedoch umgehend: Die FIFA sei keine Einwanderungsbehörde, Visa-Entscheidungen lägen bei den Regierungen. Das stimmt formal. Es verschweigt, dass die FIFA beim Bewerb um die WM-Vergabe gegenüber den US-Behörden weitreichende operative Zusagen gemacht hat und dass Infantino nach einem Treffen mit Donald Trump im Frühjahr 2025 öffentlich dessen Unterstützung für das Turnier verkündet hatte. Den politischen Hebel, den die FIFA in der Vergabephase nutzt, legt sie in der Umsetzungsphase demonstrativ beiseite.
Gegen die Demokratie-Achse gelesen: Der V-Dem Liberal Democracy Index klassifiziert die USA im aktuellen Erhebungszyklus (V-Dem 2024) mit einem Liberal Democracy Index-Wert von 0,66 – ein Wert, der in den vergangenen Jahren gesunken ist und unter anderem die Schwächung rechtsstaatlicher Verfahren und die zunehmende Exekutivmacht im Einwanderungsrecht reflektiert. Dass eine internationale Sportorganisation ein 48-Nationen-Turnier in einem Land ausrichtet, dessen Einwanderungsbehörden nominierte Offiziellen ohne transparentes Verfahren zurückweisen können, ist kein Zufall: Es ist die Konsequenz eines Vergabeverfahrens, das wirtschaftliche Effizienz und politischen Zugang priorisiert, nicht die Einreisefreiheit der Beteiligten.
Ticketpreise: Markt oder Marktversagen?
140 Dollar für Gruppenspiele, 32.970 Dollar für das Finale im Primärmarkt – auf dem Sekundärmarkt wurden Hospitality-Pakete kurzzeitig für mehrere Millionen Dollar angeboten. Infantino verteidigte die Spanne mit zwei Argumenten: Der Einstiegspreis von 60 Dollar sei der niedrigste im Vergleich zu US-Play-off-Veranstaltungen, und der Durchschnittspreis liege unter 500 Dollar. Zudem habe die FIFA 130.000 Tickets zu diesem Niedrigpreis an nationale Verbände vergeben.
Beide Argumente sind nicht falsch, aber unvollständig. Der 60-Dollar-Preis gilt für die kleinstmögliche Kategorie in Vorrundenspielen mit geringer Attraktivität. Die Durchschnittspreisangabe von unter 500 Dollar wird durch die extrem breite Verteilung – von 60 bis über 30.000 Dollar – statistisch verzerrt: Für den Median würden andere Zahlen gelten, die Infantino nicht nannte. Über 150 Millionen Ticketanfragen kamen für ein Kontingent, das diese Zahl bei weitem nicht bedient – ein Ungleichgewicht, das dynamische Preissysteme systematisch zu Lasten einkommensschwacher Fans nutzen.
Die Generalstaatsanwältinnen von New Jersey und New York haben Untersuchungen wegen möglicher irreführender Preispraktiken eingeleitet. Das ist eine behördliche Reaktion auf eine Beschwerde, die der Markt nicht selbst korrigiert: Wer die FIFA kritisiert, kauft das Ticket trotzdem – oder bleibt zu Hause. Für ein Turnier, das sich mit „Fußball verbindet die Welt" bewirbt, ist das letztere Option strukturell problematisch.
Auf der Effizienz-Achse zeigt sich ein Widerspruch in der FIFA-Argumentation selbst: Einerseits erwartet der Verband Einnahmen von 11 bis 13 Milliarden Dollar aus dem Turnier; andererseits begründet Infantino die Hochpreise damit, Schwarzmarkthändler abzuschrecken. Wenn die FIFA tatsächlich den Zugang maximieren wollte, stünde ihr ein Instrument zur Verfügung: nicht-übertragbare, personalisierte Tickets mit Identitätsprüfung beim Einlass, wie sie zum Beispiel beim UEFA-Vereinswettbewerb erprobt wurden. Dass dieser Mechanismus nicht flächendeckend eingeführt wurde, deutet darauf hin, dass der Verband den Sekundärmarkt-Preisauftrieb als Nachfrage-Signal nutzt, nicht als Problem.
Infantino, Trump und die Architektur der Abhängigkeit
Infantino traf Donald Trump mehrfach persönlich – nachweislich im Weißen Haus im Frühjahr 2025 und zuvor im Jahr 2018. Nach dem Treffen 2025 veröffentlichte die FIFA eine Mitteilung, in der Trump seine Unterstützung für die WM bekräftigte und eine Task Force zur Vorbereitung ankündigte. Der Guardian berichtete im März 2025, dass Infantino dabei auch auf Einreisefragen zu sprechen kam und Zusicherungen erhielt.
Diese Zusicherungen waren entweder unverbindlich – oder sie gelten nicht für somalische Schiedsrichter und palästinensische Verbandspräsidenten. Beides ist aus FIFA-Perspektive ein Problem: Im ersten Fall hat Infantino den politischen Goodwill eines Machthabers als Währung akzeptiert, die beim ersten Einlösen wertlos war. Im zweiten Fall hat die Nähe zum Weißen Haus selektiv gewirkt – für Sponsoren und TV-Deals, nicht für die operative Teilnahme am Turnier.
Dieser Mechanismus ist nicht neu, aber bei der WM 2026 besonders gut sichtbar. Die WM 2022 in Katar stand unter dem Vorzeichen von Menschenrechtsverletzungen im Arbeitsmigrationssystem und Einschränkungen für LGBTQ+-Fans. Damals verteidigte Infantino die Vergabe mit einem Entwicklungsnarrativ; kurz vor der Eröffnung hielt er in einer Pressekonferenz eine Rede, die weltweit als Tiefpunkt seiner Amtszeit eingestuft wurde. Das Muster – Ankündigung, Kritik, defensive Pressekonferenz, kein struktureller Wandel – wiederholt sich.
Die FIFA prognostiziert für die WM 2026 einen wirtschaftlichen Gesamteffekt von rund 40 Milliarden Dollar und 200.000 Arbeitsplätzen in den Gastgeberländern. Diese Zahlen sind politische Druckmittel gegenüber den Gastgeberstädten, nicht gegenüber der US-Bundesbehörde für Einwanderung. Das erklärt, warum Infantino den Hebel, den er gegenüber Bürgermeistern und Gouverneuren hat, nicht gegenüber der Einwanderungspolitik einsetzt: Die kommerziellen Relationen sind asymmetrisch. Das Turnier braucht die Stadien – nicht zwingend jeden nominierten Schiedsrichter.
Was das FIFA PASS-System leistet – und was nicht
Die FIFA hat das sogenannte FIFA PASS-System eingeführt, das Ticketinhaber bei der Visa-Beschaffung unterstützen soll und beschleunigte Verfahren verspricht. Infantino präsentiert es als proaktive Lösung. Das System adressiert den Prozess der Antragstellung – nicht die Entscheidungsmacht der US-Behörden. Omar Artan hatte ein gültiges Visum. Das PASS-System hätte seinen Fall nicht verhindert. Wie viele Anträge durch das System tatsächlich positiv beschieden wurden, hat die FIFA nicht veröffentlicht.
Die Limitation ist konzeptioneller Natur: Ein beschleunigtes Verfahren hilft dort, wo Verzögerung das Problem ist. Es hilft nicht, wo die Ablehnung auf einem Sicherheitsvermerk basiert, dessen Kriterien intransparent sind und dem Betroffenen weder mitgeteilt noch angefochten werden können. Die FIFA weiß das. Ihre Kommunikation suggeriert etwas anderes.
Korruptionsgeschichte als Einordnungsrahmen
Die FIFA trägt seit dem Korruptionsskandal von 2015, als US-Staatsanwälte Dutzende Funktionäre wegen Bestechung, Geldwäsche und Betrug anklagten, ein institutionelles Glaubwürdigkeitsproblem. Die damaligen Anklageschriften beschrieben ein System, in dem WM-Vergaben systematisch gegen Zahlungen gehandelt wurden. Infantino übernahm das Amt 2016 mit einem Reformversprechen; die Stiftung Wissenschaft und Politik attestierte der FIFA 2017 Fortschritte bei formalen Governance-Strukturen, aber keine systemische Transformation der Machtverteilung.
Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Reaktionslage einzuordnen: Die FIFA hat Governance-Reformen eingeführt, die ihre Außendarstellung professionalisieren, aber die zentrale Machtkonzentration im Präsidialamt nicht aufgelöst haben. Infantino entscheidet, welche Visa-Fälle öffentlich thematisiert werden, welche nicht, welche Preise als „marktgerecht" gelten und welche Partnerschaft mit welchem Staatschef als sportpolitische Notwendigkeit dargestellt wird. Die Verbraucherzentrale Bundesverband hat die FIFA in Deutschland zudem wegen irreführender „klimaneutraler" Werbung für die WM 2022 erfolgreich verklagt – ein weiteres Indiz, dass die Regulierungslücke rund um den Verband systematischer Natur ist.
Was bleibt
Das Turnier beginnt. Die Spiele werden gespielt, die Stadien werden voll sein, und der wirtschaftliche Effekt wird die Erwartungen der Gastgeberstädte vermutlich erfüllen. Was die WM 2026 von ihren Vorgängern unterscheidet, ist die Sichtbarkeit der Steuerungsdefizite: Einreiseverweigerungen für nominierte Offizielle, staatliche Ermittlungen gegen die Ticketpreispolitik und ein Verbandspräsident, der auf die drängendsten Fragen mit „entspannt euch" antwortet – das alles geschieht nicht im Verborgenen, sondern in den Tagen vor dem Eröffnungsspiel.
Die Frage, die sich aus dieser Lage ergibt, ist nicht, ob Infantino recht hat, dass Visa-Entscheidungen formal bei den Regierungen liegen. Er hat recht. Die Frage ist, ob ein Verband, der 13 Milliarden Dollar Umsatz prognostiziert und politische Nähe zu Staatschefs als Ressource einsetzt, sich auf eine formal-juristische Zuständigkeitsabgrenzung zurückziehen darf, wenn ein nominierter Schiedsrichter aus Somalia am Flughafen zurückgeschickt wird. Die Antwort, die Infantino gibt, lautet: ja. Die Antwort, die ein Verband mit dem Anspruch globaler Sporthoheit geben müsste, lautet: nein.
