Das klingt nach einer Fußnote zur Migrationsgeschichte. Es ist tatsächlich eine Revision des Bildes, mit dem Europa seine frühmittelalterlichen Ursprünge erklärt hat.

Das Projekt und seine Datenbasis

Hinter der Studie steht das HistoGenes-Projekt, das die Österreichische Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit den Universitäten Wien, Stony Brook und Eötvös Loránd koordiniert. Walter Pohl, Leiter des Instituts für Mittelalterforschung an der ÖAW, hat das Projekt konzipiert als Versuch, genetische, archäologische und historische Daten so zu verzahnen, dass weder die eine noch die andere Disziplin allein die Deutungshoheit beansprucht.

Die Datenbasis: alte DNA (aDNA) aus 68 Skeletten aus spätrömischen Gräberfeldern Pannoniens und 246 Skeletten aus post-römischen Befunden des 6. Jahrhunderts. Pannonien bezeichnet hier das Gebiet des heutigen Westungarns und des österreichischen Burgenlandes – eine Region, die von Augustus als Provinz eingerichtet wurde und vier Jahrhunderte lang römische Militärpräsenz, Zivilsiedlungen und Fernhandelswege kannte. Ergänzt wurden die DNA-Analysen durch Isotopenanalysen der Skelette, die Hinweise auf Ernährung und Herkunftsregion liefern.

Die Limitationen dieser Methode: aDNA-Studien erfassen nur Individuen, die bestattet wurden, archäologisch zugänglich sind und deren DNA über anderthalb Jahrtausende erhalten blieb. Weder ärmere Bevölkerungsschichten noch Menschen, die kremiert oder in verlorenen Befunden bestattet wurden, tauchen in den Daten auf. Die Stichprobe ist statistisch signifikant für die untersuchten Gräberfelder, aber nicht ohne Weiteres repräsentativ für die gesamte pannonische Bevölkerung des 5. und 6. Jahrhunderts.

Zwei genetische Cluster im selben Friedhof

Das markanteste Befundmuster: In mehreren der untersuchten Gräberfelder lassen sich innerhalb derselben Begräbnisstätte zwei genetische Cluster unterscheiden. Der eine trägt Abstammungslinien, die auf Mitteleuropa, den Balkan und den Mittelmeerraum verweisen – das entspricht dem erwartbaren genetischen Profil einer romanisierten pannonischen Bevölkerung nach Jahrhunderten römischer Herrschaft mit Soldaten, Händlern und Verwaltungsbeamten aus dem gesamten Reich. Der andere Cluster zeigt Abstammungsanteile, die auf Nordeuropa und – in einigen Fällen – Skandinavien verweisen.

Das zeitliche Muster ist aufschlussreich: Der nordeuropäische Einschlag verstärkt sich in den Befunden des ausgehenden 5. und frühen 6. Jahrhunderts deutlich, also genau in dem Zeitraum, in dem historische Quellen die Etablierung langobardischer Siedlungen in Pannonien belegen. Die Langobarden zogen 568 weiter nach Italien; die genetischen Spuren ihrer pannonischen Phase blieben.

Dass Langobarden skandinavische Vorfahren haben, ist kein neuer Befund – schon die mittelalterliche Überlieferung verortete ihre Herkunft in Skandinavien, und frühere genetische Studien zu langobardischen Gräberfeldern in Norditalien hatten diesen Strang bestätigt. Neu ist die Beobachtung, dass dieser Abstammungsanteil in pannonischen Befunden auftaucht und sich dort mit der ansässigen Bevölkerung vermischt, statt in getrennten Gemeinschaften zu verbleiben. An Gräberfeldern wie Hegykő in der Nähe des Neusiedler Sees lässt sich das exemplarisch zeigen: Bestattungen mit „nördlicher" und „südlicher" Abstammungssignatur liegen räumlich eng beieinander, ohne erkennbare Segregation.

Was „langobardisch" genetisch bedeutet – und was nicht

Hier liegt eine methodische Spannung, die die Forschenden explizit benennen: Ethnische Zuordnungen sind kulturelle, keine biologischen Kategorien. Ein Individuum mit skandinavischem Abstammungsanteil in einem pannonischen Grab des frühen 6. Jahrhunderts kann als Langobarde bezeichnet werden – es muss es nicht sein. Andere germanische Gruppen, darunter Rugier und Heruler, sind für dieselbe Region und denselben Zeitraum historisch belegt, und ihre genetischen Profile überschneiden sich.

Joachim Burger von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der eine parallele Studie zur süddeutschen Bevölkerung des Zeitraums 400 bis 700 veröffentlicht hat, formuliert das so: Die Genomdaten belegen Bewegungen kleinerer Gruppen und regionale Mobilität, nicht die Wanderung geschlossener Stammesverbände. Das trifft auch auf Pannonien zu. Was die HistoGenes-Studie nachweist, ist keine „langobardische Welle", sondern ein schrittweiser demographischer Wandel, bei dem Zuwanderer mit nordeuropäischen Wurzeln über mehrere Generationen in bestehende Gemeinschaften integriert wurden.

Das verändert die Interpretation erheblich. Das klassische Bild der Völkerwanderung – große, kohärente Stammesverbände, die leere oder geleerte Räume besiedeln – findet in den Genomdaten keine Entsprechung. Die Sammelbezeichnung „Germanen" als biologische oder ethnische Einheit ist ohnehin analytisch brüchig: Die neuere Forschung behandelt sie als eine von Außenstehenden, namentlich von römischen Autoren, aufgeprägte Kategorie, die die betroffenen Gruppen selbst so nicht verwendeten.

Die romanisierte Bevölkerung – Kontinuität, nicht Verschwinden

Das zweite zentrale Ergebnis der Studie betrifft die ansässige Bevölkerung. Die genetischen Profile der 68 spätrömischen Skelette sind heterogen: Sie zeigen Abstammungsanteile aus Westeuropa, dem östlichen Mittelmeer, dem Balkan, aber auch aus Westasien und – in Einzelfällen – aus Ostasien, was die kosmopolitische Zusammensetzung römischer Militär- und Zivilsiedlungen widerspiegelt. Diese Heterogenität ist dokumentiert für Legionäre, die aus dem gesamten Reich rekrutiert wurden, und für Händler, die pannonische Städte wie Carnuntum (heute Petronell-Carnuntum in Niederösterreich) zu überregionalen Knotenpunkten machten.

Nach 476 – nach dem formellen Ende des Weströmischen Reiches – verschwinden diese Profile nicht aus den Befunden. Sie tauchen, in veränderter Mischung, in den post-römischen Schichten wieder auf. Das ist der genetische Beleg für das, was historische Quellen nur fragmentarisch überliefern: Ein Teil der romanisierten pannonischen Bevölkerung blieb. Sie passte sich neuen politischen Strukturen an, übernahm teils andere kulturelle Praktiken, bewahrte aber ihre demographische Substanz.

Das hat Konsequenzen für die Interpretation der frühmittelalterlichen Gesellschaft des Donauraums. Die Vorstellung, dass mit dem Ende der römischen Herrschaft eine kulturell und genetisch definierende Zäsur eintrat, lässt sich nicht aufrechterhalten. Was folgte, war eine Transformation, nicht ein Neuanfang.

Süddeutschland als Parallelbefund

Die zeitgleich veröffentlichte Tübinger Studie zur süddeutschen Bevölkerung zwischen 400 und 700 ergänzt das pannonische Bild. Burger und sein Team analysierten Genomdaten aus römischen Militärsiedlungen und post-römischen Dorfgemeinschaften in Bayern und Baden-Württemberg und kamen zu einem analogen Ergebnis: Die römische Zivilbevölkerung zog sich nach dem Rückzug der Militärstrukturen ins Umland zurück und bildete mit Zuwanderern aus dem Norden neue, gemischte Gemeinschaften. Auch hier kein Massenexodus, kein vollständiger Bevölkerungsaustausch – sondern eine allmähliche Neuordnung unter anderen politischen Vorzeichen.

Die methodische Übereinstimmung der beiden Studien stärkt den Befund. Sowohl im Donauraum als auch in Süddeutschland zeigen die aDNA-Daten dasselbe Muster: regionale Mobilität statt Völkerwanderung im klassischen Sinn, Integration statt Verdrängung, genetische Vielfalt statt ethnischer Homogenität.

Was die Daten für die Identitätsfrage leisten – und was nicht

Die Frage, ob sich aus diesen Befunden Schlüsse auf heutige regionale Identitäten ziehen lassen, ist methodisch heikel. Genetik kann keine kulturelle oder politische Zugehörigkeit begründen – das betonen alle zitierten Forscher ausdrücklich. Die genetische Signatur der Donauschwaben, jener Siedler, die im 17. und 18. Jahrhundert aus dem Heiligen Römischen Reich in das nach den Osmanenkriegen entvölkerte pannonische Tiefland kamen, liegt näher am süddeutschen Profil des frühen 18. Jahrhunderts als am modernen deutschen Durchschnitt. Und auch diese jüngere Siedlungsgeschichte hat genetische Spuren hinterlassen – die 200 Jahre pannonischer Geschichte dieser Gruppe schließen nachweisliche Vermischung mit ungarischen, serbischen und rumänischen Populationen ein.

Was die Archäogenetik leisten kann: Sie zerlegt die Vorstellung, dass Regionen wie Pannonien oder das heutige Bayern genealogisch auf eine einzige Gründerpopulation zurückgeführt werden könnten. Der Donauraum war über Jahrtausende ein Korridor für kulturellen Austausch und demographische Bewegung. Die frühmittelalterliche Schicht ist eine unter vielen – und sie war selbst schon gemischt.

Das ist eine Einsicht mit politischer Relevanz: Wer ethnisch homogene Ursprünge für mitteleuropäische Regionen reklamiert, findet in den Genomdaten keine Stütze. Die Daten zeigen stattdessen, was der Donauraum immer war: ein Kreuzungspunkt.