Deutschland schleppte sich in Toronto gegen die Elfenbeinküste durch 60 Minuten, in denen wenig zusammenfand: die Offensive ideenarm, die Defensive zweimal durchbrochen, das 1:2 drohend. Dann kam Undav. Zwei Tore, Sieg, Achtelfinale. Dieses Muster ist inzwischen kein Zufall mehr – es ist eine Struktur.
Die Zahlen, nüchtern gelesen
Drei Tore, zwei Vorlagen in 56 Einsatzminuten über zwei WM-Spiele: Undavs Scorerquote liegt bei einem Toranteil alle rund elf Minuten. Das FIFA Power Ranking führt ihn nach zwei Partien als besten Angreifer des Turniers mit 9,22 Punkten – vor Lionel Messi (7,75 Punkte). Er ist der erste deutsche Spieler seit Miroslav Klose, der in seinen ersten beiden WM-Einsätzen jeweils traf.
Exakte xG-Werte (Expected Goals, die Summe der Torwahrscheinlichkeiten seiner Abschlüsse) lagen im Briefing nicht vor. Was sich aus den Quellen rekonstruieren lässt: Undav trifft charakteristisch mit wenigen Kontakten, spät im Spielzug, wenn der Gegner seine Absicherung bereits geordnet glaubt. Diese Abschlussqualität jenseits der reinen Chancenquantität ist schwer zu messen, aber im Ergebnis sichtbar.
Taktische Rolle: Der Raum-Dieb
Nagelsmann beschreibt Undav als „Vollblutstürmer, der weiß, wo das Tor steht". Das klingt nach Lob, ist aber auch eine taktische Verortung: Undav ist kein Kombinationsstürmer, der das Pressing organisiert oder Bälle festmacht. Er erkennt Lücken und stößt spät hinein. Wo Kai Havertz als nomineller Mittelstürmer im Pressing-System des deutschen Aufbauspiels Bindungsarbeit leistet – defensive Pressinglinie, Beteiligung im Kombinationsspiel –, funktioniert Undav anders. Er braucht müde Abwehrketten und offene Räume. Die entstehen gegen Ende von Spielen, wenn die Gegner nach vorne pressen.
Das erklärt Nagelsmanns Entscheidung für die Joker-Rolle, und es erklärt gleichzeitig deren Grenzen: Gegen Curaçao (7:1) und die Elfenbeinküste (2:1) hat das System funktioniert, weil Deutschland nach Rückstand oder Gleichstand unter Druck spielte. In der K.o.-Runde, gegen defensiv geordnetere Gegner, die von Beginn an tief stehen, ist nicht sicher, ob die Räume sich in der gleichen Frequenz öffnen werden.
Der Startelf-Streit
Bundestrainer Nagelsmann nennt sein Dilemma offen: Undav ist der formstärkste deutsche Angreifer. Wer ihn von Beginn an aufstellt, verliert ihn als Joker. Wer ihn nicht aufstellt, sitzt unter wachsendem öffentlichen Druck.
Die BILD forderte nach dem Elfenbeinküste-Spiel kategorisch, Undav müsse nun immer spielen. Experten ziehen Vergleiche zu Gerd Müller. Der frühere Nationalspieler Per Mertesacker lobt seinen „anderen Karriereweg" – Undav spielte über Jugendfußball und Amateurstationen in Dänemark und England, bevor er beim VfB Stuttgart in der Bundesliga ankam, kein Direktprodukt eines Nachwuchsleistungszentrums.
Das stärkste Argument für die Joker-Rolle ist dieses: Ein Starter-Undav käme in 70 Minuten mit ermüdeten Abwehren in Berührung und würde damit weniger effizient sein als ein Joker-Undav in 30 Minuten mit müden Abwehren. Die bisherige Datenlage – fünf Scorerpunkte in 56 Minuten – entstand genau unter Joker-Bedingungen. Das zu verwerfen, wäre riskant.
Das Gegenargument ist nicht weniger stark: In K.o.-Spielen, die über 90 Minuten eng bleiben oder in die Verlängerung gehen, braucht Deutschland ein Mittelstürmerprofil, das das Spiel trägt, nicht nur abschließt. Ob Undav das über 90 Minuten gegen eine gut organisierte Hintermannschaft leisten kann, hat Nagelsmann bislang nicht ausprobiert.
Der Maßstab: Was von der Gruppe in die K.o.-Runde trägt
Deutschland hat die Gruppe E als Erster abgeschlossen. Das 7:1 gegen Curaçao lieferte Schwung, das 2:1 gegen die Elfenbeinküste lieferte Zittern und Undav als Problemlöser. Beides zusammen ist noch keine belastbare Grundlage für Prognosen in der K.o.-Runde.
Die Effizienz-Frage wird größer, nicht kleiner: Die Effizienzschwäche des deutschen Sturmzentrums vor Undavs Einwechslung – ein Thema, das sich durch beide Gruppenspiele zog – ist keine Schwäche, die ein Joker dauerhaft überdecken kann. Wenn Havertz in Spielen gegen körperlich präsente Abwehren weniger Räume findet und die Außenstürmer Wirtz und Sané nicht ihre beste Form abrufen, braucht Deutschland einen Plan B für 90 Minuten, nicht nur für 30.
Nagelsmanns Entscheidung für oder gegen Undav in der Startelf ist deshalb mehr als eine Personalfrage. Sie ist eine Aussage darüber, welches System er der deutschen Elf in der K.o.-Runde zutraut: den Gegner zermürben und dann Undav schicken – oder von Beginn an über Undavs Instinkte ins Spiel kommen und das Risiko eingehen, seinen entscheidenden Trumpf früh zu verbrauchen.
Die Zahlen sprechen für Undav. Die Taktik stellt die Frage, in welchem Rahmen sie das tun.
