Er überprüft, ob der Schiedsrichter den richtigen Spieler erwischt hat. Dazu Countdowns für Einwürfe, Zwangspausen für behandelte Spieler, feste Trinkpausen unabhängig vom Thermometer, ein 10-Sekunden-Limit für Auswechslungen. Acht neue Regeln auf einmal, ein Turnier als Laborversuch. Die FIFA nennt das Modernisierung. Es ist, bestenfalls, eine Verwechslung von Präzision mit Spielgefühl.

Zunächst das stärkste Argument für die Reform: Der Fußball hat ein echtes Zeitspiel-Problem. Schiedsrichter haben jahrelang zugeschaut, wie Torhüter Abstöße hinauszögern, Einwechslungen zur Taktik werden, Behandlungen zum Instrument. Studien über Nettospielzeiten bei Weltmeisterschaften zeigen konstant erschreckend niedrige Werte. Der VAR hat zudem reale Fehlentscheidungen korrigiert, Tore zu Recht aberkannt, Spielerverwechslungen aufgeklärt. Wer das wegdiskutiert, macht es sich leicht.

Aber das stärkste Argument für die Reform scheitert an der Reform selbst.


Patrick Ittrich, Bundesliga-Schiedsrichter und einer der sachkundigsten Kritiker auf dem deutschen Markt, urteilt über die Zeitspielregeln knapp: „Das bringt gar nichts." Nicht Polemik, sondern Befund. Die Erfahrung aus den ersten WM-Spielen deutet darauf hin, dass Verzögerungen sich schlicht verlagern – von der Auswechslung zum taktischen Foul, vom Einwurf zur Spielertraube um den Schiedsrichter. Zeitspiel ist kein technisches Problem, das sich durch Countdown-Anzeigen löst. Es ist ein Anreizproblem: Wer verliert, zieht die Zeit. Die Regel bestraft das Symptom, nicht die Logik dahinter.

Bernd Heynemann, früherer WM-Schiedsrichter, benennt die eigentliche Gefahr: zu viele Änderungen gleichzeitig. Acht neue Regelkomplexe, alle auf einmal, ein Turnier mit 104 Spielen als Bewährungsprobe. Das ist kein reformerischer Mut, das ist ein Stresstest am lebenden Objekt – mit dem Schiedsrichter als Versuchskaninchen, das jeden Countdown überwachen, jeden Mund beobachten, jede Auswechslung stoppen und gleichzeitig das Spiel leiten soll.


Die Trinkpausen verdienen einen eigenen Blick, weil sie exemplarisch für das Denkmuster stehen. Eine feste Unterbrechung pro Halbzeit, unabhängig von Temperatur und Spielstand. Das klingt nach Fürsorge für die Spieler. Tatsächlich schaffen feste Trinkpausen das, was Zeitspielregeln verhindern wollen: erzwungene Spielunterbrechungen, die taktische Anpassungen ermöglichen. Beim Stand von 1:0, zwei Minuten vor Ablauf der Halbzeit, weiß jeder Trainer, dass gleich eine Dreiminutenpause kommt. Die FIFA kämpft mit einer Hand gegen Zeitspiel, mit der anderen baut sie es in den Spielplan ein. Das ist keine Inkonsistenz aus Versehen – es ist eine Inkonsistenz aus Kalkül, denn die Trinkpausen werden von Sponsoren gefüllt.

Die taz schrieb nach den ersten Spielen, die Reformen seien „ausnahmsweise viel richtig gemacht". Das ist zu freundlich. Einige Regeln stimmen in der Intention: Die Lex Prestianni – Rot für das Zuhalten des Mundes bei Konfrontationen – ist eine ernste Reaktion auf reale Diskriminierung im Fußball. Der Impuls, halbautomatische Abseitserkennung zu beschleunigen, ist richtig. Sechzehn Spezialkameras, 3D-Scans, KI-gestützte Spielerverfolgung: Wenn Abseits schneller entschieden wird, ohne minutenlanges Videostudium, ist das ein echter Gewinn.

Aber die Abseitserkennung ist das Gegenteil der restlichen VAR-Erweiterungen. Sie beschleunigt. Die anderen verlangsamen.


Der VAR darf jetzt Eckbälle überprüfen, die zu Toren führten. Er darf eingreifen, wenn eine zweite Gelbe Karte „offensichtlich unberechtigt" war. Er darf Vergehen vor Standardsituationen nachprüfen. Das ist die kritische Frage: Was genau ist „offensichtlich"? Ittrich nennt einen konkreten VAR-Eingriff während des Turniers einen „absoluten Prozessfehler" – keine Empörung, sondern Fachkritik an der Anwendungspraxis. Wenn die Klausel „offensichtlich unberechtigt" so weit ausgelegt wird, dass der VAR bei jeder zweiten Gelb-Roten Karte eingreift, ist nicht die Entscheidung korrigiert, sondern die Schiedsrichterautorität auf dem Platz untergraben.

Ein Schiedsrichter, der weiß, dass seine Gelb-Rote Karte im nächsten Moment vom Bildschirm revidiert werden kann, zieht sie seltener. Das ist kein theoretisches Risiko. Die Einführung des VAR hat bereits bei anderen Entscheidungen gezeigt, wie sich die Psychologie auf dem Platz verschieben kann. Mehr VAR-Befugnisse bedeuten mehr VAR-Checks, und mehr VAR-Checks bedeuten mehr Spielunterbrechungen – genau das, was die Zeitspielregeln verhindern sollen.


Die eigentliche Fehlentwicklung ist strukturell: Das IFAB beschließt Regeln für ein Spiel, das von Millionen auf Amateurebene gespielt wird, aber ausschließlich mit Blick auf 104 WM-Spiele mit Hochleistungsschiedsrichtern, Videowänden und 3D-Kameras. Die 10-Sekunden-Auswechslungsregel, der 5-Sekunden-Countdown, erweiterte VAR-Befugnisse – alles davon setzt eine technische und personelle Infrastruktur voraus, die im Kreisligabetrieb nicht existiert. Das IFAB hat sich damit dem Vorwurf ausgesetzt, zwei Regelwerke zu schreiben – eines für das Spiel, eines für das Spektakel. Das löst das Problem nicht. Es schiebt es auf.

Gianni Infantino hat die WM 2026 von 32 auf 48 Teams aufgestockt, das Turnier auf drei Länder verteilt und gleichzeitig eine Reihe neuer Regeln eingeführt. 104 Spiele, neue Regeln, neue Schiedsrichterteams aus Verbänden mit unterschiedlicher Auslegungstradition und dazu eine Technologie, deren Latenzzeiten noch nicht vollständig erprobt sind. Das ist kein Reformprogramm. Das ist ein Versprechen, das beim ersten inkonsistenten VAR-Eingriff in einem Viertelfinale implodiert.

Fußball war nie fair. Er war immer chaotisch, ungenau, menschlich. Das Spiel lebt nicht trotz dieser Eigenschaft, sondern wegen ihr. Wer sie mit Countdowns und Kameras vertreibt, regelt nicht den Missbrauch heraus. Er regelt das Spiel weg.