Was ist das stärkste Argument dafür, dass Fan-Kultur das eigentliche WM-Erlebnis trägt?

Die Zahlen legen es nahe. Drei von fünf Deutschen verfolgen die Spiele zu Hause, 46 Prozent mit Freunden und Familie. Feste Rituale, gemeinsame Abende, geteilte Spannung – das ist das Gut, das eine WM von jedem anderen Bundesliga-Spieltag unterscheidet. Fanforscher Harald Lange bringt die Gegenthese auf den Punkt: Die WM sei in Deutschland „in kultureller Bedeutungslosigkeit verschwunden." Wenn er recht hat, dann deshalb, weil das kollektive Erleben schwächelt, nicht weil Florian Wirtz zu wenig Torraumszenen hat.

Das FIFA Fan Festival, 2006 in Deutschland als Programmpunkt institutionalisiert, war einmal die sichtbarste Antwort auf diese Logik: Fan-Leidenschaft als eigenständiges Spektakel, losgelöst vom Ergebnis auf dem Platz. Es funktionierte. Die Erinnerung an Sommermärchen ist kollektiv, nicht individuell – kein einziger Torjubel von Klose ist so tief im kollektiven Gedächtnis wie das Gefühl dieser Wochen.


Und trotzdem greift die These zu kurz.

Fan-Kultur ohne sportliche Spannung ist Karneval ohne Fasching. Das Beisammensein lebt von dem, was auf dem Platz passiert. Wenn Wirtz in der 71. Minute mit außenseitigem Schnittball durch die Abwehrlinie bricht, springt die Menge auf – nicht wegen der Fankultur, sondern wegen der Handlung, die sie ausgelöst hat. Der zwölfte Mann braucht einen elften. Die kollektive Begeisterung hängt an einem Faden, den nur Spieler halten.

Das zeigt sich in den Zahlen zur Vorfreude besonders deutlich. 75 Prozent der Fußball-Interessierten freuen sich auf die WM. Nur 38 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Lücke ist kein Fan-Kultur-Problem – sie ist ein Relevanz-Problem des sportlichen Produkts für jene, die keinen Draht zur Mannschaft haben. Wer sich mit dem DFB-Team nicht identifiziert (37 Prozent der Deutschen tun das laut Umfragen nicht), wird durch spektakuläre Tribünengesänge nicht zurückgewonnen. Er kommt zurück, wenn auf dem Platz etwas passiert, das ihn zwingt hinzuschauen.


Die eigentliche Frage lautet also nicht: Fans oder Spieler? Sie lautet: Was kommt zuerst?

Die Antwort ist asymmetrisch. Sportliche Leistung kann Fan-Begeisterung erzeugen, die ohne sie nie entstanden wäre. Umgekehrt kann Fan-Begeisterung eine mittelmäßige Partie nicht retten – sie kann sie allenfalls erträglicher machen. Aus dem Turnier von 2006 weiß Deutschland das: Die Stimmung war großartig, das Team kam bis ins Halbfinale, aber den Weltmeister brauchte es nicht zu stellen, um das Land zu elektrisieren. Der Funke kam vom Platz. Die Flamme wurde kollektiv.

Nagelsmann hat das verstanden, wenn auch in anderem Vokabular. Er spricht von „Symbiose mit den Fans", davon, gemeinsam „etwas Großes zu kreieren." Das ist keine PR-Wendung. Es beschreibt präzise, was eine WM von einem Freundschaftsspiel trennt: den Moment, in dem individuelle Brillanz auf kollektive Energie trifft und beides größer wird als die Summe seiner Teile.


Ob das 2026 gelingt, ist offen. Die Wissenschaft gibt Deutschland eine Titelwahrscheinlichkeit von 11,2 Prozent – realistisch genug für Hoffnung, niedrig genug für Ernüchterung. Mehr als die Hälfte der Deutschen erwartet ein Ausscheiden spätestens im Viertelfinale.

Das ist die Ausgangslage. Und sie ist, demokratietheoretisch gelesen, interessant: Die breite Beteiligung – das kollektive Fiebern, das gemeinsame Schauen, das geteilte Scheitern oder Jubeln – ist die eigentliche Teilhabe-Leistung des Fußballs. Nicht die Tribüne als Kulisse für individuelle Stars, sondern das Stadion als temporäre Gemeinschaft mit eigenem Willen.

Nur: Diese Gemeinschaft braucht einen Anlass. Einen 7:1-Sieg. Einen Wirtz, der nicht aufhört zu dribbeln. Einen Moment, in dem das Spiel über sich selbst hinauswächst.

Die Genialität des Einzelnen und die Leidenschaft der Masse konkurrieren nicht. Sie bedingen einander. Wer die Spannung zwischen beiden auflöst, verliert das Geheimnis des Spiels.