Was ist das stärkste Argument für einen optimistischen Blick auf Évian? Trump unterschrieb die gemeinsame Abschlusserklärung. Das klingt nach einer Trivialität, ist es aber nicht: Bei den letzten Gipfeln seiner ersten Amtszeit war die gemeinsame Erklärung das Format, an dem die transatlantische Einheit zerbrach. Dass Trump diesmal dabei ist – beim Druck auf Russland, beim Iran-Rahmenabkommen, beim Kurs auf KI-Standards –, ist nicht nichts. Bundeskanzler Merz betonte, dass es „diplomatischer Hartnäckigkeit" bedurfte, Trump bis zur Unterschrift zu führen. Man glaubt es ihm. Und die Stoßrichtung stimmt: Sanktionsverschärfung gegen Russland, Ausweitung der Waffenlieferungen an die Ukraine, europäische Bereitschaft zu einer Schutzmission in der Straße von Hormus. Das ist ein Tableau, das sich vor zwei Jahren niemand vorgestellt hätte.
Das stärkste Gegenargument steckt in dem Satz, mit dem Merz seinen Optimismus begründete.
„Strategisches Erwachen" – das Wort setzt voraus, dass man vorher geschlafen hat. Stimmt. Aber Erwachen ist keine Strategie, es ist ihr Ausgangsbedingung. Was Europa in Évian demonstriert hat, ist die Fähigkeit zur Konsensbildung unter amerikanischer Führung. Das ist nicht dasselbe wie eigene Handlungsfähigkeit. Gemessen an der Effizienz-Achse – dem Kriterium, das für Europa entscheidend ist – zeigt Évian einen Bündnispartner, der reaktiv koordiniert, statt proaktiv setzt.
Drei Felder, drei Befunde.
Ukraine. Die Beschlüsse sind real: neue Sanktionen, mehr Waffen, Winterhilfe. Das Kommuniqué fordert Russland zum Abkommen auf, Selenskyj bekräftigte die Verhandlungsbereitschaft der Ukraine. Was fehlt: ein europäischer Friedensrahmen. Europa begleitet den amerikanischen Prozess, gestaltet ihn nicht. Wann immer eine G7-Erklärung zur Ukraine auf Trumps „Optimismus hinsichtlich eines Abkommens" abstellt, hat Europa stillschweigend akzeptiert, dass Washington die Taktvorgabe setzt. Das ist geopolitisch bequem und strategisch riskant.
Iran und Straße von Hormus. Hier ist das Unfertige am sichtbarsten. Das Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran sieht eine 60-tägige Verhandlungsfrist vor; die Straße von Hormus soll laut Trump „vollständig offen" sein – der Iran kündigt indes Gebühren für maritime Dienstleistungen an. Dieser Widerspruch ist kein Interpretationsspielraum, sondern ein ungelöster Konflikt im Kern des Abkommens. Frankreich, Deutschland und Großbritannien haben sich zur Beteiligung an einer rein defensiven Schutzmission bereit erklärt; Deutschland knüpft dies an ein Bundestagsmandat. Gut so. Aber eine Militärmission zur Absicherung eines nicht vollständig verhandelten Abkommens ist keine europäische Eigeninitiative – es ist eine amerikanische Aufgabe, für die Europa die Unterauftragnehmerrolle übernimmt.
KI-Regulierung. Hier ist das Bild am widersprüchlichsten – und deshalb am aufschlussreichsten. Macron forderte internationale Regulierung zum Schutz demokratischer Gesellschaften. Sam Altman, Chef von OpenAI, sprach sich für globale Standards und staatliche Kontrolle aus. Das klingt nach einer seltenen Konstellation: Der Mann, dessen Produkt reguliert werden soll, fordert die Regulierung selbst. Das ist entweder Staatskunst oder Lobbying in Sonntagskleidung. Japan trug den Hiroshima-AI-Process in die Diskussion; die EU präsentierte ihr Souveränitätspaket für Halbleiter, KI, Cloud und Open Source. Was konkret vereinbart wurde: eine geplante Kooperationsplattform für Standards, strengere Regeln für Internetplattformen, ein Kinderschutzrahmen. Kein verbindlicher Regulierungsrahmen, keine Durchsetzungsmechanismen, kein Zeitplan.
An der Demokratie-Achse gemessen ist das ein Befund: Eine Technologie, die von den G7-Regierungschefs selbst als Risiko für demokratische Öffentlichkeiten benannt wird, verlässt den Gipfel ohne verbindliche Grenzen. Die Plattform-Absicht ersetzt den Rahmen.
Was Europa aus Évian mitnimmt, ist ein Problem der Kategorie: ein Gipfel hat funktioniert, weil Trump mitgemacht hat. Das ist kein stabiles Fundament.
Die EU-Vertreter – Ursula von der Leyen und António Costa – waren präsent und formulierten Prioritäten: technologische Souveränität, Lieferkettensicherung, digitale Eigenständigkeit. Das EU-Souveränitätspaket zu Halbleitern und KI liegt auf dem Tisch. Aber der Schritt von der Erklärung zur Umsetzung ist der schwerste. Die Frage, ob Europa seine Interessen in der Straße von Hormus definiert und verteidigt, bevor Washington die Bedingungen aushandelt, wurde in Évian nicht gestellt – sie wurde weitergereicht.
Gemessen am Kriterium der Handlungsfähigkeit bleibt der Befund ernüchternd. Évian zeigt ein Europa, das besser zusammenarbeitet als vor drei Jahren und trotzdem keine eigene Agenda setzt. Der „gemeinsame Geist", den Merz lobte, ist real. Er ist auch das Mindeste, was ein Bündnis kann. Eine Demokratie-Achsen-Bewertung des Gipfels fällt bei der KI-Frage negativ aus: kein verbindlicher Schutz für demokratische Öffentlichkeiten, stattdessen Absichtserklärungen eines Formats, das schon in Hiroshima eingesetzt wurde und seitdem keine Verbindlichkeit erlangt hat.
Das strategische Erwachen, das Merz ausgerufen hat, wird erst glaubwürdig, wenn Europa nicht mehr darauf angewiesen ist, dass Trump die Abschlusserklärung unterzeichnet.
