Blessins Vertrag lief noch bis Sommer 2027. Die Abfindung kostet den Verein Geld, das ein Zweitligist kaum locker hat. Und das Irritierende: Die Forschung sagt seit Jahren, dass solche Trennungen sportlich nichts bringen.
Zwei Jahre, ein Aufstieg, ein Abstieg – was Blessins Bilanz zeigt
Blessin übernahm den Hamburger Klub im Sommer 2024, nach dem Aufstieg in die Bundesliga. Im ersten Jahr gelang unter ihm der Klassenerhalt – Platz 14, was für einen direkten Bundesliga-Aufsteiger ohne jede Erstliga-Erfahrung der vorangegangenen Jahre kein schlechtes Ergebnis ist. Im zweiten Jahr folgte der Abstieg als Tabellenletzter.
Sportchef Andreas Bornemann formulierte die Begründung so: keine „100-prozentige Überzeugung" für die gemeinsame Zukunft in Liga zwei. Das ist eine ehrliche Aussage – und gleichzeitig eine nicht falsifizierbare. Sie benennt kein konkretes Leistungskriterium, keine Kennzahl, keinen Bruch. Die genauen internen Analysen, die zu dieser Bewertung führten, sind nicht öffentlich. Was öffentlich ist: Blessin sprach in den Wochen vor der Entscheidung selbst über Erschöpfung und ein fehlendes Bekenntnis des Vereins zu seiner Weiterarbeit. Die Trennung war, so gelesen, wohl beidseitig – der Verein formalisierte sie nur zuerst.
Für die Ablöse aus Belgien hatte St. Pauli im Sommer 2024 rund 800.000 Euro an Union Saint-Gilloise gezahlt. Die Freistellungskosten vor Vertragsende kommen jetzt obendrauf. Die genaue Summe ist nicht bekannt, liegt aber angesichts des Restvertrags von einem Jahr im sechsstelligen bis niedrigen siebenstelligen Bereich.
Was die Forschung sagt – und was Vereine daraus machen
Die Universität Münster hat untersucht, ob Trainerentlassungen die sportliche Performance einer Mannschaft statistisch messbar verbessern. Das Ergebnis: nein. Kein signifikanter Effekt. Die Ergebnisse nach einem Trainerwechsel sind nicht besser als die nach einer vergleichbar schwachen Phase ohne Wechsel.
Das ist keine neue Erkenntnis. Sie kursiert seit gut einem Jahrzehnt in Sportmanagement-Kreisen. Trotzdem entlässt die Bundesliga im Schnitt pro Saison eine zweistellige Zahl von Trainern, und die 2. Bundesliga noch mehr.
Die Durchschnittszahlen sind aufschlussreich: Ein Bundesligatrainer bleibt im Schnitt rund 797 Tage im Amt, ein Zweitligatrainer rund 693 Tage. Der VfB Stuttgart weist seit der Saison 2002/03 mit 20 Trainerwechseln die höchste Fluktuation auf, mit einer durchschnittlichen Amtszeit von nur 385 Tagen – weniger als eine vollständige Spielzeit. Der 1. FC Köln folgt mit 19 Wechseln im selben Zeitraum.
Blessin war zwei Jahre im Amt. Das liegt über dem Bundesliga-Schnitt. Dennoch: Zwei abgeschlossene Saisons sind im deutschen Profifußball fast schon eine Ausnahme.
Daten, Algorithmen – und trotzdem Bauchgefühl
Wer glaubt, Datenanalyse löse dieses Problem, unterschätzt, wie selektiv Vereine Daten tatsächlich nutzen.
Eintracht Frankfurt gilt im deutschen Profifußball als Vorreiter. Der Klub verwendet Videoanalyse-Tools von Catapult (MatchTracker, Focus, Hub) und hat eine eigene Software entwickelt, die Spieler nach Position, Alter, Tempo, Mentalität und – bemerkenswert – nach familiärem Hintergrund und Verhalten auf dem Platz filtert. Der Trichter engt sich von rund 20 Kandidaten auf eine Handvoll ein, die dann mindestens fünf Spiele live gescouted werden. Das ist ein klar strukturierter Prozess. Er hat Frankfurt in der Europa League geholfen.
Beim FC Bayern München platzte im Frühjahr 2026 der geplante Transfer von Nico Williams – laut Berichten, weil eine externe Datenfirma, deren Identität der Klub intern hält, den Wechsel negativ bewertet hatte. Auch bei der Prüfung von Anthony Gordon spielen Algorithmen eine Rolle. Was Bayern dabei nutzt, bleibt intern – aber der Fall Williams zeigt: Daten können Deals verhindern, nicht nur anschieben.
Über 60 Prozent der deutschen Profivereine nutzen mittlerweile Plattformen wie COACHINSIDE, die Trainerleistungen aus Datenpunkten berechnen und visualisieren. Das klingt nach systematischer Entscheidungsgrundlage. Es ist in der Praxis aber oft ein Legitimationsinstrument: Man holt die Daten, wenn sie die Intuition bestätigen. Der Münsteraner Befund – kein statistisch messbarer Effekt von Trainerentlassungen – dringt in die Entscheidungsprozesse der meisten Klubs nicht durch.
Das liegt strukturell begründet: Ein Sportchef, der nach dem Abstieg den Trainer hält, braucht eine robuste Argumentation gegenüber Fans und Investoren. Der Trainerwechsel ist sichtbar. Die Forschungslage ist abstrakt. Die Anreize zeigen klar in eine Richtung.
Kaderkosten, Transfermarkt, rote Zahlen
Ein Trainerwechsel ist teuer. Ein Transfer noch teurer. Und beides zusammen trifft auf eine Ligastruktur mit strukturellen Ertragsproblemen.
Die 2. Bundesliga verzeichnete im Wirtschaftsreport 2023/24 trotz gestiegener Gesamteinnahmen einen Verlust von 33 Millionen Euro. Die Kaderkosten machen in den beiden deutschen Profiligen rund 34 Prozent der Gesamtausgaben aus – deutlich weniger als in England oder Spanien, wo dieser Wert bei 50 bis 70 Prozent liegt. Das klingt solide, ist aber trügerisch: Der absolute Abstand zu den europäischen Top-Ligen wächst. Die Bundesliga kann die Spieler nicht halten, die Bayern- und Dortmund-Konkurrenz auf dem Transfermarkt begehrt.
Die Effizienz-Frage stellt sich also doppelt. Erstens: Bringt ein Trainerwechsel sportliche Verbesserung? Die Forschung sagt nein. Zweitens: Erzielt ein Verein mit seinen Transferausgaben einen sportlichen Return? Das ist für St. Pauli nicht öffentlich durchgerechnet – die verfügbaren Quellen benennen keine Ausgaben-Erfolgs-Relation. Was man sagen kann: Der Verein war in der Saison 2023/24 Herbstmeister der 2. Bundesliga, stieg auf, hielt die Klasse, stieg ab. Der Kader wurde dabei regelmäßig umgebaut. Ein klares Effizienz-Profil lässt sich daraus nicht ableiten.
Was das Muster erklärt
Die eigentliche Frage ist nicht, warum St. Pauli Blessin entlassen hat. Die eigentliche Frage ist, warum der Trainerentlassung als Reaktion auf schlechte Ergebnisse so wenig Alternativen gegenüberstehen.
Der Mechanismus ist strukturell. Investoren, Fans und Medien sehen Trainerentlassungen als Signal des Handelns. Keine Entlassung ist das Signal des Nicht-Handelns. Ein Sportchef, der nach einer schlechten Saison erklärt, er setze auf Kontinuität, muss das sehr präzise begründen – und nimmt das Risiko auf sich, dass die nächste Saison auch schlecht wird. Die Entlassung verteilt dieses Risiko. Sie kostet zwar Geld und bringt laut Forschung keinen Vorteil, aber sie erfüllt eine Erwartungsfunktion.
Eintracht Frankfurt hat gezeigt, dass ein konsistenteres Modell möglich ist: datengestütztes Scouting, selektive Transfers, strukturierte Spielerentwicklung. Das Modell hat Grenzen – die Spieler, die dort ausgebildet werden, wechseln zu reicheren Klubs –, aber es produziert europäisch konkurrenzfähigen Fußball zu vertretbaren Kosten.
Ob Marcel Rapp, der als Blessins Nachfolger gehandelt wird, bei St. Pauli besser abschneiden wird, ist eine offene Frage. Die Forschungslage legt nahe: Wahrscheinlich nicht wesentlich besser – sofern die strukturellen Bedingungen dieselben bleiben. Der Kader ist derselbe. Das Budget ist kleiner als in der Bundesliga. Die Erwartungen sind trotzdem hoch.
Die Hoffnung wäre, dass ein neuer Trainer neue taktische Impulse setzt, den Kader besser abruft und den Wiederaufstieg schafft. Das wäre schön – und ist möglich. Die Datenlage empfiehlt jedoch Bescheidenheit bei der Kausalzuschreibung, wenn es klappt.
