Die FIFA kassierte per Gerichtsbeschluss die historische Löwe-und-Sonne-Flagge ein. Und Kapitän Mehdi Taremi nannte die Situation vor dem ersten Gruppenspiel schlicht ein „Desaster".
Das 2:2 gegen Neuseeland am 15. Juni war sportlich ein Unentschieden. Politisch war es eine Demonstration: dass ein Staat seinen eigenen Fans auf fremdem Boden mit Vermögensbeschlagnahmung droht, wenn sie die falsche Flagge schwenken oder die Nationalhymne auspfeifen.
Die WM 2026 liefert selten so präzise, was Sportgroßveranstaltungen versprechen und selten halten: einen Spiegel, in dem sich die Widersprüche eines Landes und seiner internationalen Lage ungeschützt zeigen.
Die unmögliche Reise
Der Iran qualifizierte sich als Gruppensieger der asiatischen Qualifikation – eine sportliche Leistung, die im Rauschen der politischen Vorberichte kaum wahrgenommen wurde. Es ist die vierte WM-Teilnahme in Folge; die Gruppenphase hat das Team bisher nie überstanden.
In Gruppe G trifft der Iran auf Neuseeland, Belgien und Ägypten. Was auf dem Papier eine lösbare Aufgabe sein könnte, beginnt mit einer logistischen Groteske: Weil 14 Funktionäre und Mitarbeiter keine US-Einreisegenehmigung erhielten, verlegte das Team sein Hauptquartier in die mexikanische Grenzstadt Tijuana. Nur an Spieltagen darf die Delegation nach Angaben des iranischen Botschafters in Mexiko die Grenze überqueren.
Die US-Regierung begründete die Visa-Restriktionen öffentlich mit Sicherheitsbedenken – der Verhinderung von Einreisen unter falscher Identität. Der Iran warf Washington „rachsüchtiges Verhalten" vor. Die FIFA, die das Turnier in einem Land ausrichtet, das mit einem teilnehmenden Staat im militärischen Konflikt liegt, stellte das übliche Protokoll für Einreise und Abreise des iranischen Teams außer Kraft und sicherte nach einem Treffen in Istanbul konstruktive Gespräche zu.
Was die FIFA nicht sicherstellte: die bereits zugeteilten Eintrittskarten für die Gruppenspiele. Der iranische Verband gab an, die USA hätten dem Verband die Tickets kurzfristig entzogen. FIFA und US-Regierung äußerten sich dazu nicht.
Zwei Fahnen, eine Mannschaft
Die eigentliche Zuspitzung findet nicht in den Vorstandsetagen statt, sondern auf den Rängen.
Beim Auftaktspiel gegen Neuseeland schwenkten Fans die historische iranische Fahne – jene mit Löwe und Sonne, Symbol der Zeit vor der Islamischen Revolution. Banner trugen Zahlen: „42.000 #IranMassacre", „Minab168". Botschaften, die auf staatliche Gewalt gegen die eigene Bevölkerung verweisen. Einige Fans betonten gegenüber US-Medien, sie unterstützten das Team, nicht das Regime – eine Unterscheidung, die das iranische Regime selbst nicht akzeptiert.
Die FIFA hatte das Recht erstritten, die Löwe-und-Sonne-Flagge einzukassieren – und machte davon Gebrauch. Gleichzeitig hatte der iranische Verband die FIFA vorab informiert, das Spiel abzubrechen, sobald politische Parolen oder die historische Fahne gezeigt würden. Beides geschah. Das Spiel wurde nicht abgebrochen.
Was folgte, war konsequent für ein Regime, das auch im Ausland Kontrolle beansprucht: Irans Justiz kündigte rechtliche Schritte gegen identifizierte Fans an. Den Betroffenen droht die Beschlagnahmung ihrer Vermögenswerte in Iran.
Gegen welchen Maßstab ist das zu bewerten? Der V-Dem Liberal Democracy Index klassifiziert Iran als geschlossene Autokratie mit einem der niedrigsten Werte für bürgerliche Freiheiten weltweit. Dass ein Staat seine im Ausland lebenden Staatsangehörigen für das Zeigen einer Fahne bestrafen will, ist kein Ausrutscher – es ist Methode.
Der Grünen-Politiker Omid Nouripour kritisierte öffentlich die FIFA und die politische Belastung, der das Team ausgesetzt sei. Seine Kritik trifft einen wunden Punkt: Die FIFA vermarktet das Turnier mit dem Versprechen, Sport verbinde und überbrücke – und organisiert gleichzeitig eine Veranstaltung, bei der Fans für ihr Erscheinen im Stadion bestraft werden.
Was die Rekordmaschine antreibt
Im Hintergrund läuft das Geschäft reibungslos. Alle weltweiten Sponsoringpakete für die WM 2026 sind vergeben; die FIFA erwartet Einnahmen aus Sponsoring von bis zu 2,8 Milliarden US-Dollar, der Gesamtumsatz des Turniers wird auf 10,9 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Zu den Partnern zählen Adidas, Coca-Cola, Hyundai, Visa, die saudische Staatsölgesellschaft Aramco, Lenovo, AB InBev und Hisense. Die Sponsorenlandschaft hat sich gegenüber früheren Turnieren verschoben: Neben klassischen Konsumgütermarken dominieren Finanz- und Technologieunternehmen sowie staatlich geprägte Konzerne. Das ist kein Zufall. Für autoritär regierte Staaten ist die Assoziation mit dem globalen Fußball ein Reputationsprodukt, das sich kaufen lässt.
Aramcos Sponsoring steht stellvertretend für diese Logik: Der saudi-arabische Ölkonzern, der nach dem Mord an Jamal Khashoggi 2018 international unter Druck geriet, kauft sich in den größten Sportrahmen des Planeten ein. Die FIFA lässt es zu – und profitiert.
Für das Turnier als Ganzes gilt dasselbe Muster: Die 48-Team-Erweiterung, die WM 2026 erstmals mit 104 Spielen austrägt, ist keine sportliche Entscheidung, sondern eine ökonomische. Mehr Teams bedeuten mehr Märkte, mehr Sponsoren, mehr Rechteerlöse.
Superstar als Ablenkung
In diesen Kontext tritt Lionel Messi: Titelverteidiger mit Argentinien, sechste WM-Teilnahme, Rekordhalter für die meisten WM-Spiele (26) und die meisten gespielten Minuten. Mit 13 WM-Toren ist er Argentiniens produktivster Torschütze in der WM-Geschichte.
Die Frage, ob Messis Leistungen die „strategische Positionierung von Nationen beeinflussen", ist in dieser Form kaum ernsthaft zu beantworten – Argentiniens Ansehen in der Welt hängt an mehr als einem Fußballer. Was sich beobachten lässt: Messis Präsenz strukturiert die Medienberichterstattung in einem Ausmaß, das anderen Themen Raum nimmt. Auf den Rängen rund um die argentinischen Spiele gibt es keine Flaggen, die eingesammelt werden, keine Fans, denen Vermögensbeschlagnahmung droht. Das Spektakel läuft ungestört.
Das ist nicht Messis Schuld. Aber es ist ein Mechanismus, den das Turnier als Konstrukt nutzt: Die Erzählung vom individuellen Genie und dem Märchen des letzten Tanzes überlagert strukturelle Fragen nach dem, was das Turnier ermöglicht und was es verschleiert.
Was die WM zeigt – und was nicht
Die WM 2026 ist kein Spiegel globaler Kräfteverhältnisse in dem Sinne, dass sie sie abbildet. Sie verstärkt bestimmte Widersprüche, während sie andere ausblendet.
Was sie zeigt: Ein Regime, das seine Nationalmannschaft als Propagandainstrument benutzt und gleichzeitig die eigene Diaspora kriminalisiert. Eine FIFA, die sich als integrativ vermarktet, aber strukturell von autoritären Petrodollar-Sponsoren abhängig ist. Eine US-Regierung, die einem Turnierorganisator gegenüber Visa-Entscheidungen trifft, die das Sportgeschehen direkt beeinflussen.
Was sie nicht zeigt: eine ernsthafte institutionelle Auseinandersetzung mit dem Widerspruch, ein Turnier in einem Land auszurichten, das einen Teil der Teilnehmer faktisch als Feinde behandelt. Die FIFA arbeitet an Kompromissen – aber „das Protokoll außer Kraft setzen" ist kein Prinzip, es ist Krisenmanagement.
Trainer Ghalenoei äußerte die Hoffnung, Fußball könne Länder und Kulturen näherbringen. Das 2:2 gegen Neuseeland hat den Iran nicht dem Viertelfinale nähergebracht. Und die Proteste vor dem Stadion haben das Regime nicht bewegt.
Die vereinigende Kraft des Sports ist real – für jene, die sich auf der richtigen Seite der Staatsmacht befinden.
