Die Frage ist falsch gestellt. Das Problem ist, dass Sport und Politik nie getrennt waren – und wir nur dann aufschreien, wenn es uns auffällt.
Was ist das stärkste Argument für solche symbolischen Gesten? Diplomatie braucht Anknüpfungspunkte. Ein Fußballtrikot öffnet Türen, die ein Außenministeriumsbrief verschlossen lässt. Völkerverständigung begann immer mit dem Austausch des Alltäglichen – und was ist alltäglicher als Fußball? Wer internationale Beziehungen ausschließlich in Noten und Protokollen denkt, verliert das menschliche Element. So weit das Argument. Es ist nicht falsch. Es ist nur unvollständig.
Denn die Geste ist keine neutrale. Sie ist Kulisse.
Das Spielfeld der Inszenierung
Trump nutzt Sport systematisch als Bühne nationaler Selbstdarstellung. Die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko – die erste mit 48 teilnehmenden Nationen, ausgetragen vom 11. Juni bis 19. Juli – ist für ihn kein Fußballturnier. Sie ist ein Propagandainstrument mit Rasenbelag. Infantino verstand das und schuf ihm einen Preis, der in keinem FIFA-Statut steht.
Das ist keine politische Färbung des Sports. Das ist die Umkehrung: Der Sport wird zum Requisit der Politik.
Diese Logik ist alt. Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin boten dem NS-Regime eine Weltbühne, auf der Sportleistung als Rassenüberlegenheit verkauft wurde. 1980 und 1984 verwandelten der Kalte Krieg und seine Boykottrunden Athletinnen und Athleten in Schachfiguren ideologischer Auseinandersetzungen, die sie selbst nicht gewählt hatten. 1968 in Mexiko-Stadt reckten Tommie Smith und John Carlos die Faust – nicht um den Sport zu politisieren, sondern um ihn als Plattform zu nutzen, weil alle anderen Plattformen ihnen verschlossen waren.
Der Unterschied zwischen diesen Gesten: Wer nutzt den Sport, und für wen?
Das Kriterium – und warum es zählt
Das Bewertungskriterium dieses Kommentars ist ein demokratisches: Instrumentalisierung ist legitim, wenn sie Stimmlosen eine Plattform gibt. Sie ist illegitim, wenn sie Mächtigen eine Bühne baut, die sie ohnehin schon haben.
Smith und Carlos hatten keine Bühne. Trump und Infantino sind die Bühne.
Die Administration von Trump wird von Amnesty International wegen ihrer Politik kritisiert, die Menschenrechte gefährden könnte. Human Rights Watch beschreibt das Turnier als potenzielle „Menschenrechtskatastrophe“ – mit Blick auf Einwanderungspolitik und die Lage von LGBTQI+-Personen in den USA. DFB-Vizepräsident Oke Göttlich forderte öffentlich eine Boykottdebatte. Die Bundesregierung lehnte ab: Der Sport dürfe nicht instrumentalisiert werden.
Der Satz hat die Halbwertszeit eines Streichholzes.
Was „Völkerverständigung“ wirklich bedeutet
41 Prozent der deutschen Bevölkerung interessieren sich für die WM 2026, bei den unter 35-Jährigen liegt der Wert deutlich höher. Das Turnier hat echte Kraft: als Gesprächsstoff, als Gemeinschaft, als flüchtiges Wir. Diese Kraft ist real – und genau deshalb so begehrt.
Der Sport verbindet tatsächlich. Aber er verbindet nicht automatisch die Richtigen für die richtigen Gründe.
Die FIFA rechnet mit Einnahmen von über elf Milliarden Dollar über den WM-Zyklus. In Brasilien gingen 2013 Menschen auf die Straße, weil Stadien gebaut wurden, während Schulen verrotteten. In Katar 2022 wurden Fans wegen Regenbogenfarben schikaniert. Das Menschenrechtskonzept, das die FIFA seitdem entwickelte, ist ein Dokument. Seine Umsetzung ist eine andere Frage.
Wer den Sport als Brücke rühmt, muss sagen: Brücke zwischen wem? Und über welchem Abgrund?
Eine Frage der Ehrlichkeit
Eine Geste wie ein verliehener Preis trägt keine Botschaft der Völkerverständigung. Sie trägt die Botschaft: Wir wollen gute Beziehungen zu diesem Mann, auch wenn er Institutionen baut, die Menschen ausschließen. Das ist eine diplomatische Entscheidung, die man treffen kann. Man sollte sie dann aber auch so nennen.
Der Sport hat kein Integritätsproblem. Er hat ein Ehrlichkeitsproblem. Solange Verbände, Politiker und Regierungen den Sport als neutralen Raum beschwören, während sie ihn gleichzeitig als Bühne benutzen, ist die Frage nicht: Wann hört der Sport auf, Politik zu sein? Die Frage ist: Wann hören sie auf, so zu tun, als ob er es nicht wäre?
Das wäre eine Antwort, die Oke Göttlich gefallen dürfte. Und eine, die Gianni Infantino keinen Preis wert ist.
