Was die Biografie dahinter enthält, ist komplizierter.

Aufstieg: Der Jurist aus dem Hochsauerland

Sensburg wurde 1971 in Meschede geboren, studierte Rechtswissenschaften, promovierte und habilitierte sich im öffentlichen Recht. Seit 2022 ist er Professor für Öffentliches Recht und Europarecht an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen. Von 2009 bis 2021 saß er für die CDU im Bundestag, verankert im Wahlkreis Hochsauerland. Seine Nische: Sicherheitspolitik, Geheimdienste, Recht. Vom April 2014 an leitete er den NSA-Untersuchungsausschuss – das Gremium, das die Überwachungsaffäre um Edward Snowden und den amerikanischen Geheimdienst aufarbeiten sollte. Es war die exponierte Bühne eines Aufsteigers.

Dann, im Dezember 2014, zerbrach diese Bühne zum ersten Mal.

Der Vorfall: Was Sensburg zugab, was er bestritt

Am 15. Dezember 2014 erstattete Sensburgs damalige Lebensgefährtin Strafanzeige wegen Körperverletzung. Laut ihren Angaben hatte er sie in seiner Berliner Wohnung geschlagen, gewürgt, an die Wand und auf den Boden geworfen und schließlich aus der Wohnung gestoßen. Eine ärztliche Untersuchung dokumentierte Prellungen und Verletzungen am Kiefer; Polizeifotos sollen Rötungen und Schwellungen im Gesicht der Frau gezeigt haben. Die BILD-Zeitung berichtete über die Vorwürfe mit erheblicher Detailtiefe und verwies auf die Fotos als Beweisstück.

Sensburg bestritt Schläge und Würgen. Er räumte aber ein, die Frau an den Armen gepackt und sie rabiat aus der Wohnung geworfen zu haben, um ein Gespräch zu beenden. Das ist die Version, die er öffentlich vertrat.

Anfang Januar 2015 zog die Frau die Anzeige zurück. Als Begründung nannte sie, Sensburg nicht schaden zu wollen; später wurde berichtet, das Paar habe sich verlobt. Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelte dennoch weiter – gestützt auf die ärztlichen Atteste und die Fotodokumentation. Am 27. Januar 2015 hob der Bundestag Sensburgs Immunität auf. Im Juli 2015 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen ihn ein. Parallel leiteten die Behörden ein Ermittlungsverfahren gegen die ehemalige Lebensgefährtin wegen Falschaussage und falscher Verdächtigung ein; dessen Ausgang ist aus den vorliegenden Quellen nicht abschließend dokumentiert.

Was dieser Befund bedeutet – und was er nicht bedeutet

Das stärkste Argument für Sensburg lautet: Die Justiz hat das Verfahren eingestellt. Wer einen Rechtsstaat ernst nimmt, respektiert diesen Ausgang. Die Anzeige wurde zurückgezogen; die Staatsanwaltschaft sah keinen hinreichenden Tatverdacht, um Anklage zu erheben. Ein eingestelltes Verfahren ist kein Freispruch, aber auch kein Schuldspruch.

Allerdings bleiben Lücken, die sich juristisch nicht schließen lassen. Sensburg hat selbst eingeräumt, eine Frau körperlich aus einer Wohnung befördert zu haben. Die ärztliche Dokumentation zeigt Verletzungen. Ob die Verletzungen kausal auf das eingeräumte Handeln, auf mehr oder auf weniger zurückzuführen sind, hat die eingestellte Ermittlung nicht öffentlich aufgelöst. Diese faktische Unklarheit ist kein Versagen des Rechtsstaats – sie ist sein normaler Befund bei zurückgezogener Anzeige ohne Strafverfolgung bis zum Urteil.

Die politische Konsequenz war begrenzt: Sensburg trat im Januar 2015 als CDU-Kreisvorsitzender im Hochsauerlandkreis zurück. Seinen Sitz im Bundestag behielt er. Seine Rolle als Vorsitzender des NSA-Untersuchungsausschusses behielt er ebenfalls – er leitete das Gremium bis 2017.

Effizienz der parteiinternen Reaktion: Minimal

Gemessen an der Effizienz-Achse – verstanden nicht nur als Verwaltungsleistung, sondern als institutionelle Reaktionsfähigkeit – fiel die parteiinterne Antwort auf den Vorfall schmal aus. Ein Rücktritt von einem lokalen Ehrenamt, keine parlamentarischen Konsequenzen, keine öffentliche Auseinandersetzung der Fraktion mit dem Fall. Ob das angemessen war, hängt davon ab, ob man den rechtlichen Ausgang oder den öffentlich dokumentierten Sachverhalt für maßgeblich hält. Beides ist eine legitime Position – aber man sollte wissen, welche man einnimmt.

Im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021 platzierte die NRW-CDU Sensburg auf Listenplatz 65. Das ist kein Ehrenplatz; er schied nach der Wahl aus dem Bundestag aus. Ob der Vorfall von 2014 dabei eine Rolle spielte, ist aus den vorliegenden Quellen nicht belegbar. Was belegbar ist: Sensburg hatte im Bundestag eine klar konservative Spur hinterlassen, darunter eine Gegenstimme bei der Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe 2017.

Leben nach dem Bundestag: Der Reservistenverband als neue Bühne

Seit 2019 – noch vor seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 2021 – ist Sensburg Präsident des Verbands der Reservisten der Deutschen Bundeswehr. Das Amt passt zur Biografie: Er ist Oberst der Reserve, Jurist, Sicherheitspolitiker. In dieser Rolle tritt er seither als einer der lautesten Fürsprecher einer wiedereingeführten Wehrpflicht auf. Im Tagesspiegel-Interview vom März 2024 bekräftigte er seine Position, dass Deutschland seine Durchhaltefähigkeit im Bündnisfall substanziell stärken müsse. Auf YouTube trat er im März 2024 erneut mit dieser Botschaft auf.

Parallel ist er seit Mitte 2021 stellvertretender Bundesvorsitzender der Christdemokraten für das Leben – eine Organisation, die sich gegen Abtreibung positioniert. Das schärft sein konservatives Profil weiter, ohne überraschend zu wirken.

Eine politisch unerwartete Positionierung: 2019 bezeichnete Sensburg die AfD gegenüber Business Insider als „in weiten Teilen verfassungsfeindliche Partei“ und forderte ihre Überwachung durch den Verfassungsschutz. Das ist kein Satz aus dem Repertoire eines Mitläufers, sondern ein Satz mit institutionellem Gewicht – gesprochen von jemandem, der den NSA-Untersuchungsausschuss geleitet hatte und weiß, was Verfassungsschutz-Einstufungen bedeuten.

Was bleibt

Sensburg ist kein Parteipolitiker im parlamentarischen Betrieb mehr. Er ist ein öffentlicher Intellektueller der konservativen Sicherheitspolitik: Professor, Verbandspräsident, Gastautor auf sicherheitspolitischen Plattformen. Der Vorfall von 2014 hat seinen Aufstieg gebremst, aber nicht gestoppt. Er hat ihn aus dem parlamentarischen Zentrum herausgedrückt – und in eine institutionelle Nische, in der er heute störungsfreier agiert als in einer Bundestagsfraktion.

Die offene Frage ist nicht, ob die Affäre 2014 ihn verfolgt – Recherchen und Medienberichte greifen sie regelmäßig auf, dieser Text eingeschlossen. Die offene Frage ist, ob seine Arbeit im Reservistenverband und in der Wehrpflichtdebatte eine eigene politische Fallhöhe aufgebaut hat, die groß genug ist, um darüber diskutiert zu werden – oder ob er in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem der Mann aus der BILD vom Januar 2015 bleibt.

Beides ist möglich. Welches zutrifft, entscheidet sich daran, ob die Wehrpflichtdebatte ein politisches Gewicht bekommt, das Sensburg als Referenzfigur trägt. Das Fenster dafür ist offen: Die sicherheitspolitische Lage in Europa hat das Thema 2024 wieder in den Bundestag gebracht. Sensburg sitzt diesmal nicht drin.