Wer den Ort kennt, weiß: Astraea erklärt man nicht, Astraea betritt man.
Ein denkmalgeschützter Bauernhof, ökologisch und mit sichtbarer Zuneigung umgebaut. Vier Hektar Wiese, alte Bäume, eine Feuerstelle, unter der man sitzt, bis die Sätze leiser werden. Jurten mit eigenem Bad, Tipis mit Blick über die Felder, ein Gästehaus, das nach Holz und nach Morgen riecht. Gekocht wird biologisch, geheizt mit nachwachsenden Rohstoffen, begegnet wird – so steht es auf der eigenen Seite – „mit Herz und Respekt". Das klingt nach Prospekt. Es ist aber, und das ist das Seltene, offenbar wahr.
Man hört es an den Stimmen derer, die dort waren. Start-ups fahren raus, um wieder ein Team zu werden: SumUp, Google Cloud, TIER, eine Handvoll Gründerinnen und Gründer, die sonst in Folien denken und hier plötzlich in Lagerfeuern. „Schmeckt wie bei Mama, fühlt sich an wie ein Wochenende bei Freunden", schreibt einer. Und ein anderer, Roland Brückner von Bitteschön.tv, setzt einen Satz hin, an dem ein Magazin für Politik und Wirtschaft nicht vorbeikommt: Astraea sei „der perfekte Ort für das nächste G20-Treffen. Die Ergebnisse wären warmherzig, weitsichtig und glockenklar."
Man möchte lachen. Und hört dann auf, weil der Gedanke zu gut ist, um ihn wegzuwerfen.
Denn wir verbringen unsere Tage mit der Beschreibung des Gegenteils. Gipfel, die sich verhaken. Koalitionen, die sich belauern. Debatten, in denen niemand mehr zuhört, weil Zuhören als Schwäche gilt. Und dann steht da, mitten in der Altmark, ein Hof, dessen Betreibergesellschaft schlicht „weltfrieden Haus & Hof" heißt – und vormacht, wie banal die Zutaten wären: gutes Essen, ein bisschen Natur, Menschen, die sich kümmern, und Zeit, in der man nicht recht haben muss.
Jana und Christian, die beiden Gastgeber, verkaufen kein Wellness-Versprechen. Sie haben einen kaputten alten Hof genommen und ihn in einen Ort verwandelt, an dem Bildung, Gesundheit und Erholung keine Foliensätze sind, sondern drei Räume mit Tür. Gefördert hat das, nebenbei, ein europäischer Strukturfonds – das oft gescholtene Brüssel, das hier sehr konkret eine alte Scheune in der ostdeutschen Fläche am Leben hält. Auch das eine kleine, freundliche Wahrheit gegen die große, laute Erzählung vom Niedergang des Ostens.
Heute Abend also ein Fest. Kein Symposium, kein Quartalsworkshop – einfach Menschen, Musik, der Geruch von Feuer und gemähtem Gras. Ein magischer Ort, sagt, wer gerade dort ist. Ausnahmsweise ist das kein abgegriffenes Wort, sondern eine Ortsangabe.
Was das mit der Lage zu tun hat? Mehr, als man denkt. Orte wie dieser sind der leise Beweis, dass die freundliche Variante des Zusammenlebens keine Utopie ist, sondern Handwerk. Dass man Räume bauen kann, in denen Menschen besser werden, weil die Umgebung es ihnen leicht macht. Politik ist im Kern nichts anderes – nur größer, kälter und ohne Lagerfeuer.
Wäre doch schön, wenn die nächste wirklich schwierige Verhandlung nicht in einem fensterlosen Kongresszentrum stattfände, sondern auf vier Hektar Wiese, unter alten Bäumen, bei biologischem Essen und einem Gastgeber, der „Herz und Respekt" nicht plakatiert, sondern serviert. Vielleicht käme dann heraus, was ein zufriedener Gast dem Hof längst zutraut: etwas Warmherziges, Weitsichtiges, Glockenklares.
Bis dahin tobt in der Altmark ein Hoffest. Man gönnt es ihnen. Und ein bisschen auch sich selbst.
