In Texas werden Temperaturen von über 38 Grad erwartet. Fünf Partien könnten WBGT-Werte von mindestens 28 Grad erreichen – ein Bereich, den die Arbeitsschutzforschung als hochriskant für körperliche Höchstleistung einstuft.
Die Antwort der FIFA auf diese Datenlage: zwei dreiminütige Trinkpausen pro Spiel, die nach eigenem Bekunden auch kommerziell genutzt werden können. Das ist keine Gesundheitsmaßnahme. Das ist ein Werbefenster mit Sportgetränk-Beigeschmack.
Das Kriterium, an dem dieses Turnier gemessen werden muss, ist Effizienz im Verhältnis zu seinen eigenen Zielen: ein Weltturnier, das Spitzenleistung ermöglicht, das global verfolgt werden kann, das seine ökologischen Versprechen hält. Gegen dieses Kriterium fällt die WM 2026 auf breiter Front durch – und ein erheblicher Teil der Medienberichterstattung hilft dabei, dieses Scheitern zu verwalten, statt es zu benennen.
Zunächst das Steelmanning, das diese Position verdient: Die WM 2026 ist tatsächlich ein technologisches Projekt mit Ambitionen. Verizon stattet Stadien mit privatem 5G-Netz und Glasfaserverbindungen aus, pro Spiel werden mehr als 50 Terabyte Daten verarbeitet. Die halbautomatische Abseitstechnologie mit 3D-Avataren macht Schiedsrichterentscheidungen schneller und überprüfbarer. MagentaTV sendet in Dolby Vision und Dolby Atmos. Alle 48 Teams erhalten Zugang zu Football AI Pro, einem KI-Analysesystem mit Leistungsdaten auf Spielerniveau. Die Reichweite des Turniers – 48 Nationen, 16 Spielorte, drei Länder – macht Fußball als globales Ereignis sichtbarer als je zuvor. Rund 67 Prozent der Deutschen planen, das Turnier zumindest gelegentlich zu verfolgen. Public Viewing erlebt eine Renaissance. Das sind keine trivialen Befunde.
Aber Reichweite ist kein Selbstzweck, und Technologie ist kein Freifahrtschein.
Die Effizienz-Frage ist ernüchternd. Die FIFA erwartet Einnahmen von bis zu 11 Milliarden US-Dollar. ARD und ZDF zahlen allein rund 152 Millionen Euro für 60 Spiele. Das Turnier wächst von 64 auf 104 Spiele – ein Wachstum, das primär der Einnahmenlogik folgt, nicht der sportlichen. Die Distanz zwischen einzelnen Spielorten beträgt bis zu 4.000 Kilometer Luftlinie; Teams und Fans reisen in klimatisch und zeitlich völlig verschiedene Zonen. In Mexiko-Stadt, auf über 2.200 Metern Höhe, leiden Ausdauerleistung und Regeneration unter dem Sauerstoffdefizit – ohne dass der verdichtete Spielplan darauf Rücksicht nähme.
Der CO2-Ausstoß des Turniers wird auf neun Millionen Tonnen geschätzt – mehr als doppelt so viel wie bei der WM 2022 in Katar mit rund 3,8 Millionen Tonnen, und eine Verdoppelung gegenüber dem Durchschnitt der letzten vier Weltmeisterschaften. Greenpeace nennt das ohne Umschweife das klimaschädlichste Turnier der Geschichte. Die FIFA behauptet Klimaneutralität – eine Behauptung, die bei früheren Turnieren von Behörden als irreführend eingestuft wurde und für die 2026 keinerlei substanzielle neue Grundlage existiert.
Das Effizienz-Paradox: Ein Turnier, das vorgibt, global und inklusiv zu sein, produziert Emissionen im neunstelligen Tonnenbereich, gefährdet die körperliche Unversehrtheit seiner Protagonisten und verlässt sich auf eine US-Infrastruktur, die Ingenieure und Experten mit „mangelhaft" bewerten. New York und andere Austragungsstädte warnen bereits vor Verkehrskollaps rund um die Spielstätten.
Und die Medien? Hier liegt das eigentliche Problem dieses Textes – und es ist kein einfaches.
Reporter ohne Grenzen hat vor Beginn des Turniers auf ein konkretes Risiko hingewiesen: US-Grenzbehörden können Geräte von Journalistinnen und Journalisten kontrollieren, Aktivitäten prüfen, Einreisen verweigern. In Mexiko bestehen strukturelle Sicherheitsrisiken für Medienschaffende. Die Arbeitsbedingungen für kritischen Journalismus sind damit von vornherein eingeschränkt – ein Befund, der in der deutschen Berichterstattung bislang wenig Raum einnimmt.
Was stattdessen dominiert: Übertragungslogistik, Aufstellungsfragen, Hitzerekorde als Kulisse. Die Warnungen von Sportmedizinern und Klimaforschern erscheinen zwar, aber als Randnotiz im Vorspiel, nicht als laufende Berichtsverantwortung während des Turniers. Das Muster ist bekannt: Vor großen Sportevents wird kritisch gefragt, sobald der Ball rollt, ordnet sich die Berichterstattung dem Spektakel unter.
Das ist kein Zufall. Private Medien haben Übertragungsrechte erworben und kommerzielle Interessen an einem reibungslos vermittelten Turnier. Öffentlich-rechtliche Sender stehen vor der Gratwanderung zwischen Aufklärungsauftrag und Publikumsbindung – und wissen, dass kritische Berichte über FIFA-Strukturen nicht die meistgeklickten sind. Hinzu kommt: Die FIFA wacht streng über ihre Markenrechte und kommerziellen Verwertungen; wer zu kritisch fragt, riskiert Akkreditierungsprobleme.
Der Vorwurf, den dieser Kommentar trägt, ist nicht, dass Fußball keine Freude verdient oder dass das Turnier boykottiert werden sollte. Der Vorwurf lautet: Wer neun Millionen Tonnen CO2 als „nachhaltig" bewirbt, Trinkpausen als Werbefenster anlegt und Spieler in 38-Grad-Hitze schickt, während er gleichzeitig Rekordeinnahmen von 11 Milliarden Dollar verbucht, handelt ineffizient in dem Sinne, der für Lageblatt zählt: Der Output – Spitzenleistung, Gesundheit, ökologische Glaubwürdigkeit – steht in keinem vertretbaren Verhältnis zum Input.
Und Medien, die das nicht täglich neu benennen, während der Ball rollt, leisten keinen Journalismus. Sie leisten Eventmarketing mit Nachrichtenwert.
Die Verantwortung der Organisatoren ist klar: Die FIFA hätte klimatisch unproblematischere Spielorte wählen, den Spielplan entzerren und verbindliche – nicht freiwillige – Gesundheitsstandards setzen können. Das alles hätte Einnahmen gekostet. Dass es nicht geschah, ist eine Entscheidung, keine Sachzwang.
Die Verantwortung der Medien ist subtiler, aber nicht geringer: Sie haben in den meisten Fällen die Mittel, die Akkreditierungen und das Publikum, um FIFA und Ausrichter während des Turniers in der Rechenschaft zu halten – über Hitzeprotokolle, über CO2-Kompensationsversprechen, über Arbeitsbedingungen abseits der Stadien. Ob sie diese Mittel einsetzen oder ob die Tore und Taktiken dominieren, entscheiden sie jeden Sendetag neu.
Bisher läuft das Spiel nach Regeln, die die FIFA gesetzt hat.
