Mehr als 40 Prozent dieses Anstiegs gehen allein auf Energiepreise zurück, die im Jahresvergleich um 17,5 Prozent gestiegen sind. Ursache: Die Blockade der Straße von Hormus infolge des Iran-Kriegs hat die Ölversorgung verengt. Das ist kein geldpolitisches Problem. Das ist ein Krieg, der sich in Tankquittungen niederschlägt.

Wer jetzt trotzdem die Zinspolitik der Zentralbanken kritisiert, muss sich fragen lassen, was genau er von ihr verlangt.


Was ist das stärkste Argument für entschlossenes Handeln der Notenbanken?

Die Kerninflation – also die Rate ohne Energie und Lebensmittel – stieg in den USA im April auf 3,6 Prozent, in Deutschland liegt sie bei 2,3 Prozent. Das zeigt: Die Preissteigerung sitzt nicht mehr nur im Energiesektor. Sie beginnt, in Dienstleistungen, Mieten und Löhne einzusickern. Genau das ist der klassische „Zweitrundeneffekt", den Zentralbanker fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Wenn Unternehmen höhere Energiekosten auf Preise umlegen, Arbeitnehmer höhere Löhne fordern, und Mieter höhere Indexmieten zahlen – dann verselbstständigt sich Inflation. Die EZB hat ihre Inflationsprognose für 2026 von 2,5 auf 4,0 Prozent angehoben und am 11. Juni 2026 erstmals seit 2023 den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 2,4 Prozent erhöht. Das ist kein Panikschritt, sondern das Minimum geldpolitischer Glaubwürdigkeit.


Dennoch: Das Instrument der Zentralbanken passt schlecht auf den Befund.

Geldpolitik wirkt gegen nachfragegetriebene Inflation – wenn zu viel Geld auf zu wenige Güter trifft, kühlen höhere Zinsen die Nachfrage ab. Was wir jetzt sehen, ist ein angebotsseitiger Schock: Der Krieg verengt die Öllieferungen. Kein Zinssatz der Welt öffnet die Straße von Hormus. Die Effizienz geldpolitischer Instrumente – und die Effizienzachse ist hier das maßgebliche Bewertungskriterium – ist in dieser Situation strukturell begrenzt. Höhere Zinsen dämpfen die Gesamtnachfrage, ja. Aber sie bestrafen Haushalte und Unternehmen für eine Inflation, die sie nicht verursacht haben.

Der Fed-Chef Kevin Warsh steht vor diesem Paradox: Er kann die Zinsen anheben, um der steigenden Kerninflation entgegenzuwirken. Er riskiert dabei, eine US-Wirtschaft abzuwürgen, die im ersten Quartal 2026 nur noch moderat wächst. Er kann warten und hoffen, dass ein Friedensabkommen mit dem Iran die Energiepreise senkt – und verliert Glaubwürdigkeit, wenn die Kerninflation weiter anzieht.

Die Fed hat seit Dezember 2025 keine Zinsänderung vorgenommen. Das Band von 3,50 bis 3,75 Prozent ist die Wette auf Option drei: abwarten, bis die geopolitische Lage mehr Klarheit gibt. Das ist keine Schwäche – es ist die ehrlichste Reaktion auf eine Situation, in der das Werkzeug das Problem nur bedingt trifft.


Ein ähnliches Dilemma, kleiner kalibriert, wartet in Deutschland. Ende Juni 2026 läuft der Tankrabatt aus, der die Energiesteuer auf Kraftstoffe um rund 17 Cent pro Liter brutto gesenkt hatte. Experten rechnen ab Juli mit Super-E10-Preisen zwischen 2,08 und 2,13 Euro pro Liter. Gleichzeitig sind die Kraftstoffpreise in Deutschland bereits im April 2026 um 24,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Das Auslaufen des Rabatts trifft also auf ohnehin belastete Verbraucher – und wird die Inflationsrate, die im April bei 2,9 Prozent lag, im Juli spürbar nach oben drücken.

Dabei ist der Tankrabatt selbst ein Lehrstück über geldpolitische Nebenwirkungen: Von den 1,6 Milliarden Euro Steuersenkung kamen laut Monopolkommission 100 bis 200 Millionen Euro schlicht nicht bei den Verbrauchern an. Subventionierte statt gelöste Ineffizienz – das Gegenteil von dem, was der Begriff „Entlastungsmaßnahme" suggeriert.


Geopolitik und Geldpolitik laufen in der Regel auf parallelen Spuren. Der Iran-Schock hat sie auf Kollisionskurs gebracht. Wenn ein Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran die Ölversorgung normalisiert, könnten die Energiepreise innerhalb weniger Monate fallen – und die Gesamtinflation mit ihnen. Dann würden zu frühe Zinserhöhungen von heute die Nachfrage bremsen, obwohl der Preisschock längst abgeklungen wäre. Das wäre keine Preisstabilität. Das wäre unnötige Rezessionspolitik.

Wenn das Abkommen nicht hält oder der Konflikt eskaliert, bleibt das Gegenteil: eine Inflation, die sich von Energie in die Kernsektoren frisst, während die Notenbanken zögerlich waren.


Was muss also gelten? Das Effizienzkriterium verlangt, dass geldpolitische Maßnahmen das tatsächliche Problem adressieren – nicht die zweitbeste Proxygröße. Solange die Kerninflation steigt und erste Zweitrundeneffekte sichtbar sind, ist die EZB-Entscheidung vom 11. Juni vertretbar. Ein weiterer Zinsschritt vor einer geopolitischen Klärung wäre jedoch das Risiko, das Falsche mit dem falschen Werkzeug zu bekämpfen.

Die Kunst der Zentralbanker liegt gerade darin, nicht zu viel Kunst zu zeigen. Abwarten, beobachten, kommunizieren – und die nächste Entscheidung von Daten abhängig machen, die im September mehr Klarheit bringen werden, als es die Mai-Zahlen konnten.

Eine Notenbank, die den Iran-Schock wegzinst, hat nicht gewonnen. Sie hat nur so getan, als ob Geldpolitik Kriege beendet.