Im Sommer 2022 starben nach Schätzung des Robert Koch-Instituts rund 4.500 Menschen an den Folgen von Hitze, 2023 waren es rund 3.200, 2024 rund 3.000. Für 2025 schätzt das RKI bereits etwa 2.600 Todesfälle. Die Reihe sieht nach Fortschritt aus, ist aber keiner: Sie schwankt mit der Temperatur des jeweiligen Sommers, nicht mit dem Erfolg von Schutzmaßnahmen. Und die Basistemperatur steigt weiter.

Was hinter diesen Zahlen steckt, ist medizinisch präzise beschreibbar – und politisch noch immer nicht vollständig ernst genommen.

Was ein Hitzschlag im Körper anrichtet

Ein Hitzschlag ist kein heftiger Sonnenbrand. Er ist ein medizinischer Notfall, der innerhalb von einer bis sechs Stunden entstehen kann und ohne Versorgung innerhalb von 24 Stunden tödlich endet. Auslöser ist das Versagen der körpereigenen Temperaturregulation: Die Körperkerntemperatur übersteigt 40 °C, der Schweiß bleibt aus, die Kühlung bricht zusammen.

Die neurologischen Folgen sind das, was den Hitzschlag vom einfachen Hitzekollaps trennt: Ataxie, Krampfanfälle, Delir, Bewusstlosigkeit. Dazu kommen Organschäden an Leber, Lunge und Nieren. Die Sterblichkeit liegt je nach Studie und Schweregrad zwischen 10 und 80 Prozent – eine Spanne, die vor allem zeigt, wie stark die Prognose von der Schnelligkeit der Behandlung abhängt.

Wer einen Hitzschlag überlebt, trägt unter Umständen bleibende Schäden. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass das Migränerisiko nach einem Hitzschlag auf das Doppelte steigen kann, das Schlaganfallrisiko um den Faktor 1,3 – besonders bei jüngeren Betroffenen, die statistisch seltener sterben, aber länger mit den Langzeitfolgen leben.

Eine wichtige Unterscheidung: Es gibt den klassischen Hitzschlag, der durch hohe Umgebungstemperaturen entsteht – auch in schlecht belüfteten Innenräumen, nicht nur in der prallen Sonne –, und den Anstrengungshitzschlag, der Sportler und Menschen mit körperlich schwerer Arbeit trifft. Beide sind lebensgefährlich, treffen aber unterschiedliche Gruppen und verlangen unterschiedliche Prävention.

Wer besonders gefährdet ist – und warum

Die Verwundbarkeit ist nicht gleich verteilt. Ältere Menschen verlieren mit zunehmendem Alter die Fähigkeit zur Wärmeregulation, verspüren weniger Durst und leiden häufiger an Vorerkrankungen, die das Risiko weiter erhöhen. Ab einer Außentemperatur von 33 °C ist das Risiko für diese Gruppe deutlich erhöht; bei hoher Luftfeuchtigkeit versagt die Schweißverdunstung als Kühlmechanismus zusätzlich.

Kleinkinder und Säuglinge können noch nicht effektiv schwitzen. Schwangere haben einen erhöhten Stoffwechsel und eine veränderte Blutzirkulation, was die Wärmeabfuhr erschwert und das Risiko für Frühgeburten steigert. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Nierenerkrankungen sind physiologisch anfälliger für den Kreislaufzusammenbruch, den Hitze auslöst.

Dazu kommt eine pharmakologische Dimension, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt: Anticholinergika, Antihistaminika, Diuretika und bestimmte Antidepressiva beeinträchtigen allesamt die Hitzereaktion des Körpers. Wer diese Medikamente nimmt – und das tun viele ältere Menschen –, trägt ein erhöhtes Risiko, ohne es zu wissen. Die AWMF-Leitlinie zu hitzebedingten Gesundheitsstörungen benennt diesen Zusammenhang, aber die Beratung in Arztpraxen und Apotheken ist noch keine flächendeckende Praxis.

Eine weitere Risikogruppe, die systematisch untererforscht ist: ärmere Bevölkerungsschichten. Wer in schlecht isolierten Wohnungen ohne Klimaanlage lebt, wer sich keine kühlen Ausweichräume leisten kann, wer bei Hitze trotzdem körperlich arbeiten muss – dieser Teil der Bevölkerung fehlt in der Risikostatistik noch weitgehend. Das Briefing der Behörden benennt die Lücke, schließt sie aber nicht.

Der städtische Hitzekessel: Physik und Versagen

In dicht bebauten, versiegelten Stadtgebieten kann die Temperatur bis zu 15 °C über dem Umland liegen. Das ist kein Schätzwert, das ist Physik: Asphalt und Beton speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts ab, Grünflächen und Wasserflächen fehlen, die Abkühlung bleibt aus. Wer in Frankfurts Innenstadt schläft, schläft wärmer als auf dem Land – die Nacht, in der sich der Körper erholen müsste, kühlt nicht mehr ab.

Die Konsequenz ist messbar: Seit 2000 gehen in Deutschland nahezu alle Todesfälle durch Extremwetter auf Hitze zurück. Europaweit sind in den vergangenen vier Jahren über 200.000 Menschen an Hitzefolgen gestorben.

Mehr als 40 deutsche Kommunen haben Hitzeaktionspläne entwickelt. Das klingt nach institutioneller Antwort. Es ist aber noch kein System. Die Pläne sind nicht bundesweit einheitlich, nicht überall konsequent umgesetzt, und ihre Finanzierung ist ungeklärt. Im Juni 2024 wurden 53 weitere Projekte für die vierte Tranche des Bundesprogramms „Anpassung urbaner und ländlicher Räume an den Klimawandel" ausgewählt – ein Schritt, der zeigt, dass das Problem erkannt ist, aber noch nicht in der Breite angekommen.

Die WHO hat 2024 einen neuen Leitfaden für Hitzeaktionspläne veröffentlicht. Das Bundesumweltministerium hat ihn begrüßt. Begrüßung ist nicht Umsetzung.

Was wirkt – und was nicht

Die wirksamsten Anpassungsmaßnahmen im urbanen Raum sind physisch: Begrünung, Entsiegelung, Wasserflächen, Beschattung, Dämmung. Grünflächen kühlen ihre Umgebung durch Verdunstung und Abschattung messbar ab. Gebäude mit hellen Außenfassaden und querlüftbaren Grundrissen brauchen keine Klimaanlage, um in einem heißen Sommer bewohnbar zu bleiben. Das ist keine neue Erkenntnis – es ist Bauphysik aus dem vergangenen Jahrhundert, die beim Nachkriegswohnungsbau ignoriert wurde.

Das Anpassungsdefizit ist real: Ein erheblicher Teil des deutschen Wohnungsbestands, insbesondere in Städten, ist für Hitzesommer nicht ausgelegt. Sanierungen kosten Geld, das öffentliche Kassen oft nicht haben und private Eigentümer nicht aufwenden wollen, wenn es keine Verpflichtung gibt. Hier liegt eine der größten Effizienzlücken der Klimaanpassung – die Maßnahme ist bekannt, die Umsetzung stockt an Anreizstrukturen, nicht an Wissen.

Für Individuen sind die Schutzmaßnahmen klarer: ausreichend trinken (bei Hitze das Zwei- bis Vierfache der üblichen 1,5 bis 2 Liter täglich), körperliche Anstrengung in die kühleren Morgen- und Abendstunden legen, kühle Orte aufsuchen. Der Körper verliert bei Hitze durch Schwitzen bis zu zwei Liter Flüssigkeit pro Stunde; Sportler verlieren in Extremfällen bis zu zehn Liter täglich. Das Durstgefühl als Signal reicht nicht: Es setzt erst ein, wenn der Körper bereits im Defizit ist – bei älteren Menschen oft gar nicht mehr zuverlässig.

Entscheidend für gefährdete Gruppen ist die soziale Einbindung: Wer allein lebt und niemanden hat, der nach ihm schaut, stirbt bei einer Hitzewelle häufiger. Das ist keine These, das ist das Lektüre der Hitzewellen-Daten seit 2003. Frankreich hat nach dem Hitzesommer 2003 mit rund 15.000 Toten Nachbarschaftsnetzwerke und kommunale Kontrollsysteme für ältere Alleinstehende institutionalisiert. In Deutschland ist das vereinzelt der Fall, nicht systematisch.

Was die Klimakurve bedeutet

Der Deutsche Wetterdienst prognostiziert ohne entschiedene Klimaschutzmaßnahmen einen weiteren Temperaturanstieg um 3,0 bis 4,2 °C bis Ende des Jahrhunderts – besonders ausgeprägt in Süd- und Ostdeutschland. Die Anzahl heißer Tage über 30 °C hat sich bis Mitte der 2010er-Jahre bereits mehr als verdreifacht. Die zehn wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen lagen fast alle im 21. Jahrhundert.

An der Ökologie-Achse gemessen heißt das: Deutschland ist noch weit davon entfernt, sich so anzupassen, wie die Klimakurve es verlangt. Die Schere zwischen dem, was an Maßnahmen beschlossen ist, und dem, was die Prognosen als notwendig ausweisen, wächst mit jedem verzögerten Jahr.

Hitzeschutz ist keine weiche Fürsorgedebatte. Er ist eine Frage von Leben und Tod – messbar in Tausenden Sterbefällen pro Sommer, berechenbar in steigenden Temperaturen, umsetzbar durch bekannte Maßnahmen. Was fehlt, ist nicht das Wissen. Es ist der politische Wille, Stadtplanung, Baupolitik und Sozialinfrastruktur so zu verändern, dass Deutschland seinen eigenen Sommer aushält.