TrainerRoad, Rouvy und MyWhoosh kämpfen um denselben Bildschirm im Keller. Und dahinter steht ein Markt, der nach Einschätzung mehrerer Marktforschungsunternehmen strukturell wächst – nicht nur als Pandemie-Reflex, sondern wegen veränderter Trainingsgewohnheiten, günstigerer Hardware und Software, die besser geworden ist.
Wie groß dieser Markt ist und wie verlässlich die Prognosen sind, verdient einen genauen Blick.
Was die Zahlen sagen – und was sie verschweigen
Marktforscher schätzen den globalen Markt für Indoor-Cycling-Software für 2025 auf rund 231,84 Millionen US-Dollar; bis 2035 soll er auf 533,71 Millionen US-Dollar wachsen, bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 8,7 % zwischen 2026 und 2035. Andere Erhebungen kommen zu deutlich anderen Ausgangszahlen: Verified Market Research schätzt das Marktvolumen für 2024 bereits auf 1,15 Milliarden US-Dollar, mit einem prognostizierten Anstieg auf 2,98 Milliarden US-Dollar bis 2032.
Diese Diskrepanz ist kein Rechenfehler, sondern ein Definitionsproblem. Die niedrigere Zahl erfasst ausschließlich eigenständige Softwareplattformen – Abonnements, Lizenzgebühren, App-Umsätze. Die höhere Zahl schließt integrierte Hardware-Software-Ökosysteme ein: Peloton-Abonnements, iFIT-Lizenzen, gebündelte Dienste von NordicTrack. Wer die Zahl zitiert, sollte sagen, welche Abgrenzung dahintersteht.
Für die Analyse belastbar ist der kleinste gemeinsame Nenner: Der reine Softwaremarkt liegt 2025 im dreistelligen Millionen-Dollar-Bereich, wächst mit hoher Wahrscheinlichkeit im einstelligen Prozentbereich jährlich, und der Gesamtmarkt – inklusive Hardware-Software-Bundles – dürfte die Milliardengrenze bereits überschritten haben. Genaue Daten für 2023 sind in keiner der vorliegenden Quellen ausgewiesen; die meisten Berichte setzen ihre Basisjahre bei 2024 oder 2025 an.
Der Pandemie-Effekt: Treiber oder Verzerrung?
2020 und 2021 waren außergewöhnliche Jahre. Fitnessstudios schlossen, Smart-Trainer wurden knapp, Zwift-Server stürzten unter der Last ab. Der Umsatz im europäischen Indoor-Cycling-Softwaremarkt lag 2021 bei 66,75 Millionen US-Dollar – für 2028 prognostizieren Marktforscher 123,24 Millionen US-Dollar bei einer CAGR von 9,2 %.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Pandemie den Markt vergrößert hat – das hat sie zweifellos. Die Frage ist, wie viel von diesem Wachstum strukturell ist. Drei Indikatoren sprechen für Nachhaltigkeit:
Erstens haben sich die Nutzungsgewohnheiten verändert. 63 % der amerikanischen Indoor-Radfahrer nutzen laut Markterhebungen mobile Cycling-Apps für strukturierte Trainingsprogramme, während 57 % der Fitness-Enthusiasten App-basierte Angebote wegen ihrer 24/7-Verfügbarkeit bevorzugen. Diese Präferenz für ortsunabhängiges, zeitflexibles Training ist keine Pandemie-Eigenart; sie spiegelt einen breiteren Trend zur Individualisierung von Sportroutinen.
Zweitens sind die Einstiegshürden gesunken. Günstigere Smart-Trainer haben die Hardware-Verbreitung erhöht, was die Software-Nachfrage treibt.
Drittens investieren die Plattformen in Spielmechaniken, die Bindung erzeugen: Ranglisten, virtuelle Rennen, soziale Komponenten. Rund 36 % der Cycling-Apps enthalten Gamification-Elemente, 52 % der Nutzer nehmen an virtuellen Rennveranstaltungen teil.
Gegen eine rein optimistische Lesart spricht der Fall Peloton: Der bekannteste Hybrid-Anbieter erlebte nach dem Pandemie-Hoch erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten. Das zeigt, dass der Markt reifer und kritischer geworden ist – Plattformen müssen echten Mehrwert liefern, nicht nur Zugang verkaufen.
Wer den Markt führt – und wie sicher diese Führung ist
Zwift gilt als Marktführer, mit über einer Million registrierten Nutzern weltweit. Die Plattform vereint virtuelle Welten, soziale Interaktion und strukturierte Trainingspläne. Ihre Stärke ist die Community: Wer einmal dort trainiert, wechselt ungern, weil die sozialen Netzwerke und Trainingsgruppen mitgehen müssten.
TrainerRoad besetzt das andere Ende des Spektrums: kein Schnickschnack, maximale Datenorientierung, strukturierte Wochenplanung für Leistungssportler. Rouvy punktet mit realistischen Videoaufnahmen echter Strecken, kombiniert mit adaptivem Widerstand; MyWhoosh ist kostenlos und hat sich als offizieller Partner der UCI für die Esports World Championships ab 2024 positioniert.
Exakte Marktanteile veröffentlicht keiner der Anbieter. Die Proxy-Zahl: Virtuelle Video-Software hält 61 % des Softmarktsegments, 74 % der Nutzer bevorzugen immersive Umgebungen gegenüber reinen Daten-Plattformen. Das begünstigt Zwift und Rouvy strukturell.
Konsolidierung zeichnet sich ab. Rouvy hat FulGaz übernommen; Elite Wheels berichtet, dass Zwift Rouvy akquiriert hat – was, falls bestätigt, den Markt erheblich verengen würde. Fusionen und Übernahmen sind typische Zeichen, dass ein Markt seine erste Wachstumsphase hinter sich hat und in eine Konsolidierungsphase eintritt.
Abo-Modell schlägt alles
Das Abonnement-Segment dominierte den Markt 2025 mit einem Anteil von rund 72 %. Das ist keine Überraschung: Wiederkehrende Einnahmen erlauben kontinuierliche Produktentwicklung, senken Abwanderungsrisiken und ermöglichen präzisere Nutzerdatenanalysen. Für Nutzer ist ein monatliches Abo oft leichter zu rechtfertigen als ein Einmalkauf, der nach zwei Jahren veraltet sein kann.
Der B2B-Kanal wird unterschätzt. 58 % der Fitnessstudios nutzen Indoor-Cycling-Apps für strukturierte Trainingsprogramme und Leistungsverfolgung. Die Durchdringung ist noch gering; das Wachstumspotenzial liegt in der Verbreitung auf dem kommerziellen Markt – Gruppenlizenzen, Instruktoren-Tools, betriebliche Gesundheitsförderung.
Technologie als Differenzierer
Drei technologische Entwicklungen prägen die Marktrichtung:
KI-Coaching ist in 41 % der Trainingsplattformen integriert. Was heute als adaptiver Trainingsplan gilt, wird in zwei bis drei Jahren als Basisfunktion gelten – wer sie nicht anbietet, verliert im B2C-Markt.
VR-Integration hat die gemessene Trainingsimmersion in Tests um 39 % verbessert. Der Engpass ist nicht die Software, sondern die Hardware: VR-Headsets bleiben teuer und klobig; Apple Vision Pro, Meta Quest und ihre Nachfolger werden entscheidend sein, wie schnell sich dieser Kanal öffnet.
Smart-Bike-Vernetzung ist heute Standard, nicht Differenzierungsmerkmal. 52 % der Apps unterstützen Herzfrequenz- und Trittfrequenz-Überwachung. Der nächste Schritt ist die tiefere Geräte-Software-Integration: Plattformen, die Widerstand, Neigung und Lüftung direkt steuern.
Geografie: Nordamerika führt, Asien-Pazifik holt auf
Nordamerika hält den größten Marktanteil, getragen von hoher Technikaffinität, vergleichsweise hohen Haushaltseinkommen und einer Heimfitness-Kultur, die vor Zwift schon existierte. Europa folgt mit wachsenden Volumina und ist ebenfalls ein starker Markt.
Der Asien-Pazifik-Raum gilt in allen vorliegenden Berichten als am schnellsten wachsendes Segment, ohne dass verlässliche Länderdaten verfügbar wären. Das Wachstumspotenzial ist real – wachsende Mittelschicht, steigende Gesundheitsausgaben, rapide Smartphone-Penetration –, aber die Marktstruktur ist anders: Lokale Plattformen dominieren in China, der Wettbewerb mit westlichen Anbietern verläuft auf anderem Terrain.
Einordnung gegen die Effizienz-Achse
Aus Effizienz-Perspektive ist Indoor-Cycling-Software ein Markt mit strukturellen Vorteilen gegenüber klassischen Fitness-Abonnements: keine Raummiete, keine Geräteabnutzung, grenzenloses Skalieren. Die Grenzkosten eines weiteren Nutzers sind für eine Plattform wie Zwift marginal. Das erklärt die hohen Margen im Abo-Modell und gleichzeitig den Konsolidierungsdruck – ein Markt mit niedrigen Grenzkosten neigt zur Konzentration auf wenige Plattformen mit Netzwerkeffekt.
Die nächste Prüfung für den Markt liegt in der Fähigkeit der Anbieter, Nutzer zu halten, die nach der Pandemie-Euphorie Gewohnheiten hinterfragt haben. Ob der Markt die prognostizierte CAGR von 8,7 % tatsächlich über ein Jahrzehnt trägt, wird sich daran entscheiden, ob KI-gestütztes Coaching und bessere Hardware-Integration einen echten Mehrwert liefern – oder nur teurere Versionen desselben Angebots.
