Was drumherum passiert, ist es weniger.
Drei Gastgeberländer, 16 Stadien, 48 Nationen – und eine Weltlage, die das Turnier in ein Format presst, für das die FIFA ersichtlich kein Drehbuch hat.
Die Zustimmungslücke
37 % der Deutschen haben laut ARD-Umfrage kein Interesse an dieser WM, weitere 30 % wenig Interesse. Das ist kein Randphänomen. Fast zwei Drittel der Bevölkerung, in deren Namen der DFB eine Nationalmannschaft ins Rennen schickt, sehen dem Turnier gleichgültig oder ablehnend zu.
Der Grund ist nicht der Fußball. Studiendaten der Deutschen Sporthochschule Köln zeigen, dass die gesellschaftspolitische Kritik an der WM 2026 geringer ausfällt als bei der Katar-WM 2022 – und doch bleibt die Entfremdung. Rund 38 % der Befragten sehen eine politische Instrumentalisierung des Turniers durch die drei Gastgeberstaaten. Was Katar mit ölreicher Autokratie war, ist die USA-WM mit populistischem Großmacht-Gestus: ein Sportereignis, das sich selbst überlagert.
Gianni Infantino hat diese Spannung nicht aufgelöst, sondern verschärft. Der FIFA-Präsident lobte Donald Trump öffentlich für seine Bemühungen um den Weltfrieden – bei einem Turnier, das zeitgleich von Menschenrechtlern als Plattform für Sportswashing kritisiert wird. Die Schweizerische Lauterkeitskommission hatte die FIFA 2023 öffentlich gerügt und ihr untersagt, die WM als „klimaneutral" zu bezeichnen. Infantinos Lob für Trump wirkte in diesem Licht nicht wie Diplomatie, sondern wie Methode.
Einreise als Politikum
Die logistischen Komplikationen beginnen schon vor dem Anstoß. Deutsche Staatsbürger benötigen für die USA eine ESTA-Genehmigung (40 US-Dollar), für Kanada eine elektronische Reisegenehmigung (eTA), für Mexiko eine Touristenkarte (FMM). Das ist handhabbar – für weiße Europäer mit unbelastetem Reisepass.
Für Fans aus dem Iran, dem Senegal, Haiti und der Elfenbeinküste sieht die Lage anders aus. Sie können ohne gültiges US-Visum, das vor dem 1. Januar 2026 ausgestellt sein musste, nicht einreisen. Das trifft Fans von vier WM-Teilnehmernationen. Der somalische Schiedsrichter Omar Artan wurde trotz gültigem Visum an der US-Grenze zurückgewiesen.
Außenministerin Annalena Baerbock hat die FIFA aufgefordert, diese Einreiseprobleme aufzuarbeiten. Die FIFA hat geschwiegen. Das Muster ist bekannt: Zuerst das Versprechen, dann die Ausweichbewegung, dann das Schweigen.
Amnesty International berichtet von 500.000 Abschiebungen in den USA im Jahr 2025 und rund 133.500 Vermissten in Mexiko. Gewerkschaften im Gastgewerbe haben gegen mögliche ICE-Einsätze im WM-Umfeld protestiert; eine Beschwerde gegen die FIFA wegen dieser Einsätze wurde eingereicht. Die FIFA rechnet mit WM-Einnahmen von 11 Milliarden US-Dollar. Der Kontrast spricht für sich.
Der stille Rückzug der Bundesregierung
Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein reiste nicht zum ersten deutschen Gruppenspiel in den USA. Erst beim zweiten Vorrundenspiel in Kanada war eine Reise geplant. Bundeskanzler Friedrich Merz hat angekündigt, nur zum Finale nach New York zu kommen – falls Deutschland sich qualifiziert.
Das ist kein Zufall. Es ist kalkulierte Distanz. Die Bundesregierung will nicht auf einer Bühne erscheinen, die Donald Trump als sein Fest inszeniert. Das ist politisch nachvollziehbar. Es ist auch eine Form stiller Kritik, die laut genug ist, um bemerkt zu werden, und leise genug, um nicht als Boykott gelten zu müssen.
Denn einen formalen Boykott hat der DFB explizit ausgeschlossen. Das DFB-Präsidium bezeichnete eine Boykottdebatte „zum jetzigen Zeitpunkt als völlig verfehlt" und betont die verbindende Kraft des Sports. Rudi Völler plädiert für sportliche Fokussierung. DFB-Boss Bernd Neuendorf verweist auf interne Debatten.
Die Haltung ist: Wir spielen, aber wir sind nicht dabei. Das ist eine Position, aber keine Klärung.
Was ist das stärkste Argument dafür? Es gibt eines: Ein Boykott schützt weder die bedrohten Fans noch die gefährdeten Arbeiter vor Ort. Er schmerzt die FIFA kaum – der Verband kassiert seine Milliarden unabhängig davon, ob Deutschland antritt. Wer boykottiert, entzieht sich, ohne etwas zu verändern. Dieses Argument trägt.
Und doch: Wer antritt, ohne zu benennen, warum die Bedingungen inakzeptabel sind, überlässt das Feld denen, die keine Worte brauchen – weil sie das Turnier schon als Kulisse benutzen.
Die Klimarechnung
Die ökologische Bilanz der WM 2026 ist, nach aktuellem Wissensstand, verheerend. Klimaforschende prognostizieren, dass die WM 2026 aufgrund des erweiterten Formats – 48 statt 32 Teams, 104 statt 64 Spiele – und der geographischen Ausdehnung über drei Länder zur klimaschädlichsten WM aller Zeiten werden könnte. Sportwissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln fordern kleinere, nachhaltigere Veranstaltungsformate.
Bis zu einem Viertel der Spiele könnte unter extremen Hitzebedingungen stattfinden, laut ZDF-Recherchen. Für die Spieler ist das eine Belastungsfrage. Für die Glaubwürdigkeit der FIFA ist es ein Testfall: Wer nach der Rüge von 2023 wegen falscher Klimaneutralitäts-Versprechen noch schweigt, erklärt damit alles Wesentliche über seinen Umgang mit Transparenz.
Die Ökologie-Achse zeigt hier ein klares Minus – nicht als abstrakte Bewertung, sondern als konkreter Befund: Die FIFA expandiert das Turnier, ohne die Emissionsdaten zu veröffentlichen. Das ist kein Versehen.
Was bleibt
Die WM 2026 ist nicht das erste Turnier, das politisch aufgeladen ist. Aber sie ist vielleicht das erste, bei dem die Aufladung so viele Schichten hat: Trump als Gastgeber-Inszenierung, Menschenrechte als akute Einreisefrage, Klimaschutz als Transparenzlüge, und eine deutsche Bundesregierung, die zwischen stillem Protest und öffentlicher Fußballbegeisterung pendelt.
53 % der Deutschen würden es begrüßen, wenn Bundeskanzler Merz ein Finale mit deutschem Anteil vor Ort verfolgt – mehr als bei der Katar-WM 2022. Das zeigt: Die Erschöpfung mit dem politischen Kommentar ist real. Viele wollen einfach Fußball sehen.
Das ist legitim. Nur: Wer die WM als Sport-Eskapismus genießen will, muss auch tragen, dass dieser Eskapismus auf einer Bühne stattfindet, die Infantino und Trump gemeinsam gebaut haben.
Der Schiedsrichter Omar Artan kam nicht durch. Das Turnier läuft.
