Binnen einer Woche hatte das Unternehmen rechnerisch rund 600 Milliarden Dollar Börsenwert verloren. Elon Musk war kurzzeitig Trillionär gewesen. Dann war er es nicht mehr.
Das ist die Kurzkurzversion eines Börsengangs, der am 12. Juni 2026 stattfand und seitdem die Frage aufwirft, was diese Bewertung eigentlich trägt.
Was die Zahlen sagen – und was nicht
SpaceX erzielte 2025 einen Umsatz von 18,7 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen schrieb dabei einen Nettoverlust von 4,94 Milliarden Dollar. Im ersten Quartal 2026 kamen weitere 4,3 Milliarden Dollar Verlust auf 4,69 Milliarden Dollar Umsatz hinzu. Das KI-Segment allein verursachte im abgelaufenen Geschäftsjahr operative Verluste von 6,355 Milliarden Dollar bei 3,2 Milliarden Dollar Umsatz.
Die angestrebte Bewertung von rund 1,75 bis 1,8 Billionen Dollar entspricht dem Etwa-94-Fachen des Jahresumsatzes 2025. Das ist keine Schieflage, die sich durch ein starkes Quartal schließt.
Morningstar-Analyst Nicolas Owens beziffert den fairen Wert auf 63 Dollar je Aktie – ein Abschlag von 53 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis. Sein Modell setzt den Unternehmenswert bei rund 780 Milliarden Dollar an, weniger als die Hälfte des IPO-Ziels. Das Rating: „sehr hohe Unsicherheit". Auch Ratingagenturen verliehen SpaceX trotz negativer Cashflows Investment-Grade-Ratings (Baa1 von Moody's, BBB+ von Fitch, BBB von S&P) – gestützt auf Marktstellung und Zukunftsaussichten, nicht auf aktuelle Erträge.
Die Anleihe: 20 Milliarden Dollar und eine Frage der Reihenfolge
Tage nach dem Börsengang emittierte SpaceX Senior Unsecured Notes im Volumen von mindestens 20 Milliarden Dollar. Der Zweck: Ablösung eines Brückenkredits, der unter anderem für die Übernahme von xAI aufgenommen worden war. Arrangiert wurde das Geschäft von BofA, Citi, Goldman Sachs, JPMorgan und Morgan Stanley.
Die Sequenz ist bemerkenswert. SpaceX nimmt Eigenkapital über den Börsengang auf – und sofort danach Fremdkapital in annähernd gleicher Höhe. Das IPO finanziert also nicht primär zukünftiges Wachstum, sondern refinanziert zurückliegende Übernahmen. Nachfrageberichte sprachen von einem Orderbuch, das das Angebot bei Weitem überstieg; gleichzeitig trug die Emission ein MSCI-ESG-Rating von CCC – einer der niedrigsten Kategorien. Für ESG-mandatierte institutionelle Investoren ist das ein realer Ausschlussfaktor, der das Käuferuniversum einengt.
Die KI-Wette: Was SpaceX verspricht und was das kosten soll
Die Unternehmensbewertung ist keine Wette auf Raketenstarts. Sie ist eine Wette auf orbitale KI-Infrastruktur.
Im Februar 2026 fusionierte SpaceX mit xAI. Im Mai wurde die Übernahme von Anysphere – dem Entwicklungs-Assistenten Cursor – für rund 60 Milliarden Dollar bekannt. Parallel laufen Verträge mit Google und Anthropic über die Bereitstellung von Rechenkapazität; der Deal mit Anthropic allein soll über drei Jahre rund 45 Milliarden Dollar umfassen, der Gesamtwert beider Vereinbarungen liegt bei rund 75 Milliarden Dollar.
Das Kernprojekt heißt intern „Starmind": bis zu eine Million KI-fähige Satelliten im Orbit, ausgestattet mit Solarpaneelen von etwa 70 Metern Spannweite und Flüssigkeitskühlung für KI-Chips. In Texas entsteht eine „Gigasat"-Fabrik für die Massenproduktion. Erste Tests orbitaler Rechenzentren plant SpaceX bis 2027.
Die Physik stellt sich quer. Für die Rechenkapazität eines einzigen terrestrischen Großrechenzentrums sind nach aktuellen Schätzungen rund 8.000 solcher Satelliten nötig. Latenz, Energiedichte, Wartungszyklen im Orbit – das sind keine marketingtechnischen Fußnoten, sondern Konstruktionsprobleme, die den Zeitplan der ambitioniertesten Hochrechnung sprengen können. Die Entwicklung des Starship-Trägersystems, das den Transport der benötigten Nutzlasten erst möglich macht, liegt nach vorliegenden Berichten hinter dem Zeitplan.
Die Umsatzprognosen für das KI-Geschäft gehen trotzdem steil. Goldman Sachs schätzt den KI-Umsatz für 2030 auf 322 Milliarden Dollar. Analysten von Evercore ISI projizieren für 2031 einen Gesamtumsatz von 755 Milliarden Dollar aus der KI-Sparte allein. Das entspräche – gegenüber 3,2 Milliarden Dollar KI-Umsatz im Jahr 2025 – einem Wachstum um den Faktor 235 in sechs Jahren. Die Prognosen sind nicht heimlich; sie sind das eigentliche Produkt, das SpaceX am Kapitalmarkt verkauft.
Achsen-Einordnung: Effizienz und Marktstruktur
Auf der Effizienz-Achse ist SpaceX ein Sonderfall. Im Kerngeschäft – Raketenstarts, Starlink-Breitband – erzielt das Unternehmen reale Skalierungsvorteile. Die Wiederverwendungsrate des Falcon-9-Boosters hat die Startkosten im Markt dauerhaft verschoben; kein anderer Anbieter kommt derzeit auch nur annähernd an die Startfrequenz heran.
Das KI-Segment ist das Gegenbild. Es erzeugt Verluste, die den operativen Gewinn des Raumfahrtkerns auffressen und darüber hinausgehen. Solange das so bleibt, finanziert das profitable Raumfahrtgeschäft eine KI-Expansion, deren Rentabilitätshorizont im Wesentlichen von Prognosen abhängt, die kein Analyst aus laufenden Zahlen ableiten kann.
Investor Ron Baron, der beim Börsengang eine weitere Milliarde Dollar investierte und seine Beteiligung mit rund 25 Milliarden Dollar bewertet, hält eine Unternehmensbewertung von 10 bis 30 Billionen Dollar für realistisch – getrieben allein durch Starlinks Potenzial. Das ist die obere Flanke. Die untere beschreibt Morningstar mit 63 Dollar je Aktie. Zwischen diesen Ankerpunkten fehlt ein Konsens, der irgendetwas über den tatsächlichen Wert verrät.
Was der Kursrutsch zeigt
Der Absturz von 225 auf unter 155 Dollar je Aktie innerhalb weniger Handelstage ist kein Beweis für Überbewertung – Kurse überschießen im IPO regelmäßig, in beide Richtungen. Er ist aber ein Hinweis darauf, dass der Markt kein stabiles Modell für SpaceX hat.
Was fehlt, ist die mittlere Erzählung: SpaceX ist weder ein normales Wachstumsunternehmen, das man mit Tech-Multiples bewerten kann, noch ein Infrastrukturunternehmen mit stabilen Cashflows. Das Kerngeschäft verdient Geld oder liegt kurz davor; das KI-Geschäft verbrennt es schneller, als Prognosen es einholen können.
Die strukturelle Frage für Investoren lautet nicht, ob Musk mit Starmind recht hat. Sie lautet: Zu welchem Preis ist das Risiko fair eingepreist, dass er es nicht bis 2030 umgesetzt bekommt – oder dass die Kosten, es umzusetzen, alle Gewinne auffressen? Morningstar setzt diese Grenze bei 63 Dollar. Beide können sich nicht irren.
Auflösung: Bis Ende 2027 sollten erste Testergebnisse der orbitalen Rechenkapazität vorliegen. Bleiben sie aus oder fallen sie unter die prognostizierte Leistung, verliert die Bewertung ihren wichtigsten Träger.
