Gianni Infantino verleiht Donald Trump den „FIFA-Friedenspreis". Friedrich Merz überreicht Trump beim G7-Gipfel ein Nationalmannschaftstrikot mit der Aufschrift „Trump 47" und sagt, man sei eben „on the same team". Trump lässt eine eigene Task Force einrichten, die die Spiele in den USA zur Demonstration eines „triumphierenden Amerikas" nutzen soll. Der Sport hat sich die Bühne nicht selbst gebaut – aber er besetzt sie mit Leidenschaft.

Die These, die ich hier verteidige, lautet: Die WM 2026 ist zuvorderst ein politisches Spektakel, das demokratische Grundnormen systematisch untergräbt – nicht trotz, sondern wegen der Beteiligung etablierter westlicher Demokratien. Das trifft den Sport ins Mark.


Was ist das stärkste Argument dagegen?

Wer sagt, Fußball sei schon immer Politik gewesen und das Turnier dennoch mehr als seine Rahmenbedingungen, liegt in einem wichtigen Punkt richtig. Die WM von 1990 fiel in das Jahr der deutschen Einheit; das Endspiel zwischen Argentinien und den Niederlanden 1978 bewies, dass Menschen beim Sport weinen, auch wenn Diktatoren zuschauen. Das verbindende Moment des Spiels – 48 Nationen, Milliarden Zuschauer, ein geteiltes Regelwerk – ist keine Inszenierung, sondern echte menschliche Erfahrung.

Dazu kommt: Die WM gibt der Zivilgesellschaft tatsächlich eine Bühne. Brot für die Welt weist darauf hin, dass das Turnier Menschenrechtsorganisationen eine öffentliche Plattform verschafft, die sie sonst nicht hätten. Protest braucht Aufmerksamkeit, und die WM liefert beides.

Das ist das ehrlichste Argument auf der anderen Seite. Es reicht aber nicht.


Warum es nicht reicht

Das Demokratie-Kriterium ist hier das entscheidende: Schützen oder schwächen die Strukturen dieses Turniers die Grundbedingungen politischer Freiheit – Presse-, Versammlungs- und Reisefreiheit, Schutz vulnerabler Gruppen, unabhängige Institutionen?

Der Befund ist eindeutig.

Human Rights Watch nennt die WM 2026 eine „potenzielle Menschenrechtskatastrophe". Nicht als Hyperbel, sondern auf der Grundlage konkreter Indikatoren: 500.000 Abschiebungen in den USA allein im Jahr 2025; in Mexiko über 133.000 offizielle Vermisste; Journalisten, die bei der Einreise mit der Durchleuchtung ihrer Geräte und Social-Media-Kanäle rechnen müssen; mit Ausnahme einer einzigen Austragungsstadt haben alle WM-Komitees es versäumt, die angekündigten Menschenrechts-Aktionspläne vorzulegen.

Der Iran geht gerichtlich gegen eigene Fans vor, die bei WM-Spielen protestiert und die Nationalhymne missachtet haben. Die FIFA hat per Gerichtsbeschluss das Recht erwirkt, die „Löwe-und-Sonne"-Flagge iranischer Fans einzuziehen. Das ist nicht mehr die Rahmenbedingung eines Sportfestes; das ist Sport als Repressionsinstrument.

Infantinos Friedenspreis für Trump rundet das Bild ab. Wer einen amtierenden US-Präsidenten auszeichnet, der systematisch Einwanderer deportiert, Journalisten unter Druck setzt und die Unabhängigkeit der Justiz angreift, sendet ein Signal: Die FIFA hält Institutionenschutz für verhandelbar, wenn genug Geld und Aufmerksamkeit im Spiel sind.


Das Trikot und seine Botschaft

Merz' Geschenk verdient mehr als ein Kopfschütteln. Es ist ein kleines, aber lehrbuchhaftes Beispiel für die Logik des Turniers: Sport als Sprache der Annäherung, Symbolik als Substanz-Ersatz.

Das Trikot trug nicht einmal die Merkmale eines offiziellen DFB-Fanartikels – kein Wappen auf der Rückseite, keine Nummer auf der Vorderseite. Die Beflockung wurde nachträglich in einem Sportgeschäft beauftragt. Der Sprecher der Bundesregierung bezeichnete es trotzdem als „Original Fan-Trikot". Das Absurde daran ist keine Kleinigkeit: Wer einem Staatsmann ein nicht ganz echtesErinnerungsstück schenkt und es als echt ausgibt, beschreibt damit ungewollt das Gesamtprojekt dieser WM – Authentizität als Kulisse.

„We are on the same team" als diplomatische Formel ist zudem kein Ausrutscher im Protokoll. Es ist eine bewusste Gleichsetzung. Merz, Regierungschef einer parlamentarischen Demokratie, signalisiert damit Teamzugehörigkeit mit einem Mann, dessen Regierung Human Rights Watch und Amnesty International in ihren WM-Briefings als strukturelle Bedrohung für Grundrechte benennen. Das wäre ohne das Turnier nicht möglich gewesen – der Ball liefert die Kulisse.


Die Medien und die Grenze, die immer wieder verschoben wird

Medienberichterstattung und Fan-Kultur tragen zur Politisierung bei, aber auf die unauffälligere Art. Nicht durch bewusste Propaganda, sondern durch das, was Übermedien und der Sportjournalist Ronny Blaschke seit Jahren beschreiben: die strukturelle Versuchung, den Sport von seiner politischen Umgebung zu trennen, weil das die Einschaltquote schützt.

Wer das Spiel zeigt und die Task Force weglässt, betreibt keine Neutralität. Er produziert Zustimmung durch Auslassung.

Die Fan-Kultur wiederum ist gespalten. Protest gibt es – iranische Fans, mexikanische Aktivistinnen, Menschenrechts-NGOs mit Bannern. Aber die Ticketpreise sind für normale Fans prohibitiv. Allein im Bereich Transport zählten soziale Medien fast 550.000 Erwähnungen von Frustration und Kostenkritik. Eine WM, bei der die Kurve fehlt und die Loge bleibt, ist eine WM, in der die Stimmen wegrationalisiert wurden, die den Politikern auf der Tribüne am unbequemsten wären.


Die eigentliche Frage

Wäre Sport ohne Politik reiner? Wahrscheinlich. Möglich? Nein. Das ist nicht das Problem.

Das Problem ist die gezielte Instrumentalisierung: ein Friedenspreis ohne Frieden, ein Teamtrikot ohne Teamgeist, ein Aktionsplan ohne Aktion. Die WM 2026 ist kein Fall, in dem Politik sich den Sport kauft – sie ist ein Fall, in dem Sport und Politik gemeinsam eine Inszenierung verkaufen und beide wissen, was sie tun.

Das Maß ist die Demokratieachse: Pressefreiheit, Versammlungsrecht, Schutz vulnerabler Gruppen, unabhängige Institutionen. An diesem Maß gemessen, ist die WM 2026 nicht nur kein Fortschritt. Sie ist ein Rückschritt mit Fanfaren.

Der Ball rollt. Der Vorhang fällt nicht. Aber wer genau hinschaut, sieht die Drähte.


Wäre doch schön, wenn sich beim nächsten Mal ein Verband oder ein Gastgeber bereit fände, die Menschenrechts-Aktionspläne nicht als Fußnote zu behandeln – sondern als Vorbedingung. Nicht weil es die bessere PR wäre. Sondern weil es der bessere Sport wäre.