Zwischen 2018 und 2022 wurden rund 29.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland wegen Hitzeschäden ärztlich behandelt. An einem einzigen Tag mit über 30 Grad sind das statistisch mehr als 2.600 Fälle – Sonnenstiche, Krämpfe, Erschöpfung. Bei Kindern unter zehn Jahren ist das Risiko neunfach erhöht gegenüber Erwachsenen. Neugeborene und Säuglinge tragen das schwerste Los: An einem Hitzetag steigt ihr Risiko, wegen Atemstörungen behandelt zu werden, um das Vierzehenfache.
Diese Zahlen stammen aus dem DAK-Kinder- und Jugendreport. Sie sind nicht hypothetisch. Sie beschreiben den Status quo in einem Land, das sich seit der vorindustriellen Zeit bereits um 2,5 Grad Celsius erwärmt hat – stärker als der globale Durchschnitt – und in dem 2024 das bislang wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war.
Dreimal so viele Hitzetage wie noch vor vierzig Jahren
Der Deutsche Wetterdienst hat die Entwicklung minutiös dokumentiert. In den 1980er Jahren zählte Deutschland im Schnitt 3,9 Hitzetage pro Jahr – Tage, an denen die Temperatur auf mindestens 30 Grad klettert. Seit 2020 sind es 11,4 Tage. Im Zeitraum 1991 bis 2020 kamen im Mittel 8,9 solcher Tage zusammen, gegenüber 4,2 Tagen in den drei Jahrzehnten davor. Das Rekordjahr 2018 verzeichnete 20 Hitzetage.
Besonders betroffen ist der Nordosten: Berlin und Brandenburg erlebten 2024 fast drei Wochen in Folge Temperaturen von 30 Grad oder mehr. In Hamburg existierten vor 1994 keine längeren Hitzewellen dieser Intensität; zwischen 1994 und 2020 traten sechs solcher Perioden auf. Die Richtung ist eindeutig, und das Tempo beschleunigt sich.
Der Sommer 2025 lieferte einen weiteren Datenpunkt: Der Juni 2025 war der heißeste je in Westeuropa gemessene Monat.
74 Prozent, und das ist erst der Anfang
Drei von vier Kindern in Deutschland – 74 Prozent – leiden laut DAK-Studie bei Hitze unter Schlafproblemen, Kopfschmerzen und Müdigkeit. Das sind keine Lappalien: Schon ab 25 Grad lassen sich negative gesundheitliche Effekte nachweisen, und Kinder mit Pollenallergie tragen ab dieser Temperatur ein doppelt so hohes Risiko für einen Krankenhausaufenthalt wegen einer allergischen Reaktion.
Die Gesamtmortalität durch Hitze gibt einen Eindruck, wie ernst das Thema auch jenseits der Kinderstube ist: 2018 starben in Deutschland schätzungsweise 8.700 Menschen hitzebedingt, 2019 waren es 6.900, 2020 noch 3.700. Für 2023 und 2024 schätzt eine aktuellere Studie jeweils rund 3.000 hitzebedingte Todesfälle – ein Rückgang, der aber nicht auf bessere Prävention zurückzuführen ist, sondern auf mildere Hitzespitzen in diesen Sommern.
Spezifische Daten zu hitzebedingten Todesfällen ausschließlich bei Kindern in Deutschland fehlen – eine Datenlücke, die das Robert Koch-Institut selbst einräumt. Die Behandlungsfallzahlen und die Risikoerhöhungen sprechen allerdings eine klare Sprache.
Der Hund im heißen Auto – ein Symptom
Haustiere folgen einer eigenen Physiologie: Hunde und Katzen regulieren ihre Körpertemperatur fast ausschließlich über Hecheln und in geringem Maß über die Pfoten. Bei Hitze reicht das oft nicht aus. Kurzschnäuzige Rassen – Bulldoggen, Möpse – sind anatomisch weiter benachteiligt. Ein Hitzschlag kann bereits ab 25 bis 28 Grad auftreten, insbesondere bei vorerkrankten oder älteren Tieren.
Das bekannteste Risiko ist das geparkte Auto: Selbst bei leicht geöffneten Fenstern steigen die Innenraumtemperaturen innerhalb von Minuten in den lebensbedrohlichen Bereich. Symptome – starkes Hecheln, rote oder bläuliche Schleimhäute, Krämpfe, Bewusstlosigkeit – kommen schnell und eskalieren schnell. Die Veterinärmedizin empfiehlt kühles, nicht eiskaltes Wasser zur Soforthilfe und sofortigen Transport zum Tierarzt.
Für Nutztiere gelten andere Maßstäbe, aber dieselbe Dringlichkeit. Der sogenannte Temperature-Humidity-Index (THI) misst die kombinierte Belastung aus Temperatur und Luftfeuchtigkeit: Ab einem THI von 72 zeigen Milchkühe erste Stresssymptome. Hitzestress kostet Leistung, erhöht das Krankheitsrisiko und kann tödlich enden.
Zwanzig Städte, zwanzig Pläne – und der Rest?
Hier beginnt das eigentliche Problem. Ende 2024 verfügten etwas mehr als 20 deutsche Städte und Landkreise über veröffentlichte Hitzeaktionspläne; gut 20 weitere befanden sich in Ausarbeitung. Bei über 400 Landkreisen und mehr als 80 Städten mit über 100.000 Einwohnern ist das keine Abdeckung, das ist eine Pilotphase.
Die Deutsche Umwelthilfe hat in ihrem zweiten Hitze-Check 2025 alle 190 deutschen Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern bewertet. Ergebnis: 31 Städte bekamen die rote Karte für schlechte Hitzebeständigkeit, 131 eine gelbe. In Mannheim, Ludwigshafen und Worms leben 88 bis 91 Prozent der Einwohner in Gebieten mit hoher bis extremer Hitzeexposition. Insgesamt sind über 12 Millionen Menschen in deutschen Städten von hoher bis extremer Hitzebelastung betroffen.
Zum Vergleich: Frankreich verfügt seit etwa 20 Jahren über eine nationale Hitzeaktionsplanung, eingeführt nach der Katastrophe des Hitzesommers 2003 mit rund 15.000 Toten allein in Frankreich.
Deutschland verabschiedete sein Bundes-Klimaanpassungsgesetz 2024 – ein Fortschritt. Das Gesetz benennt erstmals explizit die Vermeidung sozialer Ungleichheit durch Klimafolgen als Ziel. Das Bundesgesundheitsministerium legte im Juni 2025 neue Hitzeschutzpläne vor. Aber die Umsetzung liegt bei den Kommunen, und viele von ihnen stecken in strukturellen Haushaltsproblemen.
Wo Kinder und Tiere besonders leer ausgehen
Hitzeaktionspläne konzentrieren sich bislang zu rund 70 Prozent auf Stadtplanung und Bauwesen, zu knapp 37 Prozent auf Information und Kommunikation – und nur zu 24 Prozent auf den Schutz vulnerabler Gruppen. Kinder, die tagsüber in Kitas und Schulen sind, oder Haustiere, die in städtischen Wohnungen eingeschlossen bleiben, tauchen in Standardplänen selten als eigenständige Kategorien auf.
Das Bundesumweltministerium hat Handlungsleitfäden für Kitas veröffentlicht. Ob diese flächendeckend ankommen, ist eine andere Frage. Konkrete, verbindliche Standards für Hitzeschutz in Kitas – Raumtemperaturgrenzen, Schließregelungen, Kühlmöglichkeiten – existieren nicht bundesweit.
Bei Haustieren ist die institutionelle Lücke noch größer: Tierschutzorganisationen geben Verhaltenshinweise, aber kommunale Pläne klammern diese Gruppe fast vollständig aus.
Die Effizienz-Achse: Wissen ist vorhanden, Handeln stockt
An der Effizienz-Achse gemessen ist die Lage ernüchternd. Die wissenschaftliche Datenlage zu Risiken, Betroffenen und wirksamen Maßnahmen ist gut. Der Maßnahmenkatalog – mehr Stadtgrün, Gründächer, Trinkbrunnen, Hitzekarten, Warnsysteme, geschützte Aufenthaltsorte, bauliche Kühlung in Schulen und Kitas – ist bekannt. Climate Analytics und die Weltbank haben 2025 berechnet, dass sich die Zahl der Menschen mit extremer Hitzeexposition in Städten wie Berlin, München und Frankfurt bis 2100 verzehnfachen könnte.
Was fehlt, ist der Umsetzungsdruck. Grünflächen, Gründächer und Entsiegelung sind langfristige Investitionen, die kurzfristigen kommunalpolitischen Rhythmen schlecht passen. Warnsysteme und Informationskampagnen sind günstig – und werden deshalb bevorzugt. Die teureren Maßnahmen, bauliche Nachrüstungen in Schulen und Kliniken, stadtplanerische Eingriffe, systematische Kühlung vulnerabler Einrichtungen, bleiben im Konjunktiv.
Das stärkste Argument für die bisherige Zurückhaltung lautet: Kommunen sind überschuldet, Hitzeaktionspläne konkurrieren mit Schuldächern, Straßen und Sozialhilfe um dieselben knappen Mittel. Das ist kein schlechtes Argument. Es erklärt, warum Deutschland hinterherläuft. Es rechtfertigt es nicht.
Denn die Kosten der Untätigkeit sind nicht abstrakt: Sie stehen in Behandlungsstatistiken, in Arbeitsausfällen, in Sterblichkeitsdaten. Und sie fallen, im Unterschied zu Investitionskosten, auf diejenigen, die sich am wenigsten wehren können – Säuglinge in überhitzten Wohnungen, Schulkinder ohne klimatisierte Klassen, Hunde in geparkten Autos.
