Nicht auf dem Rasen, sondern im Bild. 78 von 104 Spielen finden in den USA statt, das Finale spielt in New York/New Jersey, und FIFA-Präsident Gianni Infantino hat dem Mann im Weißen Haus die Hand gereicht, bevor ein Ball gerollt ist. Das ist kein Zufall. Das ist Programm.

Wer dagegen einwendet, Sport verbinde Völker und das Turnier sei deshalb trotz allem gut: Er hat das stärkste Argument auf seiner Seite. Fußball ist tatsächlich eines der wenigen Felder, auf denen 48 Nationen friedlich nebeneinander existieren, in dem ein ecuadorianischer Stürmer und ein ivorischer Torhüter denselben Rasen teilen, ohne Visum-Schikane und Grenzregime. Die verbindende Kraft des Spiels ist real – sie lässt sich nicht wegdiskutieren.

Aber sie lässt sich instrumentalisieren. Und genau das geschieht.


Das Schweigen als Haltung

Der DFB hat seine Lektion aus Katar 2022 gelernt – leider die falsche. Damals gab es die One-Love-Binde, die Mund-zuhalten-Geste, das öffentliche Ringen um Haltung. Diesmal: vorauseilende Stille. „Ein zweites Katar soll es nicht geben", zitiert der Tagesspiegel aus dem Verband – gemeint ist offenbar: keine Kontroverse, keine Debatte, kein Ärger. Der DFB spricht von der verbindenden Kraft des Fußballs und meint: Ruhe bitte.

Das ist keine unpolitische Haltung. Das ist eine politische Haltung mit dem Anstrich der Neutralität.

Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein reist zum zweiten Gruppenspiel nach Kanada, meidet aber den deutschen Auftakt in den USA. Die Bundesregierung nennt das keine Stellungnahme. Es ist eine – sie setzt sie nur in Flugbuchungen um statt in Worte. Wer das einen „stillen Boykott" nennt, wie Bild es tut, trifft es halb: Es ist weniger Boykott als Unbehagen, das sich keine Formulierung leistet.


Was Amnesty zählt, was die FIFA nicht zählt

Amnesty International hat die Zahlen hingelegt: 500.000 Abschiebungen aus den USA im Jahr 2025, 133.500 Verschwundene in Mexiko. Human Rights Watch beschreibt die USA unter Trumps Einwanderungspolitik als Land im „Menschenrechtsnotstand". Mexiko stellt 100.000 Sicherheitskräfte auf – Soldaten, Polizisten, private Dienste, Drohnen, Militärflugzeuge –, um ein Turnier zu schützen, dessen Gastgeberregionen teils von Kartellen kontrolliert werden.

Man kann das alles als politisches Hintergrundrauschen betrachten. Die FIFA tut es. Infantino spricht von der „größten und inklusivsten Weltmeisterschaft der Geschichte" – ein Satz, der so klingt, als hätte er ihn aus Trumps Kommunikationsstab übernommen.

Inklusiv – für wen genau? Fans aus dem Iran brauchen ein US-Visum, das unter den aktuellen diplomatischen Bedingungen de facto unerreichbar ist. Trans Personen riskieren bei der Einreise in die USA mehr als eine Kontrolle. Amnesty warnt konkret vor Repressionen und Diskriminierung, nicht abstrakt, sondern mit Bezug auf bestehende US-Bundesgesetze und Verwaltungspraxis.

Die FIFA hat dazu keine verbindlichen Schutzmaßnahmen durchgesetzt. Der Verband hat stattdessen eine Nähe zum Gastgeber gepflegt, die seine eigene Menschenrechts-Charta unterläuft.


38 Prozent Vorfreude – und der Rest

In Deutschland verfolgen Turniere am liebsten 60 Prozent der Menschen im eigenen Wohnzimmer, 16 Prozent beim Public Viewing. Das ist bei einer WM in Nordamerika mit Anstoßzeiten zwischen 22 und 6 Uhr auch pragmatisch rational. Aber die YouGov-Daten vom Mai 2026 zeigen noch etwas anderes: Nur 38 Prozent der deutschen Fans gaben an, sich auf das Turnier zu freuen. Im Januar waren es schon magere 45 Prozent.

Der Rückgang ist kein Zufall und kein Wetterphänomen. Er ist das Echo einer Wahrnehmung, die sich im Lauf der Monate gefestigt hat: Diese WM ist politisch aufgeladen auf eine Art, die das Spiel selbst kleiner macht.

Sportwissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln sprechen offen von der Instrumentalisierung des Fußballs. Einer von ihnen hat zum Nicht-Hinschauen aufgerufen – nicht als Boykott-Fetisch, sondern als moralische Positionierung. Das bleibt eine Minderheitenmeinung. Aber die 62 Prozent, die sich nicht freuen, sind keine Minderheit.


Das Demokratie-Problem heißt nicht Mexiko

Die Logik des Sportswashing funktioniert so: Ein Staat mit schwacher Demokratiebilanz oder autoritären Zügen richtet ein Großereignis aus und kauft sich damit Legitimität im globalen Bild. Katar 2022 war das Lehrbuch-Beispiel. Für die WM 2026 läuft die Debatte fast ausschließlich über Mexiko – die Kartelle, die Polizeigewalt, die Verschwundenen.

Das lenkt ab. Das eigentliche Demokratieproblem dieses Turniers sitzt im Weißen Haus.

Ein gewählter Präsident, der Gerichte unterwandert, Medien unter Druck setzt, Einwanderer mit Massenabschiebungen überzieht und das größte Sportereignis der Welt zur Kulisse seiner „America first"-Erzählung macht: Das ist kein Nebenschauplatz. Das ist die Bühne, auf der Infantino lächelt und der DFB schweigt.

Der V-Dem Liberal Democracy Index weist die USA unter Trumps zweiter Amtszeit mit sinkenden Werten für Justiz-Unabhängigkeit und Pressefreiheit aus. Das ist kein Befund einer NGO mit Agenda, sondern der Datensatz einer akademischen Forschungskooperation, die Demokratiequalität seit Jahrzehnten misst. Wer eine WM in einem Land ausrichtet, das auf diesem Index fällt, macht eine Aussage – auch wenn er schweigt.


Was jetzt noch möglich ist

Der Auftrag dieses Stücks lautet nicht: WM boykottieren. Ein Boykott trifft Spieler, nicht Verbandsfunktionäre. Er bestraft ecuadorianische Fußballer für Trumps Politik und ivorische Spieler für Infantinos Kalkül. Das wäre falsch.

Aber Zuschauer, Verband und Bundesregierung könnten aufhören, die Stille mit Neutralität zu verwechseln.

Der DFB könnte – er hat die Mittel und die Bühne – vor jedem Spiel eine klare Aussage setzen: zu Einreiserechten, zu Schutzgarantien für alle Fans, zur Einhaltung der FIFA-Menschenrechts-Charta. Nicht als Geste, sondern als Druckmittel gegenüber einem Verband, dessen Präsident lieber mit dem Gastgeber-Präsidenten posiert als Menschenrechtsverpflichtungen durchzusetzen.

Die Bundesregierung könnte aufhören, ihre Haltung in Flugpläne zu codieren, und sie stattdessen aussprechen.

Und das Publikum in Deutschland könnte das Turnier mit offenen Augen verfolgen – und wissen, dass der Applaus nach dem Finale nicht nur dem Weltmeister gilt.