Die Leckrate hatte sich innerhalb der ersten Juniwoche auf bis zu 0,9 Kilogramm Luft pro Tag erhöht – gegenüber einer zuvor gemessenen Grundrate von rund 500 Gramm täglich. Roskosmos versiegelte eine von zwei identifizierten Leckagestellen mit Dichtmasse, pausierte die Arbeiten anschließend für weitere Messungen und gab wenig später Entwarnung: Der Druck an Bord blieb stabil, die Besatzung konnte zurückkehren.

Der Vorfall war kein Einzelereignis. Er ist das bisher gravierendste Aufflackern eines Problems, das seit 2019 bekannt ist – und für das es bis heute keine dauerhafte Lösung gibt.

Warum gerade Swesda

Das Swesda-Modul ist das operationelle Herzstück des russischen ISS-Segments. Es wurde im Jahr 2000 gestartet, steuert Lage und Antrieb der Station und dient als primäres Wohnmodul für die russische Besatzung. Der PrK-Transfertunnel verbindet Swesda mit angrenzenden Modulen und wird bei jedem Andockmanöver mechanisch beansprucht.

Genau darin liegt ein Kernproblem: Die ISS hat seit ihrer Inbetriebnahme Hunderte von An- und Abdockmanövern absolviert. Jeder Andockvorgang erzeugt Druckstöße und mikroskopische Materialbelastungen im Aluminiumgehäuse des Tunnels. Hinzu kommen die extremen Temperaturschwankungen im Orbit – zwischen plus 120 und minus 160 Grad Celsius, je nach Sonnenstand –, die das Material in einem 90-Minuten-Zyklus ausdehnen und zusammenziehen lassen. Nach 25 Jahren und Tausenden solcher Zyklen sind Mikrorisse eine physikalische Konsequenz, keine Überraschung.

Die genaue Ursache der Risse im PrK-Tunnel ist trotz jahrelanger Untersuchung durch NASA und Roskosmos nicht abschließend geklärt. Als Faktoren werden Materialermüdung, die Belastung durch Andockmanöver sowie mögliche Herstellungsfehler genannt – eine eindeutige Zuordnung fehlt in den öffentlich zugänglichen Berichten.

Eine Geschichte provisorischer Reparaturen

Das Leck vom Juni 2026 fügt sich in eine längere Chronik ein. Im August 2018 entdeckten Besatzungsmitglieder ein 2-Millimeter-Loch im russischen Sojus-MS-09-Raumschiff, das zeitweise mit einem Tuch und Spezialharz provisorisch abgedichtet wurde – ein Bild, das den Stand der verfügbaren Mittel illustriert. Wer das Loch verursacht hatte, blieb offiziell ungeklärt; Sabotage und Fertigungsfehler standen im Raum. Im Februar 2023 wurde an einem russischen Raumfrachter des Typs Progress Kühlmittelverlust festgestellt.

Die Lecks im PrK-Tunnel von Swesda sind seit 2019 dokumentiert und wurden seitdem wiederholt mit Dichtmasse behandelt. Dass dieselbe Stelle sieben Jahre später erneut und verstärkt leckiert, ist ein Indiz dafür, dass die bisherigen Maßnahmen Symptome behandeln, nicht die Ursache.

Was die Leckrate bedeutet

0,9 Kilogramm Luft pro Tag klingt klein. Im Verhältnis zum Atemluftvorrat der Raumstation, die ein Druckvolumen von rund 916 Kubikmetern hat, ist der unmittelbare physiologische Effekt tatsächlich beherrschbar – solange Nachschub durch Versorgungsflüge und an Bord produzierter Sauerstoff die Verluste ausgleicht. Die ISS verfügt über ein elektrolytisches Sauerstofferzeuger-System sowie Reserven aus Druckgasflaschen und angelieferten Vorräten.

Das eigentliche Risiko liegt nicht im Tagesverlust, sondern in der Dynamik: Eine Leckrate, die sich von 500 Gramm auf 900 Gramm pro Tag fast verdoppelt, zeigt, dass die Risse wachsen. Wenn ein Riss eine kritische Größe erreicht, kann ein kontrollierter Druckverlust in einen unkontrollierten übergehen – ein Szenario, das mit den verfügbaren Bordmitteln nicht mehr reparierbar wäre. Genau deshalb sieht das NASA-Protokoll beim Überschreiten definierter Leckschwellen den sofortigen Rückzug in angedockte Raumfahrzeuge vor: nicht weil die Lage akut lebensbedrohlich ist, sondern weil die Kapseln die einzige verlässliche Evakuierungsoption darstellen und ihre Systeme im Notfall sofort einsatzbereit sein müssen.

Detektieren, absperren, abdichten – das Werkzeugset der Besatzung

Die Identifikation von Lecks erfolgt durch eine Kombination aus Drucksensoren, die kontinuierlich den Kabinendruck aller Module überwachen, und manuellen Suchtechniken: Die Besatzung arbeitet sich systematisch durch die Station, isoliert einzelne Abschnitte durch das Schließen von Luken und beobachtet, in welchem Segment der Druck fällt. Zur Feinlokalisierung werden Ultraschalldetektoren und vereinfachte Methoden wie das Ausblasen von Schaum oder das Bewegen von Teebeuteln entlang potenzieller Rissstellen eingesetzt.

Ist die Stelle gefunden, stehen im Wesentlichen drei Reparaturoptionen zur Verfügung: Abdichten mit Epoxidharz oder Spezialdichtmasse, Abkleben mit Haftfolie und – bei zugänglicher Geometrie – mechanisches Abdecken mit Metallplatten. Alle drei sind provisorisch. Sie stabilisieren den Riss, versiegeln ihn aber nicht dauerhaft gegen die fortlaufende mechanische Belastung durch Temperaturwechsel und Andockvorgänge. Eine strukturelle Reparatur, die den Riss selbst schließt, ist mit den an Bord verfügbaren Mitteln nicht möglich; dafür wäre ein Außeneinsatz mit spezialisierten Werkzeugen oder der Austausch des Modulsegments erforderlich.

Die Kooperations-Architektur als Faktor

Der Umgang mit dem Juni-Leck illustriert eine Eigenart der ISS-Governance: Das russische Segment liegt operationell in der Verantwortung von Roskosmos, aber die Sicherheitsbewertung und die Entscheidung zum Rückzug der Besatzung sind eine gemeinsame NASA-Roskosmos-Abwägung. Im konkreten Fall ordnete die NASA die Evakuierung in die Dragon-Kapsel an, während Roskosmos die Reparaturarbeiten leitete und die Entwarnung gab. Dass die Arbeiten zwischenzeitlich pausiert wurden, weil weitere Messdaten benötigt wurden, zeigt den Aufwand dieser koordinierten Entscheidungsfindung über unterschiedliche Organisationskulturen und politische Kontexte hinweg – zumal das russisch-amerikanische Verhältnis seit 2022 erheblich belastet ist.

Was bleibt und was folgt

Die ISS ist für einen Betrieb bis 2030 freigegeben. NASA und ihre Partner planen, sie anschließend kontrolliert zum Absturz zu bringen. Vier Jahre sind im Kontext einer 25 Jahre alten Station ein langer Zeitraum, wenn die Rissrate in strukturell belasteten Modulen weiter zunimmt. Roskosmos hat signalisiert, sich möglicherweise früher als 2030 aus der ISS zurückzuziehen – ein Schritt, der die operative Last auf die verbleibenden Partner verschieben würde.

Für die Besatzung bedeutet das: Lecks im Swesda-Modul werden die nächsten Jahre begleiten. Das etablierte Protokoll – Druck überwachen, Leck lokalisieren, abdichten, im Zweifel in die Kapsel – funktioniert als reaktives System. Es ist nicht dafür ausgelegt, das Fortschreiten struktureller Materialermüdung aufzuhalten. Die Frage ist nicht ob weitere Lecks auftreten, sondern mit welcher Rate und ob die Rissgeometrie irgendwann die Grenze des provisorisch Beherrschbaren überschreitet.

Für künftige Stationen – ob NASAs geplante Gateway-Mondstation oder kommerzielle Nachfolger der ISS wie Axiom Space – liegt die wichtigste Lektion weniger in der Notfallprozedur als in der Modullebensdauer: Strukturen, die für 15 Jahre ausgelegt werden, müssen nicht auf 30 Jahre gedehnt werden. Die ISS hat bewiesen, dass das technisch machbar ist. Sie beweist gerade, was es kostet.