Und Städte, die darauf strukturell nicht vorbereitet sind.
Was Hitze im Körper auslöst
Der menschliche Körper ist ein präzises Kühlsystem – bis zu dem Punkt, an dem er es nicht mehr ist. Bei steigender Außentemperatur weitet er die Blutgefäße zur Haut hin, um Wärme abzustrahlen, und aktiviert die Schweißdrüsen. Beides kostet Wasser und Elektrolyte. Wer nicht ausreichend trinkt, gerät in einen Kreislauf: sinkender Blutdruck, verminderte Durchblutung des Gehirns, schließlich Kollaps.
Die medizinische Stufenleiter der Hitzefolgen ist klar umrissen. Hitzekollaps entsteht durch Blutdruckabfall und mangelnde Hirndurchblutung. Hitzeerschöpfung folgt auf akuten Flüssigkeitsverlust, erkennbar an Schwäche, Schwindel, Übelkeit. Der Hitzschlag ist der lebensbedrohliche Endpunkt: Die Körpertemperatur übersteigt 40 Grad Celsius, das Gehirn schwillt an, Bewusstlosigkeit droht. Ohne sofortige Kühlung und medizinische Versorgung ist er tödlich.
Wer besonders gefährdet ist, lässt sich gut beschreiben: ältere Menschen ab 75 Jahren, deren Thermoregulation nachlässt; Säuglinge und Kleinkinder, deren Körperoberfläche im Verhältnis zur Körpermasse zu groß ist; Schwangere; Menschen mit Herz-Kreislauf-, Nieren- oder Lungenerkrankungen sowie Diabetiker. Dazu kommen Pflegebedürftige, die ihre Umgebung nicht selbst verlassen können, und Wohnungslose, die keine kühle Unterkunft haben. Eine DAK-Umfrage aus dem Sommer 2024 ergab, dass bei rund 24 Prozent der Deutschen Gesundheitsprobleme durch Hitze auftraten – bei Menschen ab 60 Jahren waren es 32 Prozent.
Ein unterschätzter Faktor: Medikamente. Entwässernde Mittel, bestimmte Blutdruckpräparate und Psychopharmaka können die Hitzetoleranz erheblich einschränken. Wer solche Mittel nimmt, sollte mit dem Arzt oder der Ärztin klären, ob bei anhaltender Hitze eine Dosisanpassung nötig ist.
Die Sterbezahlen und was sie verbergen
Die Schätzungen hitzebedingter Todesfälle in Deutschland schwanken stark – und das aus methodischen Gründen, nicht aus politischer Willkür. Hitze erscheint selten als direkter Eintrag im Totenschein. Stattdessen rechnet das RKI mit Übersterblichkeit: der Differenz zwischen tatsächlich Verstorbenen und dem statistisch zu erwartenden Wert. Für die Hitzesommer 2018 und 2019 ergaben sich so rund 15.600 zusätzliche Todesfälle. Für 2022 schätzte das RKI rund 4.500, für 2023 rund 3.200, für 2024 rund 3.000. Die Methode ist konservativ – sie dürfte eher unterschätzen als überschätzen.
Zählt man die vergangenen sieben Jahre zusammen, ist Hitze damit ein größerer Todesursachenfaktor in Deutschland als die meisten öffentlich diskutierten Gesundheitsrisiken. Das Umweltbundesamt ordnet Hitze neben Luftschadstoffen als eine der wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsbelastungen ein – eine Einschätzung, die in der politischen Debatte kaum ihr Gewicht hat.
Die Stadt als Wärmespeicher
Urbane Gebiete verschärfen das Problem strukturell. Der sogenannte Wärmeinseleffekt beschreibt, wie Asphalt, Beton und dichte Bebauung Wärme aufnehmen und nur langsam wieder abgeben. Städte können dadurch bis zu 8 Grad Celsius wärmer sein als ihr ländliches Umland – und kühlen nachts kaum ab. Tropennächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt, verhindern die körperliche Erholung, die der Organismus braucht.
In Berlin etwa hat sich die Zahl der Hitzetage (über 30 Grad) von drei bis fünf Tagen in den 1950er Jahren auf über 25 Tage pro Jahr erhöht. Eine Untersuchung des Deutschen Wetterdienstes kommt für ganz Deutschland zu dem Ergebnis, dass sich die Zahl extremer Hitzetage seit den 1960er Jahren verzehnfacht hat. Für den Sommer 2025 prognostizierten ECMWF und NOAA eine überdurchschnittliche Erwärmung von 0,5 bis 2 Grad gegenüber dem Mittel – mit Unsicherheiten beim Niederschlag, aber einer klaren Tendenz zu mehr Tagen über 30 Grad.
Bis Ende des Jahrhunderts könnte die Jahresdurchschnittstemperatur in Deutschland um 3 bis 4,2 Grad steigen, so das Umweltbundesamt. Das bedeutet: was heute als Ausnahmesommer gilt, wird Normalzustand.
Was Städte tun – und wo die Lücke klafft
Die Bandbreite städtischer Antworten reicht von ernsthafter Planung bis zu Symbolpolitik. Maßnahmen, die das Mikroklima tatsächlich verbessern, sind gut belegt: Bäume auf versiegelten Flächen senken die Oberflächentemperatur, Dach- und Fassadenbegrünung isoliert und kühlt, die Entsiegelung von Flächen ermöglicht Versickerung und Verdunstungskühlung. Das sogenannte Schwammstadt-Prinzip – Städte so zu bauen, dass sie Wasser aufnehmen, speichern und verzögert abgeben – gilt als vielversprechender Ansatz, ist aber infrastrukturell aufwendig.
Daneben stehen weichere Instrumente: Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes, Trinkbrunnen, klimatisierte öffentliche Gebäude als Kühlorte, Aufklärungskampagnen. Bundesgesundheitsministerium und Umweltbundesamt haben Leitlinien und einen nationalen Hitzeschutzplan entwickelt. Deren Umsetzung bleibt jedoch Ländersache – und dort setzt das Problem ein.
Ende 2024 verfügten gerade einmal etwas mehr als 20 deutsche Städte und Landkreise über einen veröffentlichten Hitzeaktionsplan; über 20 weitere waren in Ausarbeitung. Das klingt nach Fortschritt – ist es aber nur bedingt. Deutschland hat 84 kreisfreie Städte und mehr als 400 Landkreise. Was fehlt, ist nicht Wissen, sondern Verbindlichkeit: Hitzeaktionspläne sind freiwillig, ihre Qualität unkontrolliert, ihre Finanzierung ungeklärt.
Die Deutsche Umwelthilfe hat in ihrem „Hitze-Check 2.0" die Hitzebelastung in deutschen Städten systematisch bewertet. Das Ergebnis: Wuppertal und Hamburg schnitten vergleichsweise gut ab. In Mannheim, Ludwigshafen und Worms hingegen lebten bis zu 91 Prozent der Bevölkerung in stark belasteten Gebieten. Der Unterschied liegt nicht allein in Ressourcen, sondern in jahrzehntelanger Stadtplanung: Wie wurde gebaut, wie viel wurde versiegelt, wie viel Grün erhalten?
Große Metropolen haben gegenüber kleineren Städten einen strukturellen Vorteil: mehr Fachpersonal, größere Planungsabteilungen, mehr politische Sichtbarkeit. Berlin hat eine eigene Klimaanpassungsstrategie, Frankfurt unterhält ein Hitzewarnsystem. Kleinere Städte müssen sich oft mit allgemeinen Bundesempfehlungen behelfen – und haben selten das Personal, um daraus einen konkreten Plan zu entwickeln.
Wer auf der Strecke bleibt
Die soziale Dimension des Hitzeschutzes ist die am wenigsten diskutierte. Wer in einer schlecht isolierten Mietwohnung ohne Klimaanlage lebt, wer nicht selbst einkaufen oder in ein kühles Gebäude gehen kann, wer auf Pflege angewiesen ist – dieser Mensch ist nicht durch eine Hitzewarns-App zu schützen. Der Wärmeinseleffekt trifft einkommensschwache Stadtteile überproportional: weniger Grünflächen, mehr versiegelte Fläche, ältere Bausubstanz.
Gegen die Achse Ökologie gelesen, ist die Bilanz eindeutig: Hitzetote sind ein direktes Klimafolgerisiko, das sich mit steigenden Temperaturen verschärft. Deutschland hat die Daten, die Analysen und die Handlungsempfehlungen. Was fehlt, ist eine verbindliche Umsetzungspflicht für Kommunen – und deren Finanzierung durch Bund und Länder. Solange Hitzeaktionspläne freiwillig bleiben, entscheidet der Zufall – genauer: der Flächenplan der 1970er Jahre und das Engagement des lokalen Gesundheitsamts – darüber, ob jemand einen Hitzesommer überlebt.
