Jebsens Finanzströme sind entweder bewusst verschleiert oder auf Strukturen verlagert, die keiner öffentlichen Buchprüfung unterliegen.
Von RBB zu apolut: die Infrastruktur
Kayvan Soufi-Siavash, Jahrgang 1971, moderierte ab 2001 für den zum Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) gehörenden Sender Fritz die Sendung KenFM. 2011 entließ ihn der RBB wegen antisemitischer Äußerungen in einer privaten E-Mail. Was folgte, war kein Karriereende, sondern eine Reinvestition: Jebsen übernahm den Sendungstitel als Marke, baute ihn zum Internetportal aus und rief 2012 zum Crowdfunding auf – Ziel waren 100.000 Euro Jahresbudget aus 5.000 Spendern à 20 Euro.
Bis Ende 2016 beschäftigte KenFM nach eigenen Angaben fünf feste Mitarbeiter und rund 20 freie Autoren, finanziert ausschließlich über Spenden. Im November 2020 sperrte YouTube den Kanal dauerhaft wegen wiederholter COVID-19-Falschinformationen; seit Mai 2020 hatte YouTube bereits die Werbeeinnahmen des Kanals eingefroren. Damit brach eine Erlösquelle weg, die laut Anonymous für jeden Euro Jebsens 80 Cent für YouTube abwarf. Im Sommer 2021 ersetzte apolut.net den Mutterkanal; eine GmbH trägt seitdem die operative Verantwortung, die genauen Leitungsstrukturen sind jedoch nicht öffentlich bekannt. Seit 2023 tritt Jebsen unter dem Label „Soufisticated“ auf, 2024 rief er öffentlich zur Wahl der AfD auf.
Die Finanzierungsarchitektur – soweit rekonstruierbar
Drei Quellen lassen sich benennen, eine vierte bleibt teils spekulativ.
Spenden in Fiat-Währung: Bis 2019 flossen laut dem Hackerkollektiv Anonymous, das 2021 die KenFM-Website kompromittierte, rund 38.000 Euro in Euro-Spenden. Anonymous veröffentlichte Daten von rund 39.000 Nutzern und über 1.000 Spendern. Die Angaben stammen aus gehackten Datenbeständen und sind nicht durch unabhängige Buchprüfer verifiziert – sie sind belastbar als Mindestgröße, nicht als Gesamtbild.
Bitcoin-Spenden: Seit dem Umstieg auf Kryptowährung 2019 ermittelte die Bundesarbeitsgemeinschaft „Gegen Hass im Netz“ (Projekt von Das Nettz) per Telegram-Analyse rund 2.800 Krypto-Transaktionen mit einem Gesamtwert von umgerechnet 759.000 Euro zwischen 2017 und 2023 – allerdings für ein Netzwerk mehrerer Akteure, zu dem neben Jebsen auch Michael Ballweg (Querdenken) und Heiko Schrang zählen. Anonymous schätzte allein die auf Jebsen entfallenden Bitcoin-Eingänge zwischen September 2019 und Juni 2021 auf rund 200.000 Euro. Krypto-Adressen sind öffentlich einsehbar, die Zuordnung zu realen Empfängern bleibt jedoch oft Interpretationssache.
YouTube-Werbeeinnahmen (bis Mai 2020): Über die Höhe der YouTube-Erlöse existieren keine publizierten Zahlen. Das Einfrieren der Werbung ab Mai 2020 und die Komplettsperre im November 2020 beendeten diese Quelle.
Offshore-Strukturen: Recherchen legen nahe, dass Jebsen Geschäftsaktivitäten über ein Netzwerk aus Steueroasen und Briefkastenfirmen ins Ausland verlagert, um sich dem Zugriff deutscher Behörden zu entziehen. Belastbare Registereinträge oder Dokumentenleaks sind in den ausgewerteten Quellen jedoch nicht hinterlegt.
Was fehlt, ist ebenso aufschlussreich wie was vorliegt: Veröffentlichte Jahresabschlüsse der apolut-GmbH wurden in keiner der ausgewerteten Quellen zitiert. Die gesetzliche Veröffentlichungspflicht der GmbH gegenüber dem Bundesanzeiger besteht – ob die Pflicht erfüllt wurde und welche Zahlen dort stehen, ist aus dem Briefing nicht zu entnehmen.
Narrative und ihre Monetarisierungslogik
Jebsens Themenpalette folgt einer auffälligen ökonomischen Mechanik: Angst und Empörung konvertieren zu Spenden. Kernnarrative sind Impfskepsis, Medien- und Regierungskritik, westliche Geopolitik (mit russlandnahem Einschlag) und seit 2024 offene AfD-Sympathien.
Die Russland-Nähe ist keine Randnotiz: Jebsen reiste mehrfach nach Moskau und unterhält nach vorliegenden Recherchen Kontakte zu Ivan Rodionov und Alexander Malkevich, beide Akteure im russischen Staatsmedien-Apparat. Ob daraus Zahlungsflüsse folgen, ist nicht dokumentiert; die inhaltliche Ausrichtung deckt sich gleichwohl mit Narrativen, die russische Staatsmedien seit 2014 verbreiten.
Innerhalb Deutschlands positionierte Jebsen sich 2014 bei den „Mahnwachen für den Frieden“, 2020 auf „Querdenken“-Demonstrationen. Der Verfassungsschutz Berlin führt KenFM seit März 2021 als Verdachtsfall mit der Begründung, die Plattform trage zur Radikalisierung der Querdenker-Szene bei und verbreite Verschwörungsmythen sowie Falschinformationen. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg leitete ein Verfahren wegen Verstößen gegen die journalistische Sorgfaltspflicht ein, stellte es im Oktober 2021 aber ein – KenFM existierte zu diesem Zeitpunkt formal nicht mehr. Ob ein Verfahren gegen apolut.net folgt, ist aus den vorliegenden Quellen nicht abschließend zu klären.
Die Effizienz-Achse dieses Befunds ist ernüchternd: Ein Akteur, den Marktplatzbeschränkungen (YouTube-Sperre), Behördenverfahren (MABB) und Geheimdienstbeobachtung (Verfassungsschutz Berlin) gleichzeitig treffen, hat sein Geschäftsmodell schlicht auf parallele, schwerer greifbare Infrastruktur umgestellt – Kryptowährungen, GmbH-Mantel, Offshore-Andeutungen, neue Domain. Die regulatorischen Instrumente greifen jeweils an einem Punkt, während der nächste bereits betrieben wird.
Das GLS-Bank-Konto, das Jebsen trotz öffentlicher Kritik eingeräumt wurde, ist ein Randdetail – symptomatisch allerdings für eine Regulierungslücke: Wer als Verdachtsfall des Verfassungsschutzes gilt, verliert deshalb nicht automatisch seinen Anspruch auf ein Bankkonto.
Einordnung: Effizienz des Geschäftsmodells
Ken Jebsens Operation ist aus betriebswirtschaftlicher Perspektive bemerkenswert widerstandsfähig. Eine Plattformsperre, ein Verfassungsschutzvermerk, ein abgebrochenes Medienverfahren, ein Hackerangriff mit Datenpublikation – und das Geschäftsmodell läuft weiter, weil die Finanzierung der Infrastruktur folgt, nicht umgekehrt. Community-Spenden, anonym über Krypto, mit einem Konto bei einer Ethikbank und einer GmbH-Hülle, die keine Jahresabschlüsse in den Schlagzeilen hinterlässt: Das ist keine Improvisation, das ist Systemdesign.
Was fehlt für eine abschließende Bewertung, ist ein Bundesanzeiger-Auszug der apolut-GmbH. Wer ihn prüft, findet entweder Zahlen, die das Bild vervollständigen – oder eine Lücke, die das Bild ebenfalls vervollständigt.
