Am 28. Juni wählt Graz, und die Umfragen zeigen etwas, das im europäischen Politikbetrieb fast nicht vorkommt: Eine kommunistische Partei führt — nicht in einer abgehängten Industrieruine, sondern in einer wohlhabenden österreichischen Landeshauptstadt mit Universität, Technologiefirmen und Tourismus. Die KPÖ könnte laut einer Umfrage im Auftrag der „Kleinen Zeitung" auf rund 31 Prozent kommen, nach 28,8 Prozent 2021; in einer fiktiven Direktwahl der Bürgermeisterin läge Kahr bei etwa 43 Prozent. Seit Herbst 2021 ist sie Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt. Das „K" im Parteinamen, anderswo ein Stigma, ist hier kein Hindernis.
Das Rezept beginnt nicht bei Marx, sondern beim Telefon. Seit 1992 betreibt die Grazer KPÖ einen „Mieternotruf", eingeführt von Kahrs Vorgänger Ernest Kaltenegger: Er prüft Mietverträge und Betriebskostenabrechnungen, hilft bei Kautionsrückzahlungen, bei Schikanen von Vermietern, bei drohenden Delogierungen. Kahrs Telefonnummer steht in jeder Ausgabe der Parteizeitung. „Helfen statt reden" ist kein Plakatslogan, sondern eine Arbeitsanweisung. Wer ein konkretes Problem hat, bekommt einen konkreten Menschen ans Telefon — kein Formular. Das ist, nüchtern betrachtet, exzellente kommunale Sozialarbeit im Parteigewand.
Der zweite Baustein ist Selbstbeschränkung, und sie ist der eigentliche Hebel. KPÖ-Mandatare behalten von ihren Bezügen nur einen gedeckelten Betrag — in der Größenordnung von rund 2.000 Euro im Monat — und führen den Rest in einen Sozialfonds ab, aus dem in Not geratenen Grazerinnen und Grazern direkt geholfen wird. Kahr selbst hat über die Jahre nach eigener Angabe rund eine Million Euro ihres Gehalts abgegeben. Das ist mehr als Symbolik: Es zieht den Verdacht aus dem Verkehr, der fast jeder Berufspolitik anhaftet — dass es am Ende doch um den eigenen Vorteil geht. Wer nichts zu holen hat, dem glaubt man die Uneigennützigkeit.
Drittens: ein Thema, an dem die Partei zwei Jahrzehnte drangeblieben ist. Über fünfzehn Jahre verantwortete die KPÖ das Grazer Wohnungsressort; zwischen 2008 und 2017 entstanden rund 1.149 neue Gemeindewohnungen, dazu ein Kautionsfonds für jene, die die Kaution nicht aufbringen. Während andere Parteien das Wohnen den Märkten überließen, hat die KPÖ es zur Identitätsfrage gemacht — und in der Sache geliefert. Kontinuität schlägt Kampagne: Kaltenegger baute das Modell, Kahr führt es weiter, die Handschrift blieb über Jahrzehnte erkennbar.
Damit ist die Frage der Leserin beantwortbar: Das Rezept ist keine kommunistische Wirtschaftsordnung, sondern eine Methode — sichtbar dienen, glaubhaft verzichten, an einem Thema drankleiben. Es ist, ehrlicherweise, eine Methode, die jede Partei kopieren könnte; sie verlangt nur das, was im Betrieb am seltensten ist: Demut und Geduld. Genau hier liegt auch die Grenze. Das Modell ist an Personen und an eine Stadt gebunden. Im Bund bleibt die KPÖ unter „ferner liefen"; selbst der Achtungserfolg in Salzburg 2023 änderte daran wenig. Und die 540 Millionen Euro, die Kahr nach eigener Darstellung in dieser Periode in vernachlässigte Infrastruktur investiert hat, werfen die Frage auf, wie dauerhaft sich ein angespannter kommunaler Haushalt das leisten kann. Wer das Grazer Modell verklärt, übersieht, dass Daseinsvorsorge auch bezahlt werden muss.
Bleibt die Frage, warum das Rezept so selten kopiert wird, wenn es doch so einfach klingt. Die Antwort ist unbequem: Jeder einzelne Baustein verlangt einen Verzicht, den der reguläre Politikbetrieb scheut. Der Gehaltsdeckel ist für eine Berufslaufbahn, die von Bezügen und Versorgungsansprüchen lebt, schlicht undenkbar. Die Dienstleistungsarbeit — Mietverträge prüfen, Kautionen eintreiben, am Sonntag ans Telefon gehen — ist undankbar, unsichtbar und produziert keine Schlagzeilen. Und die Disziplin, jahrzehntelang an einem Thema zu bleiben, widerspricht dem Reflex, täglich dem nächsten Aufreger hinterherzulaufen. Das Grazer Modell ist nicht geheim; es ist nur anstrengend. Genau deshalb bleibt es selten.
Auch das Etikett führt eher in die Irre, als dass es erklärt. Wer Kahr wählt, wählt selten den Klassenkampf, sondern die Kümmerin — jemanden, der sich zuständig fühlt, wo das Amt sich eigentlich für unzuständig erklärt. In dieser Lesart ist die Grazer KPÖ weniger eine kommunistische Partei als die letzte konsequente Sozialdemokratie des Landes: das alte Versprechen, an der Seite der kleinen Leute zu stehen, eingelöst mit der Hartnäckigkeit einer Hausverwaltung. Dass ausgerechnet eine Partei mit dem schwierigsten aller Namen dieses Versprechen glaubwürdiger verkörpert als jene, die historisch dafür gegründet wurden, ist die eigentliche Pointe — und eine Mahnung an alle anderen.
Am 28. Juni steht damit mehr auf dem Spiel als ein Rathaus. Kahr hat angekündigt, nur weiterzumachen, wenn die KPÖ stärkste Kraft bleibt und die Bürgermeisterin stellt — andernfalls zieht sie sich zurück. Das macht die Wahl zum Test, ob das Modell die Person überdauert oder mit ihr endet. Verliert die KPÖ die Spitze, verliert Graz nicht nur eine Bürgermeisterin, sondern womöglich das Experiment selbst; bleibt sie vorn, ist erstmals seit Langem belegt, dass sich servicenahe, bescheidene Politik nicht nur einmal, sondern dauerhaft auszahlt.
Trotzdem bleibt der Kern lehrreich, und er reicht weit über Graz und über die Parteifarbe hinaus. Vertrauen entsteht nicht aus dem richtigen Etikett, sondern daraus, dass jemand ans Telefon geht, wenn es brennt, und nicht mehr nimmt, als er braucht. Stellen wir uns vor, mehr Kommunalpolitik würde so gedacht — als erreichbarer Dienst statt als Karriereleiter: Es wäre kein schlechter Tag für die Demokratie, wenn das ansteckend würde.
