Am ersten Handelstag stieg die SpaceX-Aktie auf 150 US-Dollar – 17 Prozent über dem Ausgabepreis von 135 US-Dollar. Emissionserlös: 75 Milliarden US-Dollar, der größte Börsengang der Geschichte. Elon Musk ist seither nominell der erste Billionär der Welt. Das sind die Fakten. Was hinter diesen Zahlen steckt, ist komplizierter.

Zwei Unternehmen in einem Prospekt

SpaceX ist kein homogenes Unternehmen. Es besteht, vereinfacht gesagt, aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen.

Der eine Teil funktioniert. Starlink, das Satelliteninternet-Geschäft, erzielte 2025 einen Umsatz von 11,4 Milliarden US-Dollar bei einem operativen Gewinn von 4,4 Milliarden US-Dollar. Im ersten Quartal 2026 zählte Starlink 10,3 Millionen Abonnenten. Das ist ein echtes Geschäft mit echten Margen – und das einzige Segment, das die astronomische Gesamtbewertung im Ansatz erdet.

Der andere Teil verliert Geld, viel davon und schnell. Das KI-Segment – seit der Integration von Musks KI-Firma xAI ein Teil von SpaceX – verursachte im ersten Quartal 2026 einen operativen Verlust von rund 2,5 Milliarden US-Dollar. Konzernweit verbrachte SpaceX in diesem Quartal 4,28 Milliarden US-Dollar, bei einem Umsatz von 4,69 Milliarden. Im gesamten Geschäftsjahr 2025 stand bei 18,67 Milliarden US-Dollar Umsatz ein Nettoverlust von 4,94 Milliarden US-Dollar.

Das Price-to-Sales-Verhältnis liegt je nach Berechnungsbasis zwischen 110 und 145 – ein Wert, der selbst ambitionierten Tech-Bewertungen der Nullzinsära spottet. Morningstar schätzt den fairen Wert der Aktie auf rund 63 US-Dollar. Der Ausgabepreis lag mehr als doppelt so hoch.

Was die Bewertung trägt – und was sie tragen soll

Das stärkste Argument für die Bewertung lautet: SpaceX ist kein Raketenbauer. Es ist eine Infrastrukturplattform, die den Zugang zum Weltraum monopolisiert – und wer die Startkosten kontrolliert, kontrolliert alles, was danach kommt. Wiederverwendbare Raketen haben die Kosten für Nutzlasten in den Orbit bereits dramatisch gesenkt; mit dem Starship-Programm rechnen Analysten mit einer weiteren Reduktion von rund 3.000 auf 300 US-Dollar pro Kilogramm. Wer diesen Hebel besitzt, sitzt an der Basis eines wachsenden Markts.

Die Wachstumsstory für Starlink selbst ist intakt: Analysten prognostizieren für 2026 Umsätze von bis zu 24 Milliarden US-Dollar in diesem Segment allein. Und der NASA-Vertrag für das Starship Human Landing System – 2,89 Milliarden US-Dollar für Entwicklung und Betrieb – sichert eine staatliche Umsatzgrundlage, die kaum ein Wettbewerber replizieren kann.

Das ist das Fundament. Darüber liegt ein Aufbau, der mit konventionellen Bewertungsmethoden nicht zu greifen ist.

SpaceX hat beim Börsengang den KI-Satelliten AI1 präsentiert, der künstliche Intelligenz direkt im Erdorbit ausführen soll. Eingereicht sind Pläne für bis zu eine Million solcher Satelliten – ausgestattet mit Starlink-V3-Technologie, solar betrieben, im All gekühlt. Das Ziel: orbitale Rechenzentren, die Rechenleistung vermieten, für die auf der Erde Fläche, Wasser und Strom fehlen. Tests sollen ab 2027 beginnen.

Gleichzeitig hat SpaceX das KI-Coding-Startup Cursor für 60 Milliarden US-Dollar übernommen und eine Partnerschaft mit dem KI-Unternehmen Anthropic geschlossen, das bis Mai 2029 monatlich 1,25 Milliarden US-Dollar für Cloud-Rechenleistung zahlt. Die xAI-Integration, die Musk als Zusammenführung seiner KI-Ambitionen mit der Weltrauminfrastruktur beschreibt, ist vollzogen.

Hinzu kommt die Mondstory. Starship ist das Trägersystem für die NASA-Missionen Artemis III und folgende; eine bemannte Mondlandung ist frühestens für 2028 geplant, nachdem sich die ursprünglichen Zeitpläne verschoben haben. Musk hat öffentlich eine Mondfabrik skizziert, die KI-Satelliten mit einem elektromagnetischen Katapult in den Orbit schießen soll.

Die Bewertungslogik der Vision

Hier liegt der entscheidende Bruch. Klassische Raumfahrtunternehmen werden an Umsatz, Marktanteil und technischer Machbarkeit gemessen. KI-Startups werden nach geistigem Eigentum, Datenstrategie und algorithmischen Fähigkeiten bewertet – Größen, die schwer zu quantifizieren sind und stark vom Narrativ abhängen.

SpaceX verlangt von seinen Investoren, beide Logiken gleichzeitig anzuwenden. Es soll wie ein Infrastrukturkonzern stabil wirken und wie ein KI-Startup exponentiell wachsen. Das ist kein logischer Widerspruch, aber es ist eine ungewöhnliche Zumutung für ein Bewertungsmodell.

Die FCC-Genehmigung für eine Million Satelliten steht noch aus. Die technischen Herausforderungen bei der Kühlung von KI-Chips im Vakuum – Halbleiter reagieren empfindlich auf kosmische Strahlung – sind ungelöst, wie auch ein kritischer Vorabbericht zu AI1 zeigte: Der erste Prototyp überhitzte im Betrieb. Und die Mondmissionen hängen an einem Starship, das noch keine bemannte Zertifizierung hat und für das orbitales Betanken – ein technisch heikles Manöver – noch nie im Einsatz erprobt wurde.

Wettbewerber sind ebenfalls nicht untätig. Google, Microsoft, Blue Origin und Amazon entwickeln eigene Konzepte für orbitale Recheninfrastruktur. Der Markt, den SpaceX zu dominieren beansprucht, existiert in seiner vollen Größe noch nicht.

Effizienz-Achse: Wenn Kapital Visionen finanziert

Gegen die Effizienz-Achse gelesen, ergibt sich ein zweischneidiges Bild. Starlink hat bewiesen, dass private Raumfahrt staatliche Kosten erheblich drücken kann – der Zugang zum Orbit wird billiger, die Abhängigkeit von nationalen Trägersystemen sinkt, Konkurrenz auf einem Markt, der lange staatlich monopolisiert war, ist ein Gewinn. Das ist echter volkswirtschaftlicher Output.

Das KI-Segment produziert bislang Verluste ohne messbaren Output. Vier Milliarden US-Dollar operativer Verlust im ersten Quartal 2026 für ein Segment, dessen Produkte – Grok, xAI-Dienste, orbitale Rechenzentren – entweder im Wettbewerb mit etablierten Anbietern stehen oder noch gar nicht existieren. Das ist kein Effizienzproblem; es ist ein Substanzproblem, das die Bewertung trägt, ohne sie zu rechtfertigen.

Die Übernahme von Cursor für 60 Milliarden US-Dollar – ein Unternehmen, das ein KI-Coding-Tool entwickelt – zeigt die Risikobereitschaft der Kapitalallokation. Ob das Intelligenz ist oder Überhitzung, wird sich daran messen lassen, ob die Rechenleistung, die im All entstehen soll, einen Preis erzielt, der die Startkosten trägt.

Was offen bleibt

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob SpaceX überbewertet ist – das ist es, gemessen an heutigen Erträgen, mit hoher Wahrscheinlichkeit. Die Frage lautet: Zu welchem Preis ist die Option auf die Zukunft fair bewertet?

Wer heute 150 US-Dollar pro Aktie zahlt, kauft Starlinks Cashflow zu einem hohen Vielfachen und wettet zusätzlich darauf, dass ein orbitales KI-Rechenzentrum profitabel wird, eine Mondfabrik realistisch ist und Elon Musks Zeitpläne diesmal halten. Das sind drei separate Wetten, verpackt in einen Ausgabepreis.

Morningstar beziffert den Wert der ersten Wette allein auf 63 US-Dollar. Für die zweite und dritte gibt es keine verlässliche Zahl – weil es kein belastbares Vergleichsunternehmen gibt, das orbitale Rechenzentren im Betrieb hat.

Das ist kein Urteil gegen SpaceX. Es ist ein Urteil über die Präzision, mit der ein Börsenkurs Unsicherheit abbildet.