Das Mozarteum Salzburg brauchte keinen langen Anlauf zur Bestätigung – Armin Brinzing, Direktor der Bibliotheca Mozartiana, erklärte den Fund für authentisch. Was Goy aus dem Regal gezogen hatte, war ein Unterrichtsheft aus dem Pariser Sommer 1778: sieben Stücke für Flöte und Harfe, Kompositionsübungen, insgesamt etwa 20 Minuten Musik – und auf den letzten sechs Seiten: nichts.

Das Nichts am Ende ist der erste Befund, der zählt.

Was das Papier verrät – und was es verschweigt

Die Echtheitsprüfung folgte zwei parallelen Spuren. Erstens die Handschrift: Spezialisten verglichen Mozarts spezifische Violinschlüssel und ungewöhnliche Bassschlüssel mit gesicherten Manuskripten und fanden die charakteristischen Merkmale übereinstimmend. Zweitens das Material: Das Papier wurde als französisch identifiziert und passt in die Datierung auf Mai bis Juli 1778 – Mozarts letzten Aufenthalt in Paris.

Was die Provenienzforschung nicht mehr herstellen kann, ist die Lücke zwischen 1778 und dem Moment, als das Heft in den Bestand der Nationalbibliothek überging. Das Manuskript wurde während der Französischen Revolution beschlagnahmt; wie und von wem, bleibt unklar. Für die Authentizität ist das folgenlos – für die Vollständigkeit der Geschichte ist es eine offene Flanke. Manuskripte dieser Art wandern, verschwinden, tauchen wieder auf: Die Überlieferungsgeschichte eines Blattes ist selten so geradlinig wie die Notenlinien darauf.

Paris, 1778 – und eine Schülerin mit beschränkten Mitteln

Mozart war 22, als er im Mai 1778 zum dritten und letzten Mal nach Paris reiste. Die Reise stand unter keinem guten Stern: Die erhoffte Anstellung blieb aus, die Mutter erkrankte und starb im Juli in Paris. Parallel unterrichtete er Marie-Louise-Philippine de Bonnières de Guînes, die Tochter des Duc de Guînes – eine junge Adlige, die Harfe spielte und auf Wunsch ihres Vaters auch Komposition lernen sollte.

Die Quellen sind sich uneinig darüber, wie talentiert sie war. Die zeitgenössische Einschätzung – und Mozarts eigene Briefe an seinen Vater Leopold deuten in diese Richtung – legt eher bescheidene kompositorische Mittel nahe. Das neue Manuskript zeigt beide Handschriften: die des Lehrers, der vorgibt und korrigiert, und die der Schülerin, die notiert und versucht. Die letzte Übung blieb unvollendet. Am 26. Juli 1778 heiratete Marie-Louise-Philippine de Guînes – die Unterrichtsstunden endeten damit abrupt. Sechs leere Seiten, dann Buchdeckel.

Für die Forschung ergibt sich daraus ein seltenes Dokument: kein Werk, das Mozart für die Nachwelt schrieb, sondern Unterrichtsmaterial, das er für eine konkrete Schülerin mit konkreten Grenzen entwickelte. Das ist musikhistorisch interessanter als ein weiteres Konzertstück.

Mozarts Harfenambivalenz – und was sie für das Stück bedeutet

Mozart mochte die Harfe nicht. Das ist keine Spekulation, sondern Brieflage: In Korrespondenz mit seinem Vater äußerte er sich abfällig über das Instrument und über den französischen Musikgeschmack generell. Die Harfe galt ihm als schwierig zu handhaben, die Kombination mit der Flöte als besonders widerspenstig.

Was er trotzdem schrieb, ist bemerkenswert präzise in seiner Widersprüchlichkeit. Das Konzert für Flöte und Harfe in C-Dur, KV 299, entstand 1778 in Paris – ebenfalls für den Duc de Guînes und seine Tochter, vermutlich kurz vor oder parallel zu den Unterrichtsstunden. KV 299 ist das einzige Werk Mozarts, das die Harfe als gleichberechtigtes Soloinstrument behandelt; es wird bis heute regelmäßig aufgeführt. Der Komponist, der ein Instrument ablehnte, schrieb dafür eines seiner zugänglichsten Konzerte.

Das neue Manuskript ergänzt dieses Bild um eine Unterrichtsperspektive. Die sieben Stücke sind kürzer und schlichter als KV 299 – das liegt in der Natur des pädagogischen Auftrags. Ein Lehrer komponiert nicht für die Konzertsaison, sondern für die nächste Stunde. Inwieweit die Stücke Mozarts pädagogischen Ansatz systematisch spiegeln oder einfach situative Übungen waren, lässt das Manuskript offen: Die Kompositionsübungen dokumentieren den Prozess, nicht die Theorie dahinter.

Die Harfe von 1778 und die Harfe von heute

Wer die Stücke heute aufführen will – die Uraufführung fand am 21. Juni 2026 in Paris statt –, steht vor einem Instrumentenproblem. Im späten 18. Jahrhundert war die Pedalharfe in Paris verbreitet, aber nicht in ihrer heutigen Form. Die damaligen Instrumente arbeiteten mit Einfachpedalmechanik: Jedes Pedal konnte eine Saite um einen Halbton erhöhen, nicht um zwei. Die Doppelpedalharfe, die heute im Konzertsaal steht, wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Sébastien Érard entwickelt.

Das ist keine bloß organologische Fußnote. Die harmonischen Möglichkeiten der damaligen Harfe waren schmaler. Mozart schrieb – auch in KV 299 – mit Blick auf diese Einschränkungen; das Konzert bleibt großenteils in Tonarten, die auf der Einfachpedalharfe ohne Kompromisse spielbar sind. Ob das neue Manuskript ähnliche Rücksichten zeigt, lässt sich aus dem Briefing noch nicht abschließend sagen – das ist eine offene Frage für die editionswissenschaftliche Aufarbeitung. Aufführungspraktiker werden entscheiden müssen, ob sie auf historischen Instrumenten spielen, auf modernen Harfen mit entsprechender Vorsicht bei den Pedalwechseln, oder ob die Stücke so schlicht gehalten sind, dass die Frage sich praktisch nicht stellt.

Was der Fund für die Forschung verschiebt

Der Köchel-Verzeichnis-Kanon wächst selten. Mozart starb mit 35, sein Werk ist engmaschig dokumentiert, die Forschung arbeitet seit Jahrzehnten an Lücken, die kleiner werden. Ein Fund wie dieser ist deshalb keine Randnotiz.

Er verschiebt allerdings nicht das Bild des Genies, sondern das Bild des Lehrers. Mozart als Pädagoge ist in der Forschung unterbelichtet – seine Unterrichtstätigkeit gilt als Nebenerwerb, nicht als eigenständiges Feld. Das neue Manuskript zeigt ihn bei einer Arbeit, die er nach eigenem Bekunden wenig schätzte, für eine Schülerin, deren Mittel begrenzt waren, in einer Stadt, die ihm keinen Auftrag gab, für den er nach Paris gereist war. Dass unter diesen Bedingungen Material entstand, das 248 Jahre später als wissenschaftliche Sensation gehandelt wird, sagt etwas über die Dichte seines handwerklichen Reflexes – und über die Zufälligkeit dessen, was überliefert wird.

Die offenen Seiten am Ende des Hefts bleiben offen. Was Mozart in der achten oder neunten Stunde unterrichtet hätte, wäre Marie-Louise-Philippine nicht am 26. Juli 1778 zum Traualtar gegangen – das weiß niemand. Was das Heft aber schon jetzt liefert: einen direkten Blick in den Unterrichtsraum eines der produktivsten Handwerker der Musikgeschichte, inklusive der Stellen, an denen er aufgehört hat zu schreiben.